laut.de-Kritik
Post-Hardcore ohne Gitarre.
Review von Steffen EggertPost-Hardcore ohne Gitarre? Schwer vorstellbar. Vor allem, wenn man das sonst dominierende Instrument durch ein Banjo ersetzt. Klingt komisch, das tut es in der Tat, aber dafür alles andere als schlecht.
Show Me The Body betreten vor gut einem Jahrzehnt die Bildfläche und erlangen schon bereits kurz nach dem Erscheinen ihrer Debüt EP die Aufmerksamkeit von Loma Vista Recordings, die sich fortan für die Outputs des Trios verantwortlich zeigen. Unter den recht zahlreichen Veröffentlichungen befinden sich bereits drei Longplayer, die neben der schon recht besonderen Musik auch durch die behandelten, gerne konzeptionellen Themengebiete hervorstechen.
Als New Yorker Band hat man ja beinahe schon obligatorisch die musikalischen Wurzeln wenigstens teilweise im Hardcore liegen, hat die Stadt doch sogar ihr eigenes Subgenre hervorgebracht. Allerdings könnte sich die Musik auf "Alone Together" klanglich wie auch inhaltlich kaum deutlicher von jener der dort herrschenden Protagonist*innen unterscheiden. Nach einer leicht käsig anmutenden Ouvertüre mit Bläsern, Spoken Word Anteilen und allerhand stark in den Hintergrund gemischten Trommelorgien zeigt sich mit "Eat For Peace" der erste Höhepunkt des Albums. Die durch ein garstiges Distortion Pedal gespielten Banjo-Riffs (es fällt in der Tat schwer, etwas derartiges zu schreiben, es ist auch für mich das erste Mal) brutzeln mit dem verzerrten Bass um die Wette, die aggressiven, vielseitigen Drums sind quasi überall.
Darüber singt Julian Cashwan Pratt drängelnd und doch irgendwie gleichgültig seine kryptischen Lyrics, und alles klingt wie die moderne Version von 80s Hardcore-Punk á la Black Flag und Konsorten. In der kurzen Zeit schleichen sich Erinnerungen von Crust Punk und gar Industrial ins Bild, und es fällt schwer, alles zu ordnen.
Songs wie "No God" und "Good Time" leben vor allem von vertracktem Chaos, Grooves und geschickt versteckten, auf Anhieb wenig gefälligen Melodien. Es wird gesprochen, geschrien, gerappt, alles passt überraschend gut zusammen und transportiert gemischte Gefühle. Es wechselt das Tempo, es wird pausiert, alle verausgaben sich und man kommt kaum zum Luftholen, erst recht nicht zum Reflektieren, mit was man es denn gerade zu tun hat. Dancy und mit elektrischen Feinheiten und dissonanten Feedbacks gespickt schwingt die klare Herkunftskritik "Dance In The USA" ("Sun shines in hell, sun shines in the city, sun shines in the USA") heran, nur um sich irgendwann selbst in manischer Raserei zu vergessen. Allerdings wird hier weniger geschrieben, sondern in weiten Teilen mit Erzählstimme gearbeitet, wie es unter anderem La Dispute seit je her gerne tun.
Alle Songs leben von Einflüssen aus anderen Genres. "Do What's Right (Happy)" funktioniert in der Schnittmenge zwischen Doom und Grunge, "Mileage" wildert im Sludge Metal, alle Songs sind in sich völlig unterschiedlich und passen doch zusammen.
Nach dem bekifften Intermezzo namens "Interlude", erneut mit Bläsereinsatz und dezenten, eigenartigen Reggae-Beats zeigt sich eine ganz andere, nicht weniger besondere Seite des Albums. Das traurige "See You Again" gibt dem fellbespannten Hauptinstrument deutlich mehr Raum und geht als die Ballade des Albums durch. Die Rhythmik ist klar dem Hip Hop entliehen, der Gesang in Form des erzählenden Fronters ist schlicht ergreifend und unfassbar emotional. Für Highlights in der ohnehin schon rührenden Stimmung sorgen die Drums, die immer wieder zum Sprung ansetzen und in der Luft verhungern. Großes Tennis, keine Frage.
Der klar beste Song des Albums "Trust" beginnt ähnlich und bedient sich anfangs einer ebenso ruhigen Stimmung. Der einzige Unterschied besteht allerdings darin, dass hier zum allerersten Mal im Album positive, hoffnungsvolle und gewissermaßen bekräftigende Töne angeschlagen werden. Die Melodien erscheinen verträumt, das Banjo vernachlässigt die räudige Zerre und spielt im klassischen Stil. Bizarrer Weise erinnert all das mehr als nur entfernt an Southern Rock, der ja im Hardcore meines Wissens bisher kaum ein Rolle gespielt hat, aber hier wie selbstverständlich Teil des Ganzen sein darf. Das Stück baut sich nach und nach auf, das gesprochene Wort wird dichter, die Musik auch, Noise-Parts legen sich auf die Harmonien und treiben den Song zum Höhepunkt des Albums.
Nach einem als "Finale" bezeichneten, fast schon quälend langen Schluss-Skit im pompigen Hip Hop-Gewand könnte das Album eigentlich sein verdientes Ende finden, wäre da nicht noch der Titeltrack. Wie eine paradoxe Intervention zum Ausklang des Werks herrschen hier Beats, kratzige Raps und prolliger Gesang. Sogar ein Metal-Riff das man irgendwie in einen Industrialmantel gehüllt hat, schafft es in den Song. Irre, aber extrem beeindruckend.
"Alone Together" wurde inspiriert durch den Tod eines engen Freundes des Bandkopfs, Musik und Texte beschäftigen sich hauptsächlich mit der Verarbeitung des Vorfalls. Neben Trauer, Wut und Verzweiflung finden sich trotzdem Momente der Hoffnung und schaffen dieses krasse Wechselbad der Gefühle. Bei genauerer Betrachtung findet sich das Konzept des Albums bereits in der ersten artikulierten Zeile des Albums: "Radical love compels me to fight". Starke Worte, starkes Album.


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