laut.de-Kritik

So viel Licht durchdringt den Weltschmerz des Grunge selten.

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Mit Angst, Horror-Szenarien oder unheimlichen, schwindelerregenden Höhen, "Horrorful Heights", hat diese Platte musikalisch eher wenig zu tun. Sie ist sanft und behutsam. Für eine Band, die zu je einem Viertel für Psychedelia ("Naked Air", "Sink Estate"), Alternative ("A Simple Pursuit"), Verstärker-Rock ("That's Your Lot") und Grunge steht, wirkt die Scheibe auffallend gesetzt. Über eine krasse Höhe wird aber niemand hinweg hören können - die Stimmlage Nick Salomons!

Der Bandleader übertrifft sich hier, im jugendlichen Alter von 73 Jahren selbst, in Zartheit, Helligkeit und streckenweise gar Falsett. So viel Licht durchdringt den Weltschmerz des Grunge selten. The Bevis Frond fingen vor 40 Jahren an, als diese Subkultur sich ausbreitete. Tracks wie "Mossback's Dream" deuten das mit ihren verschwurbelten, unerbittlich schiefen Riffs an. Wenngleich The Bevis Frond nicht aus Seattle, sondern aus dem Nord-Londoner Bezirk Walthamstow stammen.

Was sie stets gerne taten, war viel Output auf einen Schlag zu liefern. In ihren Anfangsjahren überschlugen sie sich mit vielen Releases binnen kurzer Zeit. Heute, auf Fire Records, fahren sie lange, üppige Doppel-CDs auf. 88 Minuten umfasst "Horrorful Heights" und bietet Raum für epische, sägende Gniedel-Soli.

Bei den kurzen Cuts wie "Buffaloed" setzt sich hingegen die Kristallklarheit des Singer/Songwriters mit Blick auf alltägliche und zwischenmenschliche Themen durch. "Bin ich nur hier um dein Ego zufrieden zu stellen?", fragt Salomon da in einem Folkpop-Arrangement von Byrds-artiger Transparenz. Jangle-Pop nannte man das in den Sixties mal, und mit diesem Begriff hat die Fachwelt The Bevis Frond ab und an beklebt. Die Wurzeln, aus denen diese langlebige Gruppe ihre Kraft zieht, sind jedoch verzweigter.

Manche gewollt kontraintuitiven Harmonien entsprechen dem Geist von "Revolver" und schließen ansatzweise auch das Aufsaugen indischer Raga-Suiten ein. Umso Trance-hafter schwingt "Silver Insects", umso fremdländischer walzt sich der Titeltrack seinen Weg. Gelegentlich hört sich Salomon zum Verwechseln ähnlich den zittrigen Momenten von David Thomas bei Pere Ubu (etwa deren "Sleep Walk") an. Dann wieder schleusen The Bevis Frond Country-Nuancen und Wüsten-Rock frei nach Howe Gelb oder Chuck Prophet ein, siehe "Momma Bear". New Wave mit Synth-Orgel bekommt die Band von der Themse ebenfalls gut gebacken, wie "Square House" kraftvoll beweist und sich in die Nähe von Fischer-Z schiebt. Smarten Britpop gibt es in "Draining The Bad Blood".

Das dröhnende "Space Age Eyes" bietet weniger Melodiosität als Hawkwind und Saxon zusammen, trägt sich jedoch vortrefflich über knapp zehn Minuten. "Hiss" trumpft mit der Funkiness der Red Hot Chili Peppers auf und kreuzt diese mit Hendrix, "Animal Man" wummert auf den Schneisen, die auch das Dan Reed Network schlägt und flirtet mit Garage. Mit dem punkig-erdigen "King For A Day" samt Text-Referenz zu Johnny Marr kommt noch eine weitere Schattierung mit ins Spiel. Zudem gilt im Verlauf der fast achtminütigen Performance: 'Willkommen in der Kakophonie!'

Der heimliche Hit des Longplayers heißt "Quietly" und tänzelt in edler Anmut. Der Plot im Liedtext: Da zeigt jemand bei einem Date seine Plattensammlung voller Raritäten und vergriffener Vinyl-Originale aus der ehemaligen Sowjetunion, die im Obergeschoss lagern. Doch all das kann die zu beeindruckende eingeladene Frau nicht fesseln. Sie verschwindet leise, "she's disappearing quietly". Das Kammermusikalische und der Impressionismus pflegen einen Touch Tindersticks. Diese facettenreiche Scheibe hat durchweg Hand und Fuß und klingt oft überraschend. Sie zeigt, dass Nick Salomon noch voller Ideen sprudelt und zu Recht auf eine 20 Songs-Tracklist setzt.

Trackliste

CD1

  1. 1. A Mess Of Stress
  2. 2. Best Laid Plans
  3. 3. Square House
  4. 4. Quietly
  5. 5. Space Age Eyes
  6. 6. Naked Air
  7. 7. Horrorful Heights
  8. 8. Draining The Bad Blood
  9. 9. A Simple Pursuit
  10. 10. Hiss

CD2

  1. 1. Animal Man
  2. 2. Romany Blue
  3. 3. Mossback's Dream
  4. 4. Buffaloed
  5. 5. Silver Insects
  6. 6. That's Your Lot
  7. 7. Sink Estate
  8. 8. I'm Gonna Drag You Into My World
  9. 9. Momma Bear
  10. 10. King For A Day

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