laut.de-Kritik
Tschüss Männerrock, hello Kim Deal-Coolness!
Review von Jasmin LützEs sind diese Alben der 1990er, die einem für immer im Gedächtnis bleiben mit Hits und B-Seiten und auch 30 Jahre später ihren Reiz nicht verlieren. "Last Splash" von The Breeders übt so eine Faszination aus - die Mischung aus Art-Rock, Surf-Grunge und schrägen Pop-Melodien wurde bereits 1994 in den USA mit Platin geehrt. Über eine Million Mal verkaufte sich das Album damals. Die Platin-Platte hängt heute angeblich in Dave Grohls Studio in LA.
Mit "New Year" schleppt sich langsam die Rockgitarre in den Vordergrund. Das Schlagzeug rastet aus, und die Rückkopplung zwischen Verstärker und Mikrofon zelebriert den Beginn einer neuen Freundschaft, die bis heute anhält. Das anschließende "Cannonball" ist der Klassiker unter den Alternative-Rock-Sound-Ohrwürmern der 1990er. Eine feurige Sommer-Hymne mit seiner eingängigen Basslinie zum Mitsingen, kreischende Gitarren und der Stimmen-Dynamik der Schwestern Kim und Kelley Deal. Melodische Strophen, die bis zum Refrain förmlich explodieren: "Want you cuckoo cannonball".
Kim Deal, Bassistin der Pixies gründete gemeinsam mit Gitarristin Tanya Donnelly von Throwing Muses Ende der 1980er The Breeders in Ohio. Das anfängliche Nebenprojekt entpuppte sich bald als Hauptbeschäftigung, hier konnten sich die Girls endlich mal kreativ ausleben. Nach ihrem Debüt Pod (1990) verlässt Tanya die Band und Kim holt ihre Zwillingsschwester Kelley dazu. Sie hat zwar kaum Erfahrung an der Gitarre, aber gerade ihr kantiges Spiel ist heute mit dem Melodien-Schwung ihrer Schwester charakteristisch für den Sound der Breeders. Die Schwestern harmonieren gesanglich und an den Gitarren gemeinsam mit Josephine Wiggs am Bass und Jim Macpherson am Schlagzeug. Sie erschaffen mit ihrem zweiten Album "Last Splash" 1993 eine smarte Platte, deren 15 Songs eingängige Popmelodien, überraschende Klangerlebnisse und gute Indie-Rock-Garage vereinen.
Noch heute überzeugt die Leichtigkeit der Songs, etwa "Invisible Man" oder die Surf-Lässigkeit von "No Aloha" mit schrägen Song-Harmonien, die niemals aggressiv oder wuchtig in Erscheinung treten. In "Roi" wird konsequent geschrammelt und kräftig abgerockt, aber auf coolem Deal-Niveau. "S.O.S." sollte man sich auch noch mal genauer anhören. Hier gibt es keinen Gesang, aber jede Menge Gitarre, ein Riff wird 1996 sogar von Liam Howlett für The Prodigys Firestarter gesampelt und geloopt. Hey Hey Hey!
"Do You Love Me Now" erinnert an gebrochene Herzen - jeder junge Erwachsene sollte mit dieser Melodie seine Höhen und Tiefen durchleben. Bei dieser sehnsuchtsvollen Harmonie bleibt sogar das Männerrock-Auge nicht trocken: "If I saw you now. Could I look in your eyes? Do you think of me. Like I dream of you? Do you wish you were here. Like I wish I was with you? You've loved me before. Do you love me now? Does love ever end. When two hearts have torn away? Or does it go on."
"Flipside" oder die Hitsingle "Divine Hammer" ist die Garage, in die jede Mädchenband eintreten möchte. "Last Splash" ist die sympathischere Form von Perfektion. Da darf es rumpeln und kreischen und einfach mal nach Proberaum klingen ("I Just Wanna Get Along"). Es ist eine Komposition aus genialer Rückkopplung und bittersüßen Melodien. Gesangliche Harmonie und Gitarren-Soli, die niemals nerven und einfach nur zum Tanzen animieren ("Hag").
Kim Deals Songwriting prägt das Album. Das hat auch schon Kurt Cobain damals festgestellt. Er gehört zu den bekanntesten Fans von The Breeders und zählte ihr Debüt "Pod" zu seinen Lieblingsalben. Er beschrieb Kims Gitarrenspiel als einzigartig. Er hätte gerne mehr Songs von ihr bei den Pixies gehört, so wie das Stück "Gigantic" aus dem Jahr 1998. Hier übernahm Kim den Hauptgesang und schrieb den Song gemeinsam mit Black Francis.
Natürlich beherrschten in den 1990ern die Männer die Musikbühne, Frauen wurden schlecht behandelt, belächelt oder einfach kaum wahrgenommen. Kim Deal musste das am eigenen Leib erfahren. Sie wurde von Black Francis nur via Fax darüber informiert, dass es die Pixies nicht mehr gibt. Keine persönlichen Worte. Umso wichtiger, dass Bands wie The Breeders zeigten, dass auch Frauen in diesem Rockpalast eine Rolle spielen. Eine große Hilfe war es, bei bereits berühmten Bands wie Nirvana als Vorband aufzutreten, u.a. bei einigen Shows während der Europa-Tour 1992. Eine wichtige Geste, die den Breeders zu mehr Aufmerksamkeit verhalf. Support your Lieblingsband. Aber viel wichtiger ist die Tatsache, dass Kim Deals großartiges Songwriter-Talent spätestens mit "Last Splash" ernst genommen wurde und sie sich damit endlich aus dem dominanten Schatten von Black Francis lösen konnte.
"Drivin'on 9" ist das Highlight am Ende der Platte. Ein Song, in dem Kims Gesang und das Geigenspiel wunderbar melancholisch mit der Country-Folk-Pop-Landschaft verschmelzen. Ein Wiegenlied, das für immer im Ohr hängen bleibt und an die guten und schlechten Zeiten der 1990er erinnert.
2023 feierte "Last Splash" Geburtstag. Bereits 30 Jahre auf dem Buckel, und die Songs begeistern immer noch alte Fans und neue Anhänger. Die Jubiläumsausgabe enthält zwei Tracks, die bisher noch nicht veröffentlich wurden: "Go Man Go" (noch in Zusammenarbeit mit Black Francis entstanden) und "Divine Mascis" eine andere Version von "Divine Hammer", die The Breeders mit J Mascis von Dinosaur Jr. aufgenommen haben.
Zum Jubiläum gab es auch 2024 eine Europa-Tour in der Originalbesetzung. Neben den Deal-Schwestern begeisterten Josephine Wiggs am Bass und Jim MacPherson am Schlagzeug die Zuschauer, u.a. in Köln und Berlin. Spätestens bei "Cannonball" rastet auch der coolste Typ in der Ecke völlig aus. Es gibt auch immer noch Verspieler, die von der Band und Fans sympathisch gefeiert werden und bei Kim Deals Ausstrahlung und Ansagen verzeiht man sowieso alles. Tschüss Männerrock, hello Kim Deal-Coolness!
In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.


2 Kommentare
Völlig verdienter Meilenstein.
Die Pixies waren nach ihrem Ausstieg nicht mehr dieselben und haben mich nicht mehr so gepackt.
Teenager of the Year von Frank Black hätte ebenfalls einen Meilenstein verdient.
❤