laut.de-Kritik

Retroseliger Goth-Sound zwischen Depeche Mode und Bauhaus.

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Vom gefälligen Indie-Sleaze-Rock zu einer Industrial-Band - ein langer Weg von Mitläufern zu einer spannenden Band, die man beim Debüt noch als okay wahrnahm und nun zum Einstieg in ihr neues Album "Night Life" mit "Ariel" wie die perfekte Vorband zu Depeche Mode klingen. Den Part übernahmen The Horrors 2017 tatsächlich im Rahmen der "Global Spirit"-Tour ihrer Idole.

Den großen Turnaround schafften sie vor Jahren mit "Primary Colours", als sie nur noch in ihrem Bandnamen wie ein The-Band-Relikt aus den Nullerjahren klangen. Die Gruppe aus Bath schaffte damit etwas, woran wohl fast jede damals gefeierte UK-Band später scheiterte: eine überzeugende Weiterentwicklung. So gut, dass ein Chris Cunningham die Musikvideo-Regie übernahm und das Album für den Mercury Prize nominiert wurde.

Der bisherige Höhepunkt "V" kappte endgültig alle Wurzeln zu den frühen Garage-Rock-Sounds-Tagen. In einer Zeit, als sich Depeche Mode endgültig verloren, waren sie plötzlich die bessere Version ihrer Vorbilder aus Jugendtagen. Ein funkelnder Synth-Goth-Traum, mit genau der richtigen Mischung aus Dave Gahan-Theatralik und Bowie-Sternenstaub, der nun auch wieder acht Jahre zurück liegt.

In der Zwischenzeit gab es Neubesetzungen im Line-Up der Band und ein paar EPs, die mit ihrem schwer verdaulichen Industrial-Sound andeuteten, dass The Horrors weiterhin keine Kompromisse eingehen. "Night Life" vertreibt mit seiner kühlen Ruinen-Ästhetik wieder alle, die vielleicht noch an den melodischen Ausflügen des Vorgängers Gefallen fanden.

"Silent Sister" passt nicht mehr ins Depeche-Vorprogramm, eher sollte Trent Reznor hier mal ein paar Überlegungen für die kommende Nine Inch Nails-Tour anstellen. Sein ehemaliger Schützling Marilyn Manson bekommt diese rotzige Intensität schon seit lange Zeit nicht mehr hin, auch wenn Sänger Faris Badwan seine Wut kontrolliert und in "The Silence That Remains" in eine betont emotionslose Starre verfällt.

Das ist bereits viel Goth-Klischee und zeigt bereits früh das Dilemma des Albums, das sehr viel nach den frühen Idolen und so kaum noch nach The Horrors klingt. So ganz überhörbar waren The Cure, Depeche Mode und Bauhaus auch auf den vorigen Alben nicht, aber trotzdem war noch genug eigene Identität drin.

"Lotus Eater" und "Silent Sister" verlassen selten bis gar nicht die Komfortzone zwischen Plagiat und überdeutlicher Bewunderung. Diese Selbstaufgabe passt natürlich zu einem Album, das freudlos in eine dunkle Gegenwart blickt. "The Feeling Is Gone" klingt mit seinem Downtempo und dem Analog-Synth-Sound genau nach einem VHS-Cyberpunk-Film, der 2025 tatsächlich wahr geworden ist. Kriege und Tech-Milliardäre klingen genau nach der Horror-Zukunft, die Blade Runner und Videodrome schon 1982 malten. Wobei "When The Rhythm Breaks" eher wie ein stotternder Glitch-Effekt wirkt, der minutenlang nur ein einziges, sedatives Wabern erzeugt. Positiv bleibt anzumerken, dass "Night Life" durchgehend Wachtraum-Stimmung erzeugt.

Nur der letzte Song "L.A. Runaway" bleibt wirklich greifbar. Schöner Goth-Pop, der nicht im grünen Endzeit-Nebel verschwindet und den schönsten Sisters Of Mercy-Song seit langer Zeit hervor bringt. Ja, das klingt schon fast nach dem Debüt-Sound, als The Horrors noch Lust auf Nachtleben versprühten. Etwas Pech auch, wie The Cure letztes Jahr doch noch den großen Schmerzbrocken "Songs Of A Lost World" veröffentlichten und Depeche Mode mit dem tollen "Memento Mori" noch die Kurve kriegten. Allein "My Cosmos Is Mine" bildet eine Blaupause, an der sich "Night Life" erfolglos abarbeitet.

Das fünfte Album der Horrors besteht im Wettbewerb mit den besten Alben der eigenen Diskografie nicht ganz, weil es bis auf "L.A. Runaway" unter seiner dunklen Wolkendecke mäandert. Einen klaren Ausreißer nach unten gibt es nicht, dennoch darf man nach so langer Pause mehr als retroseligen Goth-Sound erwarten.

Trackliste

  1. 1. Ariel
  2. 2. Silent Sister
  3. 3. The Silence That Remains
  4. 4. Trial By Fire
  5. 5. The Feeling Is Gone
  6. 6. Lotus Eater
  7. 7. More Than Life
  8. 8. When the Rhythm Breaks
  9. 9. L.A. Runaway

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