laut.de-Kritik
Ein Abschied auf dem Höhepunkt.
Review von Michael Schuh40 Jahre Bandhistorie und ein neues Studioalbum namens "Encore", das erste mit neuer Musik seit 37 Jahren: Ska- und Reggae-Fans wussten im Jahr 2019, was die Stunde geschlagen hat. Jahrelang herrschte Eiszeit zwischen den Mitgliedern, plötzlich war alles anders. Der scheue Originalsänger Terry Hall hatte seine Verweigerungshaltung nach langer Krankheit aufgegeben, er ging in den neuen Songs voll auf und sprach darüber sogar mit der Presse.
Die 2019er Tour der Specials war folgerichtig ein einziger Triumphzug. Dass nun erst sieben Jahre später ein Live-Dokument davon erscheint, hat mit dem tragischen Tod Halls im Jahr 2022 im Alter von 63 Jahren zu tun. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Specials-Nukleus aus Hall, Bassist Horace Panter und Gitarrist Lynval Golding bereits ein Studio in Los Angeles gebucht, um mit Co-Produzent Roger Rivas von The Aggrolites ein weiteres Album einzuspielen. Acht rudimentäre Demos existierten wohl bereits, zu mehr kam es nicht mehr.
Als finales Specials-Album dient stattdessen dieses Zeugnis der letzten gemeinsamen Reise. "Für uns waren es einige der unvergesslichsten und emotionalsten Konzerte, die wir je gespielt haben, und diese Aufnahmen sind eine würdige Hommage an unseren wunderbaren und brillanten Freund Terry und eine Feier seines Lebens", so Panter und Golding. Gegenüber BBC Radio 2 ergänzt der Gitarrist: "Mir war nicht klar, wie besonders die Aufnahmen waren, bis wir sie uns noch einmal angehört haben und dachten: Mein Gott, wir waren wirklich in Hochform."
Dem ist nichts hinzuzufügen: Ob in Hamburg, Dresden oder Zürich, die Band glühte lichterloh, lieferte ein Killer-Set und wurde von glückseligen Rude Boys und Skanking Girls abgefeiert. Selbstverständlich erst recht in ihrer Heimat Coventry, einem ehemaligen Zentrum der britischen Autoindustrie, wo sie vier ausverkaufte Konzerte spielten (drei davon sind in einer speziellen 6-CD-Box in voller Länge versammelt).
Wer auf "Live From The Cathedral" im Mittelpunkt steht, deutet schon das Cover an. Ein Blick aus der Sicht des Schlagzeugers zeigt Terry Hall von hinten und die ersten Reihen einer Specials-Show – eine schöne Reminiszenz an das Cover ihrer alten Live-EP "Too Much Too Young", das junge Fangesichter aus dem Jahr 1980 zeigt. Denn die Specials und ihre Fans – das war immer die Kraft, die diese Band ausmachte – worauf die offizielle Veröffentlichung des London-Konzerts "Live At The Moonlight Club" schon 1979 hinwies.
Auch das Setting ist wunderbar gewählt: Die Band, die über Jahrzehnte eine Vorreiterrolle im Kampf gegen Rassismus und Faschismus spielte, tritt in den denkmalgeschützten Ruinen der St. Michael's Cathedral auf, die bei einem Angriff der deutschen Luftwaffe auf Coventry 1940 weitgehend zerstört wurde. So standhaft, wie diese Mauern den Angriffen trotzten, blieb bis zuletzt Terry Halls Kampf gegen eine alarmierend nach rechts abdriftende Gesellschaft. Mit Margaret Thatchers Sturz 1990 wurde die Welt ja nicht besser.
Den Fun Boy Three-Song "The Lunatics (Have Taken Over The Asylum)" widmet Hall daher der "neuen Achse des Bösen: Donald Trump, Boris Johnson and Simon Cowell." Neben solchen Obskuritäten lebt die Scheibe natürlich von den Klassikern der beiden Alben "The Specials" (1979) und "More Specials" (1980), die mit Hall aufgenommen wurden, bevor er die Band für mehr als 30 Jahre verließ.
Ähnlich wie das düstere "The Lunatics" versprüht auch der Opener "Man At C&A" Angst vor einer nuklearen Katastrophe zur Hochzeit des Kalten Kriegs. Im Gegensatz zum zackigen 2-Tone-Ska von Hits wie "Concrete Jungle" und "Monkey Man", die sich die Band für die zweite Hälfte aufspart, baut der Beginn auf bedrohliche Bläser und unruhige Dub-Patterns, zu denen Halls dauerflackernde Paranoia fast noch besser passt. Golding fungiert als perfekter Sparringspartner, dessen Shouts die besondere Specials-Atmosphäre ausmacht.
Neue Songs wie der klassische Reggae "Vote For Me" oder der astreine Rocksteady "Blam Blam Fever" von "Encore" fügen sich gleichwertig neben Hits wie "A Message To You Rudy" und "Nute Klub" ein. Dass die Band auch gerne übersehene Juwelen wie "Do Nothing" und "Friday Night, Saturday Morning" (dem Imbiss "The Parsons Nose" gewidmet, vor dem die Band 1979 fotografiert wurde) berücksichtigte, rundete die perfekten Showabende ab. Streng genommen endete alles mit "You're Wondering Now", ohnehin wohl der perfekte letzte Song.
"Live From The Cathedral" liefert viele Gründe, um wehmütig zu werden. Diese auffällig gut eingespielte Band hätte noch mehr zu sagen gehabt. Terry Halls Stimme klingt grandios. Ein Abschied auf dem Höhepunkt.


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