laut.de-Kritik

Verspielt verspultes Meisterwerk zwischen spacigem Jazz und erdigem Bass.

Review von

Dieses erstaunlich zugleich homogene und hyperkomplexe Debütalbum von 2011 beginnt mit einem lauten Thunder-Thunder-ThunderCats-HooooooO-Intro aus dem Jahr 1985, Zeichentrickfans bekannt von der gleichnamigen Serie um außerirdische Katzenmenschen. Nach diesen hat sich auch der Musiker benannt, der auf seinem Erstling das goldene Zeitalter der Apokalypse ausruft.

Ein erster Hinweis auf den goldigen wie exzentrischen Humor von Stephen Bruner aka Thundercat, der mittlerweile als einer der besten Bassisten unserer Zeit gilt und sich trotz dieses Status eine bodenständige Lässigkeit bewahrt hat, jenseits von sämtlichem Mackergetue- und Arroganzgehabe. Mit dem genre-sprengenden "The Golden Age Of Apocalypse" – co-produziert von Flying Lotus – gelingt ihm das seltene Kunststück, unterschiedlichste Hörerinnen und Hörer zu faszinieren und fortan trotzdem als Kritikerliebling* zu gelten.

Dabei ist Thundercats Jazz-Fusion-R'n'B-Gebräu alles andere als verkopft, vielmehr kommt der frische und flirrende Sound verspielt, verspult und virtuos daher. Und ein wenig verrückt, wie Thundercat selbst – dessen Einflüsse vom "Sonic The Hedgehog"-Megadrive-Game-Soundtrack über das experimentelle wie enigmatische Jazz Rock-Fusion-Album "Emergency!" aus dem Jahr 1960 reichen und der aus einem exorbitant musikalischen Elternhaus stammt, in dem einige Berühmtheiten ein und aus gingen.

Sein Vater ist Schlagzeuger Ronald Bruner Sr., der unter anderem bei The Temptations, Randy Crawford und Diana Ross spielte. Sein älterer Bruder Ronald Bruner Jr. ist ebenfalls Drummer, mit ihm spielte er ab 18 in der Thrash-Metal-Band Suicidal Tendencies, davor war er mit 15 Teil der (zu Recht) vergessenen College-Rock-Boygroup No Curfew wurde (ach ja, Bass spielt er, seit er vier ist).

Thundercat umarmt einfach alle Genres, Hauptsache er kann seinen Bass beackern und das tut er wie kein zweiter. Wer den Wizzard schon mal live erleben durfte, weiß in welchen Bann er das bunt gemischte Publikum zieht, das intellektuelle Jazz-Freaks, punkige Metal-Fans oder auch Neo-Hip Hop-Hipster vereint. Alle sind fasziniert von dem stets extravagant gekleideten Musiker, der auf seinem sechssaitigen Ibanez-Signature-Bass, an dem ein Stofftierchen baumelt, kindliche Spielfreude mit beeindruckendem Professionalismus verbindet.

Es passiert selten, dass ein Debüt eines Solo-Acts, der davor in anderen Bands spielte oder als Sessionmusiker (in Thundercats Fall für u.a. Snoop Dogg, John Legend oder Erykah Badu) fungierte und noch dazu ein solch eigenwilliger Hybrid ist, derart strahlt: Aber die Unberechenbarkeit von "The Golden Age Of Apocalypse" zwischen Emotion und Experiment ist derart unwiderstehlich, dass das Album in gewisser Weise sein eigener cooler Cartoon ist – angesiedelt in der Zukunft und im Space mit vielen Abenteuern und Ausflügen.

Diese Exkursionen führen uns in Jazz-Futurismus-Gefilde à la Herbie Hancock, Retro-Soul-Stücke im Stile eines Bill Withers und Cosmic-Psychedelic-Vibes, die an Stereolab erinnern. Der Opener "Daylight" eröffnet ganz in diesem Sinn strahlend optimistisch spacig den kommenden Musikreigen aus luftigen, poppigen und catchy Songs.

Was folgt sind federleicht umgesetzte komplexe Melodien, die sich zwischen Jazz, Neo-Soul, Yacht-Rock, Electronica, Funk oder Hip-Hop mühelos und unique bewegen. Mal instrumental mit zuckenden wie zärtlichen Bassläufen beispielsweise in "Fleer Ultra", oder popperlend im La-La-La-Ohrwurm "Walkin'" und dann wieder mit harmonischen Sixties-Vocals unterlegt wie in "Is It Love"? Kurze Antwort: Yeah.

*siehe auch die prompten und patzigen Kommentare hier auf laut.de

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Hooooooo
  2. 2. Daylight
  3. 3. Fleer Ultra
  4. 4. Is It Love?
  5. 5. For Love I Come
  6. 6. It Really Doesn't Matter To You
  7. 7. Jamboree
  8. 8. Boat Cruise
  9. 9. Seasons
  10. 10. Golden Boy
  11. 11. Walkin'
  12. 12. Mystery Machine (The Golden Age Of Apocalypse)
  13. 13. Return To The Journey

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