laut.de-Kritik
Tschick, Tod und Tanz: Es lebe Austropop-Legende Ambros.
Review von Kerstin KratochwillDer Wiener Zentralfriedhof: Mythischer Ort der Stadt, letztes Zuhause von Falco, Udo Jürgens oder Hedy Lamarr, Heimat des unsterblichen Humors mit Merchandising-Slogans wie "Ich turne bis zur Urne", "Rauchen sichert unsere Arbeitsplätze" oder dem Würstelstand "Eh Scho Wuascht" um die Ecke. Und natürlich viel besungene Stätte, die tief in der österreichischen Popkultur verankert ist – am berühmtesten ist wohl die Hommage "Es Lebe Der Zentralfriedhof" von Wolfgang Ambros aus dem Jahr 1975.
Das gleichnamige Album ist ein Austropop-Klassiker, auf dem weiteren Ikonen der Wiener Kultur gehuldigt wird: vom Doppler-Wein, den Zigaretten über Gulasch hin zum Bier. Dazu gesellen sich in diesem Beisl der österreichischen Musikgeschichte unsterbliche Zeilen wie "Mit dein Idiotngsicht ghörst ausgstellt auf der Geistabahn!" oder "Ah, wem heut net schlecht is, des konn ka Guada sei / Wer no ned gspiebn hot, trinkt no a Glaserl Wei".
Der Albumtitel entstand, als Ambros und sein Freund und Texter Joesi Prokopetz (Musiker, Autor, Mitbegründer der NDW-Gruppe DÖF) 1974 eine Zeitungsnotiz anlässlich des 100-Jahre-Jubiläums des Wiener Zentralfriedhofs lasen. Der Titellied-Text reicht bis heute hinein in den rabenschwarzen Humor des dortigen Bestattungsmuseums und inspiriert aktuelle Künstler wie den ehemaligen Friedhofsgärtner Voodoo Jürgens ("Heite grob ma Tote aus") oder Nino aus Wien ("Du Oasch"), wenn es darin heißt "Und drübn beim Krematorium tans Knochenmork ohbrotn / Dort hinten bei der Marmorgruft, durt stengan zwa Skelette / Die stessn mit zwa Urnen on und saufen um die Wette".
Inmitten dieser trockenen Zeilen swingt schrill ein Happy-Birthday-Chor wie von Kottans Kapelle hinein, drumherum wienert Ambros' charakteristisch brüchige Stimme, die die Gleichheit der Menschen angesichts des Gleichmachers Tod besingt und betont – "Es lebe der Zentralfriedhof, die Szene wirkt makaber / Die Pforrer tanzn mit de Hurn und Juden mit Araber". Musikalisch ist diese ebenso makabre Totenkapelle ausgestattet mit einem schwingenden schönen Instrumentenschatz von Steel Guitar über Saxofon, Flügelhorn, Violine, Posaune, Akkordeon, Congas, Orgel hin zu Bass, Drum und Gitarre – sowie der Streichergruppe der Wiener Volksoper.
Mit Sounds zwischen Soul, Blues, Rock, Pop, Bar-Piano-Geschrammel, Wiener Lied, Folk, Volkslied und Singer-Songwriter gibt es eine zutiefst morbide Seite des Albums mit Liedern, die einem unter die Haut kriechen wie das verzweifelt dissonante und zugleich melancholisch todessehnsüchtige "Heit Drah I Mi Ham". Und dann gibt es noch die andere Seite mit Songs, in denen der Schmäh auflebt: Die wehmütig wunderbare Ode an die Kaffeehäuser - ... "jetzt sitz I wieder im Espresso", nach deutlich hörbarer Klospülung (im Übrigen von einer anderen Austrop-Legende, Georg Danzer, im Studio aufgenommen, denn Zitat: "Das braucht ein gscheids Intro"), werden mit "A Gulasch Und A Seit'l Bier" die rettenden Lebensgrundlagen des Landes gefeiert, und dann gibt es natürlich noch den Hit "Zwickt's Mi", in der unzensierten österreichischen Originalversion – für die Deutschen gab es einen eigenen angepassten Text.
Es sind eben doch zwei ganz unterschiedliche Sprachen, auch markiert in den Credits, in denen "Piefke" Peter Hauke als Produzent firmiert, der mit dem Schmäh dieser Truppe wenig anfangen konnte. Dass man aber mit "Es Lebe Der Zentralfriedhof" von Wolfgang Ambros bis heute etwas anfangen kann, liegt an dem einzigartigen Mix aus Wahnwitz und Wortwitz sowie heimeligem Heurigen-Charme und unheimlichen Urängsten-Gesängen – all das ist einfach unsterblich.
In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.


2 Kommentare
Das Illmatic des Austropops!
Viele Lieder waren mir bekannt, aber als ich vor 2 Jahren zu diesem Album kam, hat sich meine Welt verändert, Danke Wolfgang
Danke für die Besprechung. Hab es mir jetzt mehrmals aufmerksam angehört, und das Album ist wirklich großartig. Textlich voller Schmäh und Melancholie, und musikalisch abwechslungsreich, groovend und virtuos. Ich mein, manche Nummern würden auch auf einem Kiwanuka Album nicht auffallen. Und ist G'söchta der erste Deutschsprachige Battletrack? Nur die zwei Schunkelnummern hätte ich nicht unbedingt gebraucht.