laut.de-Kritik

Rap ist erwachsen geworden. Philly kann stolz sein.

Review von

"Fucking Rocky is your hero. The whole pride of your city is built around a fuckin guy who doesn’t even exist. You got fuckin Joe Frazier is from there but he’s black so you can’t fuckin deal with him, so you make a fucking statue for some 3 ft fuckin Italian you stupid philly cheese-eatin fucking jackasses."

Wer die Hasstirade des US-Comedians Bill Burr gegen Philadelphia noch nicht kennt, sollte sich auf unterhaltsame Minuten gefasst machen. Er attackierte 2006 in Camden, New Jersey, direkt gegenüber von Philadelphia, im Freestyle und aus der Emotion heraus ein Philly-Publikum, nachdem seine Kollegen vor ihm von der Bühne gebuht wurden. Dabei nahm er sich vor allem die sportliche Seite der US-Metropole zur Brust. Bill Burr, der Dave Chappelle zu seinen prägenden frühen Unterstützern zählt, hätte auch die Rapszene zerlegen können. Für die City of Brotherly Love, mit ganz viel Soul und afroamerikanischen wie popkulturellen Roots, hinterließen bisher erstaunlich wenige Rapper echte Fußspuren im Game. Will Smith, The Roots, Lil Uzi Vert, Freeway, Beanie Sigel, Meek Mill okay – aber dann? Bei den Nachbarn in New York lockt das nur ein müdes Lächeln in der Cypher hervor.

Es gab jedoch einmal jemanden, der versuchte, als Roc-A-Fella-Zögling in Jay-Zs Fußstapfen zu treten. Christopher Francis Ries aka Young Chris, einst Teil der Young Gunz und Mitglied von Roc-A-Fellas State Property, flowte Anfang der 2000er so energetisch wie ein junger Hov. Doch der Schatten Hovs war zu groß, Philly zu klein, und nach ein paar Alben verschwand er zehn Jahre später aus dem Rampenlicht. Seit 2025 veröffentlicht Young Chris wieder konsequent neue und hörenswerte Platten, checkt einfachmal auch sein Kollabo-Album "Fine Dining" mit Dave East.

Erwachsen, gereift und ohne großen Erwartungsdruck, erscheint mit "Made In Philly" ein Album, das die Seele dieser Stadt unaufgeregt auf den Beat bringt. Alles, vom Eastcoast-Sound bis zu den Lyrics, ist hier stets eine Spur bodenständiger, eine Spur mehr Working Class und eine Spur weniger Big-Apple-Glitzer. Er beginnt mit einer Referenz: "First off, let me dust this mothafuckin’ dirt off". Genau, auch Jigga schüttelte einst Dreck oder negative Energie ab ("Get that dirt off your shoulder"). Der Dreck ist eindeutig der alte Gangster-Shit: "I been ballin with four horsemen / Fuckin round with that blood money / Lead to coffins / Kidnaps and torture / Killings with no remorses".

Über einen soulig-funkigen Kopfnicker, der auch auf dem "Shaft"-Soundtrack laufen könnte, zieht er eine Linie von dem vermeintlichen Luxus-Leben hin zur Gewalt. Am Ende stellt er fest: "Family and Benjamins only thing important". Auf "Let Me Cook" legt ihm der in Honolulu geborene Rapper/Producer MadeinTYO einen schwülwarmen Santana-Loop ins Studio. Der Sex-Talk passt zum Sound, offenbart aber keine großen Erkenntnisse. Anders "The Source". Während MadeinTYO einsam am Piano in einer kleinen Bar croont, der Raum mit Rauch geschwängert, flext Young Chris mit New Jerseys Ransom um die Wette. Letzterer ist ja sowieso der Übergott und droppt auch hier wieder einen Vers des Jahres, doch Young Chris kann immerhin mithalten.

Auf "Ready For The Summer" ermordet er den drumlosen Sommer-Tune in Doubletime. Man sieht 76ers-Star Maxey auf dem Court im Viertel zocken, und Chris’ Flow hält den Song trotz minimalistischer Instrumentierung zusammen. "From Nothing" bildet den Höhepunkt des Albums. Der Beat kommt wieder als klassischer Kopfnicker, die Hook offenbart den Zwiespalt im schnellen Auf- und Abstieg: "How the fuck I come from nothing to a superstar? / Turned a Honda to a supercar". Er reflektiert viel über sein Leben: "Too much overthinking, I’m thinking I need a session / Call the therapist, they tryna talk sense and I ain’t hearing it". Auch Feature-Gast Lloyd Banks nimmt das Thema auf und gibt sich selbstkritisch: "Half of my life I spent giving nothing", doch heute ist alles gut: "Showing up for goods all that matters, helping them smile for days." Zwei Songs später zeigt auch Freeway seine verletzliche, aber am Ende mutmachende Seite: "My kidneys failed, y’all thought that shit was over / Then I got the transplant." ("Too Strong"). Fazit: Wir sind keine Superstars, aber wir haben es trotz allem geschafft. Rap ist erwachsen geworden. Philly kann stolz sein.

Trackliste

  1. 1. Fine Wine & Steak
  2. 2. Let Me Cook
  3. 3. The Source
  4. 4. Ready For The Summer
  5. 5. From Nothing
  6. 6. Alexis Skyy
  7. 7. Too Strong
  8. 8. Worldwide Hustlas
  9. 9. Cuban Cigar

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