laut.de-Kritik
Düstere Musik, die in keine stilistische Schublade passt.
Review von Toni HennigMitte der 90er-Jahre veröffentlichte Amon Adonai Santos de Araujo Tobin noch als Cujo seine Mischung aus Drum'n'Bass, Hip Hop, Electronica, Jazz-Samples, IDM und wüsten Klangexperimenten, noch fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Dies änderte sich, als er dank der Vermittlung von Funki Porcini und DJ Food 1996 einen Plattenvertrag bei Ninja Tune unterschrieb. Spätestens auf seinem Zweitling als Amon Tobin, "Permutation", der am 1. Juni 1998 erschien, wichen die anfänglich vergleichsweise beschwingten Jazz- und Bossa Nova-Töne einer düsteren Grundstimmung, die auch auf späteren Veröffentlichungen besonders heraussticht.
Schon der Opener "Like Regular Chickens" legt mit knisternden Vinyl-, Piano-, Streicher- und schleppenden Illbient-Sounds sowie manipulierten, komplexen Jazz-Drums, die nach und nach in immer treibendere Sphären vordringen, atmosphärisch die Fährte für die weiteren rund 65 Minuten. In "Bridge" rückt das Drumming noch weiter in den Vordergrund, das vergleichsweise tanzbar anmutet. An Atmosphäre büßt die Nummer trotzdem nichts ein. Die hektischen Breakbeat-Kaskaden in "Reanimator" bleiben da weniger greifbar. Dafür hört man Tobins besondere Vorliebe für schnarrende, markante Kontrabass-Klänge schon deutlich heraus.
Auch der weitere Verlauf bleibt abenteuerlich. Jedoch fährt der Brasilianer die Latino-Einflüsse gegenüber dem Vorgänger "Bricolage" deutlich zurück und taucht noch weiter tiefer in die Welt des Jazz' ein. "Ich mag Sounds, die aus anderen musikalischen Kontexten stammen und ihre eigene Energie und Historie mitbringen", sagte Tobin einmal über seine Tracks. Obligatorische Soundfilter verhindern rechtliche Probleme, die mit Samples des Öfteren einhergehen: "Ich verwende entweder obskure Passagen, die kein Schwein interessieren, oder aber die Stellen sind so stark verfremdet, dass sie ohnehin niemand mehr erkennt."
So bindet er nicht nur Klänge bekannter Namen wie Quincy Jones oder Dizzy Gillespie in seine Musik ein. Auch Samples von europäischen Avantgardisten wie Eberhard Weber und Jan Garbarek sowie aus David Lynch-Filmen wie "Blue Velvet" findet man auf der Scheibe. Dabei stellt die Platte alles andere als eine nostalgische Angelegenheit dar. Ganz im Gegenteil. Die spacigen, alienhaften Töne in "Sordid" und "Escape" klingen auch heute noch wie ferne Zukunftsmusik.
Seine cineastische Seite betont Tobin in "Nightlife", das von verspielten Drum'n'Bass-Rhythmen und einer verträumten Flötenmelodie lebt und an Gangster-Filme aus den 60er- und 70er-Jahren denken lässt. "Switch" swingt lässig und leichtfüßig vor sich hin und bietet eine kurze Verschnaufpause.
Die turbulenten, verschachtelten Drum-Rhythmen und albtraumhaften, futuristischen Zwischentöne in "People Like Frank" und "Fast Eddie" dürften dagegen Durchschnittshörer auf eine harte Probe stellen. Etwas orientalisches Feeling versprüht "Sultan Drops", während "Toys" mit avantgardistischen Samples eine horrorartige Cartoon-Atmosphäre erzeugt. Entspannter mutet "Nova", das bekannteste Stück der Platte, an, das mit sanft gezupften, Bossa Nova-artigen Kontrabassrhythmen und nächtlichen Slow Motion-Sounds einen ruhigen Abschluss bildet.
Jedenfalls wies "Permutation" schon all die Sound-Elemente auf, die auch Tobins spätere Alben prägen sollten, auch wenn jede weitere Scheibe ein neues Erlebnis darstellte. Die Platte ermöglichte, dass der Bekanntheitsgrad des Brasilianers, der mittlerweile in Los Angeles lebt, weiter anstieg.
Über die Jahrzehnte arbeitete Amon Tobin unter anderem mit Mike Patton und Noisia zusammen, erweiterte die Live-Möglichkeiten elektronischer Musik mit aufwendigen Bühnenshows, steuerte Tracks für Film-, Fernseh- und Videospielproduktionen bei, etwa für "Tom Clancy’s Splinter Cell: Chaos Theory", und veröffentlichte zahlreiche Alben unter verschiedenen Pseudonymen wie dem einst mit Joe Chapman gestarteten Projekt Two Fingers oder Stone Giants. Zuletzt meldete er sich unter eigenem Namen mit der Filmmusik zu "Hole In The Ground" zurück. Zudem betreibt er mit Nomark ein eigenes Label.
Anlässlich des 25. Jubiläums der Platte veröffentlichte Ninja Tune eine spezielle Vinyl-Auflage mit erweitertem Cover-Design, veränderter Tracklist sowie einem Bonus Track. Bis heute hat der nächtliche, experimentelle Sound der Platte, der stilistisch nicht in eine bestimmte Schublade passt und ganze elektronische Subgenres wie Breakbeat, Trip Hop, Techstep oder Nu Jazz mitgeprägt hat, nichts an atmosphärischer Geschlossenheit und Zeitlosigkeit eingebüßt. Diese Musik dürfte sowohl Elektronik-Puristen als auch aufgeschlossene Jazz- und Hip Hop-Hörer gleichermaßen begeistern.
In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.


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naja, sicherliche KEIN meilenstein