laut.de-Kritik
Synthesizerstaub auf dem Legendenstatus.
Review von Franz MauererZur Vorgeschichte des Albums sei kurz auf die Elektrokolumne Ihres Vertrauens verwiesen, nun liegt nach viel Buhei also über eine Stunde neues Material der Boards Of Canada vor uns. Schon Titel wie "Prophecy At 1420 MHz", "Hydrogen Helium Lithium Leviathan", "Naraka" oder "The Word Becomes Flesh" lesen sich wie Kapitelüberschriften aus einem verschollenen Lehrfilm über die Apokalypse.
Doch Boards Of Canada wären nicht sie selbst, wenn sie daraus platte Endzeitmusik zimmerten. Stattdessen gleiten wieder warme Synthieflächen, verwaschene Stimmen, brüchige Rhythmen und analoge Geisterlichter ineinander, bis selbst die Hölle erstaunlich wohnlich wirkt. Sowas würde Alan Wake hören, wenn er um drei Uhr nachts mit einem Sherry in der Hand in den Pinienwald starrt.
Der vielleicht erstaunlichste Moment an "Inferno" ist, wie wenig erstaunt man ist. Dreizehn Jahre nach "Tomorrow's Harvest" kehren Boards Of Canada nicht mit einer Geste der Neuerfindung zurück, sondern mit der Beharrlichkeit von Leuten, die längst wissen, dass ihre Sprache keiner Modernisierung bedarf. Andere Acts müssen sich nach so langer Pause zurückmelden, "es" sich und anderen beweisen. Marcus Eoin und Michael Sandison öffnen lediglich die Tür zu diesem muffigen, orange ausgeleuchteten Raum, in dem Wissenschaftsfernsehen, okkulte Angst, Kindheitserinnerung und Synthesizerstaub seit Jahrzehnten in derselben Luft hängen. Vielleicht verließen sie ihn ja nie, sondern lassen uns nur reinspitzen, weil sie die Kassette von "Twin Peaks" neu aufziehen müssen.
Das kurze "Introit" zieht den Vorhang auf, "Prophecy At 1420 MHz" setzt sofort die Koordinaten: gedehnte Melodien, brüchige Rhythmen, Stimmen wie aus Archivmaterial, das zu lange in einem Keller lag. Der Frequenzverweis wirkt natürlich wie gefundenes Fressen für alle, die Boards Of Canada lieber entschlüsseln als hören. Doch "Inferno" funktioniert gerade deshalb, weil seine Rätsel nie den eigentlichen Reiz ersetzen. Die Platte muss nicht gelöst werden. Sie muss durchlitten, durchdöst, durchwandert werden.
Auffällig ist die größere körperliche Präsenz. "Hydrogen Helium Lithium Leviathan" klingt nicht bloß nach analoger Nebelmaschine, sondern nach etwas, das durch diesen Nebel tatsächlich hindurch marschiert. Gitarren, Drums und massivere Klangflächen rücken das Album stellenweise näher an Postrock und kosmische 70er-Schwere, ohne dass Boards Of Canada ihre VHS-Ästhetik verraten müssten. Das Bild wird schärfer, aber nicht sauber. Es bleibt diese Patina, dieser Eindruck, als sehe man eine Zukunft, die schon vor vierzig Jahren veraltet war. Es ist auch schlicht das absurd hohe, konsistente Produktionsniveau, das die Gitarren zu Beginn von "Somewhere Right Now In The Future" aus den Boxen heraustreten lässt. Manchmal ertappt man sich dabei, dass sich die Geräusche einfach so gut anhören; das musische Gehirn schaltet sich gar nicht ein, als wäre "Inferno" eine Grafikdemo auf einer neuen Konsolengeneration.
Am stärksten ist "Inferno", wenn es die vertraute Traurigkeit des Duos nicht einfach konserviert, sondern in größere Räume stellt. "Naraka" verbindet sonnenverbrannte Synthflächen mit rotierenden Beats und spirituellem Flackern, ohne in Weltmusik-Dekor umzuschlagen. "The Word Becomes Flesh" schallt als theologischer Lehrfilm, dessen Sprecher langsam die Kontrolle über den Projektor verliert. "Blood In The Labyrinth" und "All Reason Departs" verdichten den Paranoia-Anteil der Platte, während "Deep Time" das Zentrum bildet: ein hymnischer Ruhepol, bei dem die Schotten einmal mehr beweisen, dass ihre Melodien nie groß auftreten müssen, um verheerend sentimental zu sein. "Father And Son" brilliert in seinen fordernden, schiefen Vocal-Zusammenschnitten zu einem bezaubernden Stück.
Trotzdem bleibt "Inferno" ein Album der kontrollierten Wiederkehr, nicht des Risikos. Wer nach dreizehn Jahren einen Bruch erwartet hat, wird keinen finden. Die Boards-Of-Canada-DNA ist so dominant, dass selbst die neuen Akzente wie lange verschollene Familienfotos wirken. Das ist keine Schwäche im gewöhnlichen Sinne. Niemand braucht von dieser Band plötzlich Clubfunktionalität, digitale Kälte oder irgendeinen angestrengten Anschluss an die Gegenwart. Der Ausbruch aus der bandeigenen Ästhetik ist weder gewünscht noch notwendig. Aber genau dort liegt auch die Grenze des Albums.
Denn Meisterwerke entstehen selten nur aus Perfektion der eigenen Mittel. Sie brauchen eine Gefahr, eine falsche Abbiegung, einen Moment, in dem die Kontrolle brüchig wird. "Inferno" ist auf einem fast unverschämten Niveau gearbeitet, geduldig gebaut, klanglich überwältigend und in seiner Dramaturgie viel geschlossener, als die 18 Tracks zunächst vermuten lassen. Doch es bestätigt den Mythos eher, als ihn zu gefährden. Es erweitert die Legende, aber es setzt sie nicht aufs Spiel.
Im Finale von "You Retreat In Time And Space" und "I Saw Through Platonia" klingt diese Zurückhaltung beinahe programmatisch. Boards Of Canada verschwinden wieder nicht mit einem Knall, sondern mit Herzschlag, Dämmerlicht und einer Melodie, die so durch den Wald tänzelt, als wohne sie dort länger als Rumpelstilzchen. "Inferno" ist ein sehr gutes Album einer Band, die ihre eigene Geisterbahn besser kennt als irgendwer sonst. Man steigt ein, man fährt durch dieselben Schatten, man erschrickt an genau den richtigen Stellen, kein Gewöhnungseffekt, keine unfreiwillige Komik. Nur die Tür zu einem neuen Raum bleibt verschlossen, obwohl man als Schöpfer von "Inferno" alles - und zwar alles - andere auch tun könnte.


3 Kommentare
So ein Hammer Teil! Bin restlos begeistert, was die Musiker hier für eine Atmosphäre aufbauen, schon lange nicht mehr derartiges gehört. Ein kleines Meisterwerk!
5/5 bei mir. Hochatmosphärisch, geschlossen, aber trotzdem sehr abwechslungsreich. Im Grunde die Essenz aus allen, was das Duo bisher gemacht hat. Dazu klingt die Platte auch noch unheimlich gut und alles andere als totkomprimiert, was mittlerweile ja eher eine Ausnahme denn Regel darstellt.
Übertrifft denke ich mal alle Erwartungen der Fanbase. Hoffentlich war es nicht das letzte Lebenszeichen, aber wie wahrscheinlich ist das? In dem Fall ein würdigster Abschied. Es ist unverkennbar BoC, nostalgisch, schaurig, aber auch kein Selbstzitat, sondern wie jedes Album in der Diskographie eines mit ziemlich eigenem Charakter.