laut.de-Kritik

Dieses Album unterhält exzellent.

Review von

33 Alben hat Will Oldham nun schon gemacht, "We Are Together Again" eingeschlossen. Ein Lebensbegleiter ist der 55-Jährige fast schon; wenn man will, kann man tagelang nur seine Musik hören. Für eine KI hört sich das in einem relativ engen Folk-Rahmen vermutlich alles gleich an, aber was sind da für tälertiefe Unterschiede zu verzeichnen: Depressive, manische Zwangspressungen von unerbittlicher Trauer, coole Americana-Hymnen für die ewige Dodge-Highway-Fahrt im Limbus bis hin zu lieblichen, manchmal fast schon belanglosen Alben mit Themen, wie sie auch Popmusiker kaum anders – wenngleich deutlich weniger artikuliert – behandeln würden. Oldham kann dem Hörer direkt ans Trommelfell hauchen, dass einem das Rückgrat gefriert, aber er gibt sich manchmal auch zufrieden mit dem Gitarren-Partyonkel.

"We Are Together Again" fällt in diese deutlich zugänglichere, weniger schnell packende Kategorie und reiht sich damit ein in die Art der Aufnahme und des Sounds der letzten Alben. Das hört sich zunächst sehr negativ an, aber so ist es nicht gemeint. Man kann nicht 55 Lenze alt werden, wenn man immer so tief in den Abgrund stiert, wie der Prinz es schon tat, und guter, klassischerer Folk mit "normalen" Themen ist eine Kunst, die irgendwo zwischen Robert Vincent und Bill Callahan liegen muss, die aber die allerwenigsten aufzuspüren fähig sind. Oldham gelingt das auf dieser Scheibe, dieses Album unterhält exzellent. Ein ganzer Haufen Leute aus Wills Umfeld singt, pfeift, arrangiert und zupft neben den bekannten Multi-Multi-Instrumentalisten Duncan und Deakin auf diesem Album mit, das doch nur eine Hauptperson kennt.

Das scheinbar bewusst recht glatt produzierte Album profitiert von gleich mehreren Faktoren, die "Hey Little" schön aufzeigt: Ein glänzend aufgelegter Sänger, der Intimität nicht durch Dringlichkeit und Nähe im Vortrag erzeugt, sondern durch Spielfreude und Stimmung, und ein zwar im Grundsatz immer noch sparsam ausgestattetes Songwriting, das aber auch bei simplen Strukturen von immer nur eine Ecke entfernten Ideen angereichert wird. Bei dem getragenen Tempo kommen die vielen Streicher und Bläser, zumal sie eben nur garnieren statt zu bestimmen, durchaus mit dem Risiko des Kitsches. Bei genauerer Betrachtung sind jedenfalls "Why Is The Lion?", "Davey Dead", "They Keep Trying To Find You" (aber was für eine Harmonica!), die Single "Life Is Scary Horses" und "(Everybody's Got A) Friend Named Joe" wie auch "Hey Little" von diesem Vorwurf objektiv nicht freizusprechen. Aber Kitsch ist nur ein Wort für dieses Gefühl, dass was nicht stimmt, dass sich das anders anhören sollte.

Diese in Karamell getauchten Stücke von "We Are Together Again" sollten sich aber nicht anders anhören, sondern bereiten Freude mit ihrer musikalischen Inbrunst und Zügellosigkeit. Jede der zahlreichen Ideen ist keine zu viel, alles gibt Sinn, ergibt sich organisch. Man erwartet den Moment fast, an dem die Ummalung zu viel wird, an dem man skippt, weil der Druck fehlt, das kommt nur nie.

Neben diese Stücken gesellt sich die Single "Strange Trouble", das klassischste Oldham-Stück des Albums. Das führt zu einer weiteren Superkraft der Scheibe: Die geheimen Stars sind die unterschiedlichen, fast immer einzelnen Sängerinnen, die Oldham begleiten, umgarnen, heben, die der alte Crooner mit einer wirklich bis in den letzten Atemzug choreografierten Abstimmung genauso so weit auftreten lässt, wie sie sich song- und sängerdienlich einbetten. Maggie Halfman macht das auf dem wunderschönen, verträumten "Strange Trouble" schon großartig, das Duett "The Children Are Sick" gehört schlicht zum Besten, was ich von zwei Stimmen hörte. Bei "Vietnam Sunshine" macht es Catherine Irwin kaum schlechter. Und dann gibt es da noch Tory Fisher, Lacey Guthrie & Katie Peabody auf dem Closer "Bride Of The Lion", der einem sowieso die Schuhe auszieht mit seiner Gravitas, Wucht und Dynamik.

Eine faire Bewertung muss zu dem Schluss kommen, dass Billy hier nur aus der eigenen Hörersehnsucht heraus vorzuwerfen ist, dass man Matt Sweeneys Gitarre vermisst, dass man im eigenen kümmerlichen Leben den Schmerzenskameraden von Palace Music vermisst, dass man Genredefinierendes wie "I See A Darkness" immer wieder haben möchte – "We Are All Together" hat das alles nicht, kann es nicht, bietet ähnlich wie das nun auch schon 18 Jahre alte "Lie Down In The Light" aber eine ganz andere, perfekte Erfahrung an.

Trackliste

  1. 1. Why Is The Lion?
  2. 2. They Keep Trying To Find You
  3. 3. Strange Trouble
  4. 4. Life Is Scary Horses
  5. 5. (Everybody's Got A) Friend Named Joe
  6. 6. Vietnam Sunshine
  7. 7. Hey Little
  8. 8. Davey Dead
  9. 9. The Children Are Sick
  10. 10. Bride Of The Lion

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