laut.de-Kritik

Sie hätten die Chance gehabt, etwas Wildes zu tun.

Review von

Es hat 30 Minuten gedauert, bis das Release von diesem neuen BTS-Album von bescheuertem Meta-Diskurs überlagert wurde. Es geht wohl nicht anders. Nach vier Jahren Abstinenz der größten K-Pop-Gruppe aller Zeiten hätte jedwedes Projekt die Community mehr wie ein Fanwar-Spekulationsobjekt als wie ein tatsächliches musikalisches Statement getroffen. Entsprechend war binnen kürzester Zeit jedes Meinungsterritorium rabiat von Stans und Antis taktisch besetzt und seltsamste Talking Points überlagerten die tatsächliche Musik.

Allen voran der hier: 'Ist "Arirang" koreanisch genug?' Nachdem irgendwo im Promomaterial der Satz verlautbart wurde, BTS wollten auf ihrem neuen Album ihre koreanische Herkunft würdigen, wurde dieser schon im Konzept bescheuerte Salespitch von Für- und Gegenseite sinnlos in den Boden gerammt. Stellt sich raus: Nein, BTS reiten nicht Hanboks tragend auf fliegenden Tigern und schreiben Hangeul in die Wolken, während klassische koreanische Instrumente erklingen. Natürlich nicht. "Arirang" ist ein weitgehend auf englisch vorgetragenes Album mit vielen Produktionen aus dem anglophonen Raum. Wenn es eine Würdigung von Herkunft ist, dann eher der von BTS: Denn das hier ist in seiner DNA und in seinen Einflüssen sehr nah am K-Hip Hop der letzten Jahre. BTS klingen nicht mehr nach Bruno Mars-Vorgruppe, die sich krampfhaft am amerikanischen Formatradio anbiedert. "Arirang" klingt wie ein organisches Album, das zur Rapline der Gruppe passt.

Stellen wir statt der Frage, ob das jetzt zu einer myopischen Idee von Kultur passt, also lieber eine konkretere Frage, und zwar: Ist "Arirang" gut? Und hier kommen wir an einen schwierigen Punkt.

"Arirang" ist über weite Strecken ein solides BTS-Release, in vereinzelten Momenten ist es regelrecht hübsch, dagegen stehen aber auch ein paar spürbare Längen. Die Standards sind in Produktion und Soundgefühl schlicht zu hoch, als dass das hier je ein Rohrkrepierer oder ein richtiger Flop drohte. Aber dafür, dass wir es mit der potenziell größten Band aller Zeiten im entscheidenden Moment des Anknüpfens an ihre imperiale Ära zu tun haben? Es ist auch nicht, als wäre "Arirang" ein die Popmusik kurzschließendes Giga-Statement. Und es stellt sich die Frage: Ist 'ganz cool' wirklich das Qualitätsprädikat, das man mit der Statur von BTS erhofft?

In diesem Kontext verstehe ich auch ein bisschen, warum die Kultur-Frage so schnell so überhand genommen hat. Es beantwortet nämlich unterschwellig eine andere Frage, nämlich: Was ist überhaupt das kreative Achievement, das BTS gerade leisten können? Auf die ein oder andere Art stehen BTS zumindest an einem ähnlichen Punkt wie ihre Contemporaries von Blackpink, deren jüngstes Release "Deadline" ein kleiner Flop war.

Nach Jahren der singulären Existenz als "Beyond the Scene", als Brand, die in ihrer Fandom quasi eine Szene für sich ist, sind sie weg vom K-Pop mutiert. Sie sind out of step mit dem TikTok-igen Post-NewJeans-Minimalismus, der den State of Art ihres Genre gerade charakterisiert. Die Ära, in der sie sich mit "Butter" oder "Dynamite" mit Hits-or-else-Ansatz in den Nexus der globalen Pop-Dominanz highscoren wollten, ist auch vorbei. Also, ehrliche Frage: Was kann dieses Album gerade kreativ leisten? Was will es leisten?

Wie gesagt: "Arirang" geht ziemlich hart auf den Hip Hop-Sound. Zwei Hälften, die erste geht ein bisschen härter auf die Banger. Mit Produktionen von Diplo oder fucking aus dem Nichts JPEGMafia, aber auch von Mike Will Made It bekommen wir Tracks, die sehr soft DNA von Kanye Wests "Yeezus", ein bisschen Travis Scott und recht viel 808 zusammenwerfen. Es fühlt sich manchmal ein bisschen so an, als wolle man so nah an die reine Trapmusik heranpirschen, ohne die letzte Grenze der Popmusik zu verlassen, weil man weiß, dass reiner Trap dann doch wieder etwas zu viel für die Fanbase wäre.

Best-Case-Szenario ist definitiv der Opener "Body To Body", der einen starken Groove, eine elektrisierende Hook und einen coolen, kind-of-epischen Chor-Outro mitbringt. Gleichzeitig finden sich aber auch Momente, die mit fehlgeleitetem AAVE und bescheuerten Hooks ein bisschen nerven. "Ha-ha-ha-ha-ha-ha-Hooligan" und "everything lit, its fyaaaa", come on, Jungs. Das ist im negativen Spektrum der K-Hip Hop-Klischees.

Daraufhin erklingt eine Glocke und das Album schweigt für dreißig Sekunden (was eine coole Idee wäre, würde der leise Glockensound mir persönlich nicht jedes Mal im klamaukigen Sound von "2.0" untergehen, woraufhin ich immer kurz denke, meine Kopfhörer wären abgeschmiert) - und "Arirang" etabliert die zweite, melodischere und unterschwelligere Seite, eingeleitet vom Titeltrack "Swim".

Der war definitiv eine eigenwillige und mutige Wahl für eine Lead-Single nach so langer Abwesenheit, aber er funktioniert. Das Melodie-Game ist pretty, die Produktion detailliert und gelayert, da sind ein paar ernstlich schöne und unorthodoxe kleine melodische Elemente auf dem Track, der ihn auf diesem Album sehr herausstechen lässt. Es ist kein Brett in die Fresse, aber definitiv ein Grower und ein atmosphärisches Stück, dessen Mut man respektieren soll.

"Swim" leitet auch sinnvoll den Ton für die zweite Hälfte ein. In der Fandom kristallisiert diese zweite Hälfte sich bereits als der respektiertere Teil des Projekts heraus, ich fürchte aber, das liegt vor allem daran, dass die melodischen Hip Hop-Nummern mit einer spürbaren Post Malone-Handschrift viel mehr in Easy Listening-Terrain spielen. Tracks wie "Merry-Go-Round" und "Normal" klingen, als stammten sie von Pop-Mastermind Louis Bell, funkeln pretty und segeln direkt angenehm in den Hintergrund. Die kleinen Gesten an Gesellschaftskritik kommen zu nichts groß Sinnvollem zusammen: "Heavy is the head when you chasin' true / Will you color me red? Will you color me blue? / Two sides of a coin, and they both ain't true / Is it different for mе? Is it different for you?" schwafelt Jimin zum Beispiel eine pseudodeepe Fillerline an die nächste. Es soll cool klingen und klingt cool, Ziel erreicht.

Das "Dark Fantasy"-eske Gitarrensolo auf "Like Animals" lässt noch mal aufhorchen, ansonsten versumpft das Projekt in die letzten Tracks zu einem hübschen, aber nondeskripten Nichts. "Into The Sun" ist ein atmosphärischer Closer mit viel Fan-Service in den Lyrics, lebt aber wahrscheinlich eher von der inhärenten Bindung eines Fans zur Gruppe als vom tatsächlichen Songwriting.

In der Summe ist "Arirang" ein durchweg hörbares Album, das niemanden richtig vor den Kopf stößt, aber auch kein richtiges Ausrufezeichen setzt. Mehr als alles andere erinnert es mich daran, wie seltsam die Existenz von BTS eigentlich ist. Da ist also diese Gruppe mit so viel Hip Hop in ihrer DNA, die Musik für Fans macht, die in der Regel Hip Hop mit dem Stock nicht anfassen würde. Selbst die sehr populären Einflüsse wie Kanye West, Travis Scott oder Post Malone scheinen für die klassiche BTS-Zielgruppe weit entrückt, ich bin mir auch ziemlich sicher, dass BTS als Artist in einem Hip Hop-Space nicht wirklich reüssieren würde.

"Arirang" fühlt sich deswegen eher wie ein Proof of Concept in Sachen Branding an. BTS sind zurück, BTS spielen wieder in ihrem alten Spiel. Die soundtechnischen Ergebnisse sind ziemlich solide. Aber "Arirang" fühlt sich wie ein Album an, das sich sehr dezidiert wie etwas für die eigene Fandom anfühlt. Für die Fandom, die Hip Hop über BTS und deren sehr spezifischen Mix an Einflüssen kennen und lieben gelernt hat und diesen Sound gewohnt ist. Und das ist eine absolut wertneutrale Aussage. Lasst mich nicht lügen: Ich habe gehofft, dass BTS diesen monokulturellen Moment, dass die größte Band der Welt zurückkehrt, mehr genutzt hätten. Immerhin waren wirklich alle Augen auf sie gerichtet, sie hätten die Chance gehabt, etwas Schockierendes und Wildes zu tun, das Popmusik in seinen Grundfesten erschüttert. Aber vielleicht war auch das nur ein weiterer bescheuerter Metadiskurs, den ich auf ein Album gelegt habe, das für das, was es ist, vollumfänglich okay ist.

Trackliste

  1. 1. Body To Body
  2. 2. Hooligan
  3. 3. Aliens
  4. 4. FYA
  5. 5. 2.0
  6. 6. No. 29
  7. 7. SWIM
  8. 8. Merry Go Round
  9. 9. NORMAL
  10. 10. Like Animals
  11. 11. They Don't Know 'Bout Us
  12. 12. One More Night
  13. 13. Please
  14. 14. Into The Sun

Videos

Video Video wird geladen ...

Weiterlesen

LAUT.DE-PORTRÄT BTS

Die siebenköpfige Boy-Band aus Korea kommt nicht einfach so aus Spaß zusammen. Die Jungs kennen sich teilweise erst seit der Bandgründung. Das Label …

3 Kommentare