laut.de-Kritik

Durch die Songs weht eine gothrockige Stimmung.

Review von

Das bisherige Engangement von Crippled Black Phoenix gegen religiöse und politische Unterdrückung sowie Ungerechtigkeit, für Menschenrechte, Natur- und Tierschutz sowie die Schwächsten der Gesellschaft war zwar bislang ziemlich ehrenwert, aber die "Free Palestine"-Bekundungen via Social Media der Band anlässlich so manch fragwürdiger Glastonbury-Auftritte stießen dann doch so ziemlich sauer auf, verlangt die Thematik angesichts des Hamas-Terrors mehr als nur simples Schubladendenken in Gut und Böse, selbst wenn sich Songwriter Justin Greaves laut eigener Aussage als "Anarchist" und mitnichten als "Antisemit" bezeichnet.

Auch auf "Sceaduhelm", das nun erscheint, geht es nicht ganz unpolitisch zu, aber zumindest etwas persönlicher als auf den Vorgängeralben. Inhaltlich behandelt die multinationale Formation Themen wie Burnout, Verlust, strukturell verankerte Gewalt sowie die fließenden Grenzen zwischen dem Persönlichen und Politischen.

Seit einiger Zeit fungiert Belinda Kordic als gleichberechtigte Songwriting-Partnerin an Greaves' Seite. Aber auch weitere, aktuelle Weggefährten wie Ryan Patterson und Justin Storms bringen sich mittlerweile mehr in den Schreibprozess mit ein. Jeder Text stammt aus eigener Feder.

"One Man Wall Of Death" schraubt sich, begleitet von verstörenden Sprachsamples, postrockig in die Höhe und mündet in einem krachenden Finale. Das treibende und kämpferische "Ravenettes", das Belinda singt, legt die Fährte für die gothrockige, düstere Stimmung im weiteren Verlauf. Im atmosphärischen "Things Start Falling Apart" mit Storms am Mikro betreibt man, wie in der Vergangenheit, ausgiebig Pink Floyd-Huldigung. Inhaltlich fällt das Stück schon deutlich finsterer aus, wenn Storms seinem eigenen Verfall zusieht.

In "No Epitaph / The Precipice" steckt Ryan Patterson mit seiner Grabesstimme eine Menge Schmerz hinein, wodurch die Nummer zu Beginn ziemlich an Mark Lanegan denken lässt. In der zweiten Hälfte entwickelt sich der Track jedoch zu einer Band-typischen Endzeitballade, die mit Pink Floyd-Einflüssen wieder einmal nicht geizt und zum Schluss durch die verzweifelten Gesangsausbrüche, die durch Mark und Bein fahren, nicht kalt lässt.

Ansonsten verfeinern Crippled Black Phoenix mehr ihren Stil, anstatt ein völlig neues Bandkapitel aufzuschlagen. Durch die Belinda-Nummer "Hollows End" wehen dunkle, erdige Post-Punk-Töne, während man sich bei dem Patterson-Song "Vampire Grave" etwas an The Sisters Of Mercy erinnert fühlt.

"Dropout" lässt uns durch die trippigen Beats vor dem inneren Auge durch leere Straßenschluchten streifen. Dabei kommt Kordics Stimme geradezu verzerrt aus den Boxen. "Under The Eye" durchziehen traurige Piano- und Mellotron-Klänge und überzeugt mit den anklagenden Vocals der Sängerin, wenn es darum geht, sich gegen politische Kontrolle und Gewalt gegen die Ärmsten einzusetzen. Im doomigen Rausschmeißer "Beautiful Destroyer" türmen sich erneut die Gitarren in die Höhe, während sich der beschwörende Gesang Pattersons beinahe zu überschlagen droht.

Ein wenig vermisst man ja die Metal-Elemente, die zuletzt der Musik der Band ihren Stempel aufdrückten. Jedoch passt der etwas rohere, zum Teil bis auf die Knochen reduzierte Ansatz zu den eher dunklen, persönlichen Themen der Platte ganz gut. Das Post-Rock-Rad erfinden Crippled Black Phoenix zwar nicht mehr neu. Dennoch kann man gespannt sein, wie es musikalisch mit der Formation weitergeht.

Trackliste

  1. 1. ⁠One Man Wall Of Death
  2. 2. Ravenettes
  3. 3. Things Start Falling Apart
  4. 4. No Epitaph / The Precipice
  5. 5. The Void
  6. 6. Hollows End
  7. 7. Dropout
  8. 8. Vampire Grave
  9. 9. Colder And Colder
  10. 10. Under The Eye
  11. 11. Tired To The Bone
  12. 12. Beautiful Destroyer

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3 Kommentare mit 12 Antworten

  • Vor 20 Tagen

    Aber es ist doch noch nicht der 8. Mai :(

  • Vor 19 Tagen

    Na super, jetzt muss ich das Albung wohl doch noch hören vor übermorgen. Eigentlich möchte ich CBP gar nicht so in der Nähe von Sisters of Mercy et al. haben, wie es Tonis Rezi stellenweise suggeriert. Wenn sie aber ihre obligatorischen Pink Floyd-Huldigungen wieder so elegisch ausrollen wie zu Zeiten von "The Heart of every Country" etc., dann soll mir das den ein oder anderen Abstieg in Belindas Familiengruft über die Pladde hinweg wert sein.

    • Vor 18 Tagen

      Also Sisters hör ich da nicht raus.
      Ich find das Album wieder richtig stark.
      Aber weniger ausufernd als sonst und wie Toni sagt schon mehr gruft als heavy. „No epitaph/The precipice“ ist zum niederknien.
      Und jetzt hör ich auf zu spoilern.
      Viel Spaß aufm Konzert.

    • Vor 18 Tagen

      Agreed! Epitaph auf jeden Fall stand out track bisher. Außerdem auch Beautiful Destroyer - WOW!

      Zudem hat sich meine Hoffnung zumindest partiell erfüllt, dass die Singles sich im Gesamtalbum vielleicht nochmal besser einfügen.

      Bin bisher nach dem ersten Eindruck also schon SEHR angetan :)

  • Vor 8 Tagen

    Ja, wow.

    Irgendwie hab ich ja schon so ein bissl befürchtet, dass ich den Abgang von Joe Volk niemals vollends (unter dem inzwischen in die "3. Ära" weiter geführten CBP-Banner) annehmen können würde. Ersdt zuer 2018er "Great Escape" setzte zaghafte Wiederannäherung ein, auch wenn der damalige Sänger weiterhin der dickste Dorn im Fleische meines Hörgenusses blieb.
    Dann hat mir unerwartet vieles dieser 3. Ära seit 2020 auf "Ellengæst" und "Banefyre" noch mehr zugesagt als das meiste der 2. Ära 2012-2020 unmittelbar nach Joes besagtem Abgang und ich hatte letzten Donnerstag vielleicht ein wenig zu hohe Erwartungen, dass sie mit diesem Material Volk live praktisch nahezu vergessen machen könnten... Dieses Unterfangen wird halt ungleich schwerer, wenn mensch das nahezu allezu Ion.. ähm, Ären zufriedenstellend umspannende Set des Abends mit "Fantastic Justice" eröffnet. Glaube ich zumindest, war an dem Abend nämlich so zufällig wie unbeabsichtigt high as a kite, aber der S(ei/ai)tenstrang eignet sich mehr für ne andere Geschichte...

    ...jedenfalls waren vorher noch TEMPLE FANG aus Amsterdam am Start. Dass sie von dort sind lässt sich einer der beiden Linkshändergitarristen (insgesamt 3/4 Linkshänder in dieser Band inzwischen, hab ich so auch noch bei keiner anderen erlebt) in seiner optischen Klischeeüberzeichnung des dauerbekifften Spacerock-Stonerklampfers mit paar Devin Townsend Gedächtnisdreads am Hinterkopf und etwas zu aufgeknöpfter Tropenurlaubsbekleidung m-E. schon sehr bewusst ansehen. Trippy Stoner-Space-Psychederlica-Marmelade haben die auch gespielt. Sehr geile mehrstimmige Gitarrenarbeit und eigentümliche musikalische Mischung, die meine üblich verdächtigen Genre-Bezeichnungseinwürfe weiter oben ziemlich angestaubt im Vergleich zum tatsächlichen Output Temple Fangs klingen lässt. Hab mich mit dem Dreaddo später noch am Merch-Stand unterhalten und mir auch noch CD und Aufnäher (weil Temple Fang from motherfuckin' AMSTERDAM, sollte klar sein :cool:) für'n Zwanni mitgenommen, aber wie befürchtet zünden die live 100fach mehr als auf Pladde. Ich seh die vorm inneren Auge am ehesten in irgendeinem Afterhour-Zelt nach 02 Uhr auf einem der nächsten Freak Valley-Festivals...

    ...aber zurück zu CBP: Ich wollte den neuen Sänger der 3. Ära, Herrn Storms (the other Justin) echt hassen und auf den ersten flüchtigen Blick wie Hörer macht er mir das gleich beschämend einfach: Clubgig live mit fetter Ray Ban als Sänger und Third (Wheel)-Gitarrist? Alles verboten! Dann hat er mich noch in meinem Fandom-Stolz verletzt, weil mir sein "Bohren & der Club of Gore" auffiel und ich sofort angepisst war, warum der Kerl so eins hat und ich bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Und dann ist er halt leider auch bestenfalls mid und es wird schnell klar, dass er die Sonnenbrille den ganzen Gig über wohl vor allem deshalb aufbehält, weil ihn seine eigene Mittelmäßigkeit am Mikrofon so sehr verschüchtert und beschämt. Klar, Joe Volk war auch kein Patton oder Pavarotti, aber er hatte eine so dermaßen passend gefühlvolle Intonation für den damals noch überwiegend aus Endzeit-Balladen bestehenden Backkatalog, dass jede Beurteilung nach technischen Maßstäben unangebracht kleinkariert dagegen wirkt. Das nehm ich dem neuen Justin halt einfach nicht ab, dass der den shit wirklich fühlt. THE Justin macht das dafür mit seinem liebenswürdig-dankbaren Charisma und seinen nach den jüngeren Eklats deutlich allgemeiner formulierten politischen Positionen während der Ansagen aber locker wett. Belindas Parts sind nicht nur ohne Tadel geblieben, sondern wirkten einfach nicht wie von dieser Welt. Ihre sparsam eingesetzten screams schienen die dicke Raumluft wie Wurfmesser zu zerschneiden.
    Eine echte Live-Bereicherung für die Stücke aller Ären und Neufassungen alter Sachen ist zudem dieser Multi-Instrumentalist Nitschke, vor allem die Eröffnung und das Finale mit viel mehr Sax als im Privatfernsehen nach 23 Uhr war einfach bombastisch.

    Alles in allem ein fantastischer Live-Abend, der jedoch insbesondere in seinen wenigen scheuen Blicken in die Vergangenheit dieser Band, bei Stücken wie dem o.g. "Fantastic Justice", "We've forgotten who we are", "444" oder dem diesen Live-Abend beschließenden Straßenfeger "Rise up & fight", Wehmut nach der aktuellen Besetzung PLUS erstem Sänger aufkommen lässt und zu Gedankenspielchen verführt, was da an dem Abend noch mehr möglich gewesen wäre.

    • Vor 8 Tagen

      Ach ja, die neue Pladde hab ich mir direkt vor Ort mitgenommen und kam noch gar nicht zum Auspacken. Ich denk, dass ich sie schon zu ca. 5-6/11 kennen dürfte nach dem Abend. Halt einfach alle diejenigen Stücke, die ich nicht erkannt hab (Nachholen der 2. Ära nach der Wiederannäherung 2018 machten es möglich).

    • Vor 7 Tagen

      Wunderbarer Bericht, mein Lieber! Bin gespannt, was Du dann zum Album vielleicht auch noch schreibst. Ich kann ihm Durchlauf für Durchlauf immer mehr abgewinnen. Vor allem letztes Drittel einfach bockstark!

    • Vor 7 Tagen

      ...läuft gerade zum ersten Mal auf dem Teller rund. Naise Idee mit dem Diorama zum selber basteln, aber für so was bin ich zu grobmotorisch. Außerdem hab ich auch mit Lesebrille noch keine Kennzeichnungshinweise auf die Seitenfolge gefunden. Egal, Blindflug reguliert besser als die momentane Bundesregierung. :saint:

    • Vor 7 Tagen

      nvrmnd, gerade "No Epitaph / The Precipice" als erstes Stück der offensichtlichen Seite B identifiziert. Thx, Toni. :)

    • Vor 7 Tagen

      Schnelle Frage:

      Wie viele LPs hast Du da liegen?

      bzw. konkreter:
      Ist da auch noch eine "Horrific Honorifics Number 2.5" dabei, die es bei der CD(!)-Version gäbe? :D

    • Vor 7 Tagen

      Nee. Wie auch bei den anderen LPs der 3. Ära haben sie 4 oder 5 verschiedene ltd. Editions und die jeweils auf zwischen 200-500 Stück limitiert... Drei unterschiedliche, auch unterschiedlich bepreist, waren es in meiner Erinnerung am Stand abends mindesten und ich war... vielmehr WIR mussten an dem Abend knauserig unterwegs sein, daher hab ich mir gewissenhaft nur die günstigste Edition gegönnt.. Obwohl ich auch die HH pt. 1 auf CD und Pt. 2 als extra-LP bei der "The Wolf changes its fur..."- schon in der Kollektion zu Huase hattee...

      Damn, aber durch den Live-Wahnsinn in diesem außergewöhnlich dicht gepackten Live-Jahr und unserem submanisch impulsiv anmutenden Ticketkaufverhalten ist 2026 wirklich das erste Jahr, in dem wir schon vor der Jahreshälfte mehr als 400% über dem ursprünglich angedachten Jahreskulturbudget liegen. Und trotzdem einfavch ständig weiter Tickets "füreinander" kaufen, sobald bei jemandem im Feed was entfernt interessantes aufpoppt.