laut.de-Kritik

Düsteres Kopfkino zwischen Sci-Fi-Träumerei und Horrortrip.

Review von

Ein außerordentlicher Fan von Long Distance Calling war ich nie. In der weiten, oft zu gleichförmig wabernden Landschaft des Post Rock blieben sie für mich stets solide, aber selten herausstechend – Alben, die man einmal durchlaufen lässt, um sie danach wieder im digitalen Staubregal verschwinden zu sehen.

Mit "The Phantom Void" ändert sich das überraschend deutlich. Schon nach wenigen Minuten wird klar: LDC haben keine Lust mehr, sich im Genre-Korsett treiben zu lassen. Stattdessen öffnen sie ihren Sound, denken größer, cineastischer und vor allem konsequenter. Wo frühere Releases oft zwischen zu sehr gewollter Atmosphäre und Ziellosigkeit pendelten, wirkt hier vieles wie bewusst gesetzte Dramaturgie. Ein Album wie ein Soundtrack.

Nur sieben Tracks braucht es für dieses düstere Kopfkino, das sich irgendwo zwischen Sci-Fi-Träumerei und Horrortrip einpendelt. Der Opener "Mare" zieht einen direkt hinein: rotierende Gitarren, flirrende Drones, ein Sound, der sich anfühlt, als würde er von allen Seiten gleichzeitig auf einen einstürzen. Plötzliche Lautstärkeschübe reißen die fragile Ruhe immer wieder ein, ehe eine verzerrte Stimme "Mare" endgültig ins Unheimliche kippen lässt, wie ein Countdown in die nächste Eskalation.

"The Spiral" knüpft daran an, gibt sich zunächst fast klassisch, nur um wenig später in ein nervöses, gehetztes Gitarrenspiel zu verfallen. Im Hintergrund: ein dichtes Geflecht aus Perkussion, Synths und Effektspielereien, das sich wie ein akustischer Dschungel ausbreitet. Zwischendurch blitzt sogar so etwas wie Zeppelin-Hommage auf, bevor der Track wieder in sich zusammenfällt. Spannungsbögen bauen sie hier nicht über Gesang, sondern über Texturen – und das funktioniert erstaunlich gut.

"A Secret Place" führt die wohl größte Stärke des Albums vor: Kontraste. Was zunächst verträumt beginnt, kippt in der zweiten Hälfte in brachiale Härte. Das Schlagzeug hält alles zusammen, während Gitarren und Noise-Schichten sich gegenseitig überrollen. Der Einsatz von Vocals wirkt hier weniger wie ein dramaturgischer Kniff, sondern eher wie ein Störsignal, gewollt oder nicht bleibt offen.

Mit "Nocturnal" wird es direkter: verzerrte Gitarren, treibende Drums, fast schon Metal-Kante. Doch auch hier lassen Long Distance Calling die Spannung nie zu lange auf einem Level verharren. Kaum hat man sich im Druck eingerichtet, bricht der Song wieder weg, zieht sich zurück, atmet, nur um erneut anzusetzen. Dieses permanente Wechselspiel zieht sich wie ein roter Faden durch die Platte.

Der Titeltrack "Phantom Void" ist schließlich das Herzstück: maximal entrückt, getragen von elektronischen Flächen und zurückhaltenden Gitarren, die eher schweben als spielen. Erst nach und nach baut sich hier so etwas wie Struktur auf, durchbrochen von Drums, Pianoeinschüben und eruptiven Momenten. Das ist kein Song im klassischen Sinne, sondern eher ein Zustand – und zugleich der spannendste Moment der Platte.

"Shattered" bringt kurzzeitig mit etwas mehr Positivität Licht ins Dunkel, während "Sinister Companion" als achtminütiger Closer noch einmal alle Stärken bündelt: repetitive Riffs, steigende Intensität, ein Gitarrensolo, das sich weniger als Solo denn als emotionaler Ausbruch versteht. Hier fügen sich auch die Vocals am organischsten ins Gesamtbild ein.

Unterm Strich liefern Long Distance Calling ihr bislang geschlossenstes Album ab. "The Phantom Void" zeigt, dass Post-Rock mehr sein kann als bloßes Dahintreiben: ein Genre, das lebt, atmet und sich auch mal traut, hässlich zu werden. Kein revolutionärer Wurf, aber einer mit gelungener Atmosphäre und erstaunlich viel Nachhall.

Trackliste

  1. 1. Mare
  2. 2. The Spiral
  3. 3. A Secret Place
  4. 4. Nocturnal
  5. 5. Phantom Void
  6. 6. Shattered
  7. 7. Sinister Companion

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