laut.de-Kritik
Eine lange, trockene Wurst, ohne leise Momente und Spannung.
Review von Ben SchiwekIch könnte aus verschiedenen bekannten Megadeth-Songtiteln wählen, um das hier einzuleiten, und es wäre entweder melodramatisch ("My Last Words"), unlustig ("Rust In Peace") oder geschmacklos ("The Doctor Is Calling"). Und was ich in jedem Fall dadurch erzielen wollen würde, wäre, mit einer pseudocleveren Referenz zu kommunizieren: Hier ist es, das finale Megadeth-Album.
Ich habe ehrlicherweise mit einer mittelschweren Katastrophe gerechnet, angesichts der Coverarts und Musikvideos, des KI-generierten Ankündigungsvideos und manchen der Singles. Obwohl ich unzählige Stunden meiner Teenie-Jahre mit Gitarre in der Hand verbracht habe, um mir die genialen Riffs und Soli von Dave Mustaine und seinem wechselnden Zirkus an Virtuosen ins Muskelgedächtnis zu prügeln, hätte ich schon damals Zeilen wie diese absolut lächerlich gefunden: "On the day I was born, a guitar in my hand / The earth started rumbling, a thunderous command / To bash and to thrash, to bang my head / To smash my guitar and let there be shred!" Vor allem wenn der folgende Shred für Megadeth-Verhältnisse unspektakulär ausfällt.
Auch hätte ich Mustaine nie so cool und badass finden können, dass ich "I Don't Care" nicht als gigantischen Schuss in den Ofen gewertet hätte. Ein Song, der an die punkigen Anfänge des Thrash erinnern soll, indem er eine goofy ass "Gotta know, gotta know"-Bridge hat, die klingt wie ein herumstapfender Zwergenchor, und einen 64-jährigen, baldigen Rentner singen lässt: "I don't care, you can kiss my ass!" Und natürlich müssen im Musikvideo Teenager Mittelfinger zeigen, 'Megadeth' an die Wand sprayen, Bier trinken, sich den Kopf rasieren und auf brennenden Skateboards fahren. Ich denke, meine Sorgen waren auch als Fan berechtigt.
Wie klingt nun das ganze Album? Im Vergleich dazu harmlos, aber alles andere als interessant. Riff-Recycling gehört bei Megadeth – wie auch bei ihren anderen Big-Four-Kollegen – schon seit einigen Alben dazu, damit rechnet man. "Dystopia" markierte trotz einiger fragwürdiger Lyrics sogar noch ein gelungenes spätes Karriere-Highlight, bei "The Sick, The Dying… And The Dead!" verlor es sich dann schon im langweiligen Mittelmaß. Natürlich fühlt man sich auch auf dem selbstbetitelten Endwerk an allen Ecken an alte Songs erinnert – ich schwöre, es gibt bestimmt vier Riffs hier, die wie "Trust" klingen.
Sowohl thrashige Songs als auch Mid-Tempo-Nummern mit melodischen Refrains wie aus der 90er-Ära finden sich auf "Megadeth". Immerhin angenehm, dass es nicht nur in eine der Kerben schlägt. Mit "Tipping Point" starten wir schon mal ganz gut in Thrash-Manier. Schnelle Riffs und Soli jagen sich, nichts Neues, aber spaßig, mit einer befriedigenden Songstruktur. Auch Neuzugang Teemu Mäntysaari von Wintersun beweist sich hier. Auf dem gesamten Album shreddet Mäntysaari natürlich ohne Pause, außer, um immer wieder mal den ein oder anderen Marty-Friedman-Bend einzubauen. Das funktioniert als Kontrast zu Mustaines altbekannten Solo-Licks, aber es findet sich kein Gitarrensolo, an das man sich später als Highlight erinnert.
"Hey God?!" geht auch gut runter, da die Band angenehmen Raum für Melodik lässt. Trotz des seltsamen Titels entpuppt es sich sogar als der textlich spannendste Song auf dem Album. Mustaine spricht zu Gott übers Altern und seine Kämpfe, die er über die Jahre mit dem Thema Glauben hatte. Als drittes Highlight führe ich noch "Another Bad Day" auf. Sehr simpler, aber catchy Refrain, der den Charme der melodischeren Mitte-90er-Alben "Youthanasia" und "Cryptic Writings" aufleben lässt.
Das war's dann aber auch mit halbwegs gelungenen Songs, von denen auch keiner jemals in einer Top 50 der besten Megadeth-Songs landen würde. Auf Tracks sieben bis neun sind wir im Kriegsgebiet. Phrasen übers Kämpfen, Schmerz und Schachfiguren reihen sich aneinander. Ich weiß, ich habe in dieser Review jetzt schon oft Texte kritisiert, was bei Megadeths gewohntem Lyrik-Level vielleicht übertrieben ist. Aber hier erwähne ich es, weil es dazu führt, dass diese drei Songs auch alle gleich uninteressant klingen. Das größere Problem ist aber, wie uninspiriert und generisch sämtliche musikalische Elemente dieser Songs sind und wahllos aneinandergehangen werden, sodass sich die zweite Hälfte des Albums ziemlich zieht. Mit "The Last Note" kriegen wir dann ein überdramatisches und klischeehaftes Ende, ein unspektakulärer Schwanengesang auf eine 40-jährige Karriere.
Beim im Mix untergehenden Nylongitarren-Solo fällt dann nochmal deutlich auf: Ein großes Manko an diesem Album ist die Produktion und das Mixing. Aufgeräumt klingt es, aber furztrocken, ohne Raum oder Dynamik. Den Gitarrentones fehlt jegliche Finesse, es ist eher eine generische Verzerrungs-Schlacht. Die Snare und der Gesang hätten mal Hall vertragen können, denn irgendwie ist nirgendwo so richtig Hall drauf. "Dystopia" war zwar auch schon todeskomprimiert, aber da konnten ein wenig Hall und andere Produktionselemente immerhin Atmosphäre aufbauen. Das neue Album ist dadurch eher eine lange, trockene Wurst, ohne leise Momente, ohne Spannung, ohne Auflösung, und dadurch unemotional.
Und das bricht dann auch dem Elefanten im Raum das Genick: Der Bonus-Track, ein Cover von Metallicas "Ride The Lightning". Dass Megadeth das covern, soll tatsächlich kein Diss an Metallica sein, sondern eine Erinnerung daran, wo Mustaines musikalische Reise begann. Eigentlich eine süße Idee, und ja, ein paar dieser Riffs hat Mustaine damals mitgeschrieben. Aber die Band verändert rein gar nichts an dem Song, sogar Kirk Hammetts Solo wird quasi eins zu eins nachgespielt – dabei war Mustaine doch immer so wütend darüber, was Metallica mit seinen eigenen Ideen gemacht haben. Und durch den trockenen Mix klingt das halt, als würde irgendeine Metalband das im Proberaum durchspielen, und Mustaines Schreie nach den Refrains klingen lächerlich. Diese Megadeth-Version ist sogar kürzer als das Original, fühlt sich aber wesentlich länger an.
Also alles in allem: Megadeth hatten schon ein oder zwei schlechtere Alben, auch wenn das hier an einem schlechten Tag easy eine 2/5 sein könnte. Schreckliche Momente gibt es zum Glück nur wenige und das passiert größtenteils textlich. Ansonsten ist es erwartbar: Müde Stimme, müde Riffs, undynamische Produktion, ein paar nette Momente. Als Ende einer 40-jährigen Karriere passabel, aber auch vergessenswert. Genug Shred there gelettet.


8 Kommentare
Mit ner 3/5 geh mich mit! Leider alles sehr erwartbar, aber ein paar gute Songs sind schon drauf. Puppet Parade finde ich bisher am besten. Tipping Point ist ein starker Opener.
Die letzten beiden Alben waren aber klar besser. Vor allem Dystopia, das fast genau 10 Jahre vor diesem Album erschien.
Teemu Mäntysaari macht einen sehr guten Job an der Lead Gitarre. Jedoch fand ich die Soli von seinem Vorgänger Kiko Loureiro ein Stück besser.
Wenn man von ü60 Rockstars immer wieder etwas „neues“ erwartet.
Scheint ein Lautredaktions Running Gag zu sein
Ist schon geil, wie Einschätzungen von Musik und Wein auseinandergehen. Auf Powermetal geben bei acht unterschiedlichen "Testern" diese acht im Schnitt knapp neun von zehn Punkten für das Album, keiner weniger als 7,5....

Die haben natürlich recht!
Ich mach noch mal 'nen 95 Parker Punkte Rioja auf und hör Wagners Rheingold... 9 Sterne von 10 auf Oper.de ....:-))))))) Lugt, Schwestern, die Weckerin lacht in den Grund.....:-)))
Ich bin tatsächlich positiv überrascht! Hatte keine großen Erwartungen, gerade weil ich das Vorgängeralbum als steril und uninspiriert empfunden habe. Steht Megadeth drauf und das bekommt man auch. Nicht im besten Sinn aber auch nicht im schlechtesten. Die Lyrics sind schon ziemlich vorhersehbar und nicht literaturpreisverdächtig aber nach ein paar Rotationen macht mir das Ding Spaß. Megadave hat sein letztes Album nicht versemmelt und das ist ja schon ganz schön was...
...möglicherweise empfinde ich es auch so, weil ich es im direkten Vergleich zu 72 Seasons höre und na ja!
wie bereits in den Kommentaren beschrieben; es ist einfach ein Megadeth Album. Ich bin kein großer Fan von M. Und es ist einfach ein Album wie so vieles was Megadeth gemacht hat. Deswegen gehen 3/5 in ordnung. Das Cover am Ende ist in Ordnung, ist eh auch kein besonderer Song. Mir wäre lieber gewesen er hätte einen der 4 von der Kill em All gecovert, an denen er mitgeschrieben hat. Die sind alle besser.
Der Sound der Produktion empfinde ich als recht spitz, aber differenziert. Aber ich werde es mir eh nicht weiter anhören, genau wie ich die letzte Metallica auch nur 1x reingehört habe. Aus den gleichen mittelmäßigen Gründen.