laut.de-Kritik
Stock-Videos mit Sepia-Filter, von Seele keine Spur.
Review von Yannik Gölz"Jumpa meint: 'Lass uns noch heute recorden', dieses Album hier wird ein ehrliches." Mit dieser Ansage leitet Apache 207 "21 Gramm" ein. Es braucht nicht lange, um die Kernthese zu bestätigen. "Mama sagt: 'Gib auf dich acht Uhr morgens', bei Champagner-Regen nicht leicht." Apache will beweisen, dass hinter dem Superstar noch ein komplexer, bodenständiger Mensch steckt. Aber abgesehen davon, dass die 'All der Erfolg und das Geld machen mich nicht glücklich'-Masche in den letzten Jahren bis zum letzten Erbrechen durchdekliniert wurde - jedesmal, wenn Apache seine generischen Skizzen von Glamour neben seine noch generischeren Skizzen von Schmerz stellt, wird ein bisschen deutlicher: Er ist nicht nur ein langweiligerer Popstar als gedacht, er ist auch ein relativ langweiliger Typ.
Mit seiner Reise vom melodischen Rapper zum alles dominierenden Popstar spiegelt er auf seine Weise das, was Post Malone in den Staaten gemacht hat. Aber bei aller Kritik, die man Postie vorwerfen kann: Er ist ein Charakter, zu dem man sich verhalten, auf den man neugierig sein kann. Apache scheint sich dagegen vor allem deshalb in Mysterien zu hüllen, weil er absolut nichts zu erzählen hat. Das ganze Album lässt sich mit 'früher war ich broke, heute bin ich rich, aber trotzdem vermisse ich manchmal früher' zusammenfassen.
Das wiederholt er so vehement, dass man sich graduell mehr wundert, was er sich eigentlich von diesem Glam-Leben erhofft. Gerade die Anfangsphase des Albums versucht, dieses Highlife zu zeichnen, und es klingt jedes Mal wie absoluter Bullshit. "Ja, wir sind auf dem besten Weg, alle Sterne so nah / Wir schaffen Momente, die kann man mit Geld nicht mal bezahl'n." Ah ja? Welche denn? Erfahren wir nicht. Ja, es gibt in dieser Welt ganz viel Geld und schnelle Autos und obskuren Luxus, und die Frauen rennen ihm in Scharen nach. Aber Apache selbst ist der erste, der dir erzählt, wie albern und sinnlos diese Art von Opulenz ist.
Es fällt also schwer, allzu viel Mitleid mit dem Mann zu haben, der so sehr unter all seinem Erfolg leidet. Vor allem, wenn er uns dann trotzdem noch in regelmäßigen Abständen unter die Nase hält, wie viel geiler als wir er wegen seines Erfolgs doch ist. Wenn er auf "Für Die Kamera" darüber rappt, dass er mit den Brüdern an der Tischtennisplatte rumhinge, als verkaufe er nicht "zig-tausend Platten", macht er an sich die beste Figur.
Auf diese Art ist Apache einfach weder Fisch noch Fleisch. Wenn man auf Tagtraum und Eskapismus Popstar-Fantasien vom Goodlife hören will, nutzt dieses Tape nicht, weil alles Goodlife bei ihm oberflächlich und deprimierend klingt. Will man sich aber tief in seine komplexe Person einfuchsen, kommen wir ihm auch trotz eines halben Dutzends deeper Tracks nicht näher. Apache hat ganz viel Pathos, aber quasi gar keine Substanz. All die Tracks über feurige Break-Ups liefern weder Details über ihn noch über seine Angebetete, seine Erinnerungen an früher sind Stock-Videos mit Sepia-Filter.
Der einzige Track, der eine neue Facette versucht, ist das ulkige "Mann Muss". Seine augenzwinkernden Ausführungen über toxische Männlichkeit sind sicher lieb gemeint, und es ist irgendwie süß, dass es von ihm kommt. Aber gerade die letzte Strophe mit der Holzhammerironie und den seltsamen Wortspielerein klingt, als hätte sich ein moderner Alligatoah-Song aus Versehen in Apaches Session verirrt, und das ist wirklich eine schaurige Kombination, die ich so nie wieder hören will.
Es bleiben ein paar brauchbare Beats. Jumpa wird auf "Jumpa's BTN Extended" fünf Minuten lang in seiner stärksten Form zelebriert, das ist ganz cool, aber nach ein paar Jahren mit Apache merkt man doch, dass dieses generische Popstar-Beatpack in ihm keine neuen Wege auftut. Es ist cool, wenn auf Tracks wie "Bis Tief In Die Nacht" oder "Morgen" der Synthpop, mit wertigen Bässen ausproduziert, wummern und brettern darf. Aber an diesem Punkt ist es auch nicht so, als hätten wir das nicht schon oft genug von ihm gehört. Die musikalischen Highlights sind am Ende des Tages auch nicht mehr als leicht überdurchschnittlicher Radiofiller.
Das alles lässt mit der Frage zurück, warum Apache dieses Album nach seiner Seele benannt hat. Ich verstehe schon, dass es nicht faul ist. Hier ist definitiv Arbeit hineingeflossen, hier wurde definitiv auch immer wieder versucht, den Text in eine etwas interessantere Richtung zu drehen (zum Beispiel die gespiegelten Parts über die eigene Identität auf "GWHF"). Aber man kann sich schwer über diese kleinen Drehs ereifern, wenn sie am Ende doch nur herhalten, um im Grunde nichts zu sagen. Alle Gedanken und Bilder auf diesem Album sind schablonenhafte Holzschnitte.
Es bleibt das seltsame Gefühl, dass man den Kerl Apache über seine Musik einfach kein bisschen kennenlernt. Wenn mir jemand sagen würde, dass er die Genres, die er hier produziert, selbst nie hört, würde mich das kein Stück verwundern. Er scheint einfach irgendwie mit dem weiterzumachen, das ihn hierher gebracht hat. Wenn die Leute das hören wollen, dann liefert er eben. Vor allem, weil immer dieser Schatten der Bitterkeit aus allen Tracks lugt. Selbst, wenn er über Partys und Frauen singt, wirkt er misstrauisch, argwöhnisch und abgeschottet.
Ich kann mir vorstellen, dass die Musik, die wirklich Apache zeigen würde, sehr viel düsterer und unbehaglicher klänge. Aber wie gesagt: Es ist schwer zu sagen. Fakt bleibt einfach nur, dass man für Musik darüber, dass man trotz allen Erfolgs eine ganz arme Wurst ist, ein wirklich unglaublich plastischer und faszinierender Performer sein muss. Apache fehlt diese Qualität. Seine deepen, ernsten Tracks fühlen sich so fadenscheinig und fake wie seine fröhlichen an. So ist "21 Gramm" zwar ein durchaus hörbares Tape von einem handwerklich wie charismatisch sehr begabten Artist, nur von Seele leider keine Spur.
2 Kommentare
21 Gramm beträgt die musikalische Gewichtung dieses Autoscooter-Barden
Mon dieu, es kommt so fast vernichtender rüber, als wären es 1/5