laut.de-Kritik

Ein Meisterwerk aus kaputten Diamanten.

Review von

Ein Kind fällt. Kein Boden in Sicht, kein Arm, der es auffängt. Schon das Cover von "Glanz Null" stellt die Frage, die Apsilons zweites Album vierzehn Songs lang nicht loslässt: Was passiert mit einem Menschen, wenn der kindliche Glaube an eine gerechte Welt in der Realität aufschlägt? Es wäre leicht, darauf mit bloßer Verbitterung zu antworten. Apsilon präsentiert stattdessen eine Rap-Platte zwischen Hoffnung und Resignation, Zärtlichkeit und Wut, Fallen und Aufgefangenwerden – ein Meisterwerk aus kaputten Diamanten.

"Glanz Null" funktioniert als Konzeptalbum mit wiederkehrenden Bildern (Augen, Glanz, Diamanten, ...). Sprachaufnahmen tauchen immer wieder auf, einzelne Gedanken wandern durch mehrere Songs und selbst Features wirken nicht wie an die Trackliste getackerte Reichweitenbeschleuniger, sondern wie Figuren innerhalb einer größeren Erzählung. Nach "Haut Wie Pelz" (2024) richtet Apsilon den Blick stärker nach innen, ohne deshalb die Welt draußen zu vergessen. Im Gegenteil: Das Private erscheint hier als Ort, an dem gesellschaftliche Verhältnisse ihre Narben hinterlassen. Depression, familiärer Druck, Rassismus, politische Ohnmacht und die permanente Angst, nicht zu genügen, greifen ineinander. Apsilon erzählt aus seiner Lebensrealität hinaus und gleichzeitig immer tiefer in sie hinein.

Auch musikalisch wächst er über das Debüt hinaus. Neben seinem Bruders Arman Yolci als Producer öffnen Bazzazian, Bijan und Ralph Heidel den bisherigen Sound für Live-Drums, Band-Elemente und elektronische Texturen. Mal klingt das Album warm und beinahe schwerelos, dann wieder kalt, hart und unruhig. Nichts davon wirkt wie ein angeklebtes Experiment. Die Produktionen folgen der Stimmung der Texte und geben Apsilons außergewöhnlicher Stimme genau den Raum, den sie benötigt.

Mit "Weg Hier Raus" beginnt das Album nicht an einem Ziel, sondern mitten in der Suche. "Es muss ihn doch geben, ein Weg hier raus", wird zur ersten großen Leitidee der Platte. Der Beat ist stabil, ohne die Verzweiflung darunter plattzuwalzen: "Die Menschen werden kleiner, die Panzer werden größer. Mein Computer sagt, ich bin einsam, selbst am Boden hab' ich Höhenangst. [...] Ich schwör' die ein' hier, schießen sich in Weltraum, und die anderen hier, schießen sich in Kopf." Zwischen depressiver Starre, Exzess und Eskapismus sucht Apsilon nach irgendeiner Möglichkeit, sich und die Menschen um ihn herum aus einer Wirklichkeit zu retten, die längst selbst den Halt verloren hat.

"Kaputte Diamanten (feat. Berq)" trägt diese Suche in eine wunderschöne Melancholie. Berqs Stimme schwebt durch den Einstieg und bereichert den Song enorm, ohne ihn an sich zu reißen. Die Diamanten stehen für Augen, denen ihr früherer Glanz abhandengekommen ist. Sie sind beschädigt, aber nicht wertlos. Genau diese Ambivalenz bildet das emotionale Zentrum des gesamten Albums. Mit "Titan" folgt der vielleicht melodisch schönste Moment der Platte. Der Song zieht einen mit spannenden musikalischen Ideen immer tiefer hinein und verdichtet den Druck, für einen anderen Menschen niemals groß genug werden zu können. Danach greift "Glanz" die Sprachaufnahmen und Augenmotive aus "Kaputte Diamanten (feat. Berq)" wieder auf. Verzerrte Stimmen treffen auf eine experimentellere Produktion und bringen Vielfalt ins Album.

Seinen erzählerischen Höhepunkt erreicht "Glanz Null" mit "Sommermärchen". Apsilon blickt zurück auf seinen neunten Geburtstag im Jahr 2006, auf Panini-Bilder, Deutschlandfahnen, Schminke im Gesicht und die Vorfreude auf eine Fußball-Weltmeisterschaft, die dem Land ein neues, weltoffenes Selbstbild bescheren sollte. Während das Kind im Ballack-Trikot mitfiebert, verfolgt sein Vater die Nachrichten über den Mord an Mehmet Kubaşık. Die Medien sprechen damals noch von sogenannten "Dönermorden" und suchen die Täter lieber im Umfeld der Opfer, statt den rassistischen Terror des NSU zu erkennen. Fast zwei Jahrzehnte später begegnet Apsilon Kubaşıks Tochter Gamze. Plötzlich liegen Kindheit und Gegenwart, Fußballfest und rassistische Mordserie, schwarz-rot-goldene Euphorie und postmigrantische Ernüchterung direkt übereinander. Apsilon erklärt Geschichte nicht aus sicherer Entfernung. Er lässt sie durch ein Kinderzimmer, einen Fernsehbildschirm und die Augen einer Hinterbliebenen laufen. Gerade deshalb trifft "Sommermärchen" mit einer Wucht, die kein politisches Referat erreichen könnte. Es ist einer der besten Songs des Albums – und einer der stärksten Deutschrap-Tracks der letzten Jahre.

Nach diesem Moment des Innehaltens nimmt "Rennen (feat. Summer Cem)" wieder Geschwindigkeit auf: "Wie schnell muss ich rennen, damit die Sonne nie untergeht?" Doch egal, wie sehr er rennt: Die Dunkelheit bleibt ihm auf den Fersen. Gleichzeitig beginnt die noch folgende Abrechnung Apsilons, hier mit einer Musikindustrie, die Haltung gerne vermarktet, solange sie weder Buchungen noch Geschäftsbeziehungen gefährdet. Summer Cem fügt sich überraschend gut in diese Getriebenheit ein und wirkt nie wie ein prominenter Fremdkörper.

In "Keiner Von Euch" entlädt sich schließlich alles, was zuvor bereits brodelte: "Nein, ich setz' mich nicht an Tisch mit euch bei Hart aber fair, ha. Mit Bastarden reden bringt nicht viel, das hab' ich gelernt, ha." Apsilon schießt gegen Festivals, die (ihn) wegen Äußerungen zu Palästina ausladen, gegen performativen Feminismus, opportunistische Künstler und Politiker, die Nähe zu migrantischer Kultur suchen, solange sie sich öffentlich gut verwerten lässt: "Wallah, reicht mit Yappa, Yappa, bitte sag ma', Vizekanzler / Warum folgst du mir auf Insta? Halt ma' lieber bisschen Abstand / Ich will nichts mit den'n zu tun hab'n, die das Land hier an die Wand fahr'n / Wir häng'n nicht mit Cem-Özdemir-Kanaken, Bruder, lass ma'." Apsilon spricht aus, was ihm wichtig ist, auch wenn es Einladungen, Wohlwollen oder Teile des eigenen Publikums kosten könnte. "Keiner Von Euch" ist keine glatt formulierte Stellungnahme, sondern eine wütende Grenzziehung. Nicht jede Spitze muss gefallen. Sie soll treffen.

Danach hält das Album seine Spannung, ohne jeden Song zum politischen Großereignis aufblasen zu müssen. "Ufo" bewegt sich näher am klassischen Apsilon-Sound und erdet die Platte im Rap. "Berg" macht aus Freiheit und Einsamkeit zwei Seiten desselben Gipfels: Je weiter der Aufstieg, desto größer die Entfernung zu allen anderen. "Ghibli Freestyle (feat. Levin Liam)" lockert die Dramaturgie etwas und bringt mit Liam ein weiteres Feature, das sich selbstverständlich in Apsilons Klangwelt einfügt.

Die größte Überraschung wartet allerdings mit "Souvenir (feat. Ikkimel)". Wer bei Ikkimel den nächsten kalkulierten Tabubruch erwartet, hört hier eine völlig andere Künstlerin. Ihr Part klingt emotional, verletzlich und erstaunlich tiefgehend. Ausgerechnet dieses auf dem Papier eher unerwartete Aufeinandertreffen entwickelt sich zu einem der stärksten Features der Platte. Apsilon zwingt seine Gäste nicht in seinen Stil, schafft aber einen Raum, in dem sie neue Seiten zeigen können.

Nach "Mann Im Schloss" überzeugt anschließend "Letzter Mensch" vor allem textlich und zeigt nochmals, wie mühelos Apsilon große gesellschaftliche Fragen mit sehr persönlichen Gefühlen verbindet. Bei ihm stehen Einsamkeit und Entfremdung nie nur für individuelle Probleme. Sie erzählen immer auch von den Bedingungen, unter denen Menschen überhaupt erst vereinsamen.

Mit "Null" schließt sich der Kreis. Die Sprachaufnahmen früherer Songs kehren zurück, ebenso der Glanz in den braunen Augen eines Kindes, dem einmal versprochen wurde, alles werde gut. Dann kommt die Kälte der Wirklichkeit. Doch die Null bezeichnet nicht ausschließlich das Verschwinden dieses Glanzes. Sie ist auch ein erster Atemzug, ein Ausgangspunkt und damit eine Möglichkeit, noch einmal neu zu beginnen.

"Glanz Null" besitzt keinen künstlich aufgesetzten Hoffnungsschimmer. Dafür ist Apsilon zu ehrlich. Er weiß, dass sich gesellschaftliche Gewalt, depressive Gefühle und verlorenes Urvertrauen nicht mit einer hübschen Hook auflösen lassen. Trotzdem verweigert sich das Album der vollständigen Resignation. Zwischen all den Rissen bleibt die Möglichkeit bestehen, dass jemand da ist. Dass Verständnis wachsen kann. Dass ein Mensch fällt und vielleicht doch nicht auf dem Boden aufschlägt.

Apsilon macht seine Perspektive auch für Menschen erfahrbar, die keine vergleichbare postmigrantische Lebensrealität kennen. Nicht als pädagogische Dienstleistung und schon gar nicht als bequem konsumierbare Betroffenheit, sondern durch großartiges Storytelling, präzise Texte und eine Gesamtkomposition, in der jedes Motiv seinen Platz besitzt. "Glanz Null" möchte nicht nebenbei gehört werden, sondern durchlebt und anschließend ein Stück weit mit in den Alltag genommen werden. Das Kind auf dem Cover fällt noch immer. Apsilon zwingt uns, hinzusehen – und vielleicht rechtzeitig die Arme auszustrecken.

Trackliste

  1. 1. Weg Hier Raus
  2. 2. Kaputte Diamanten (feat. Berq)
  3. 3. Titan
  4. 4. Glanz
  5. 5. Sommermärchen
  6. 6. Rennen (feat. Summer Cem)
  7. 7. Keiner Von Euch
  8. 8. Ufo
  9. 9. Berg
  10. 10. Ghibli Freestyle (feat. Levin Liam)
  11. 11. Souvenir (feat. Ikkimel)
  12. 12. Mann Im Schloss
  13. 13. Letzter Mensch
  14. 14. Null

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LAUT.DE-PORTRÄT Apsilon

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3 Kommentare

  • Vor 2 Stunden

    Wie zu erwarten. Guter Mann, 5/5 absolut gerechtfertigt. Und wenn Ikkimel ein bisschen mehr in diese Richtung gehen würde wäre das eine schöne Abwechslung.

  • Vor 26 Minuten

    3/5, mehr nicht. Verstehe nicht was alle darin sehen. Inhaltlich sicherlich stark aber musikalisch und als Artist fand ich den echt irgendwie immer bisschen nichtssagend. Keine Ahnung wieso.

  • Gerade eben

    Ihr wollt es nicht hören, aber das ist moderner Studentenrap.
    Ich bin sehr zwiegespalten bei diesem Album, weil ich einerseits durchaus spüren kann, dass es ein besonderes Werk ist, und ich einige Songs auch wirklich mag. Sommermärchen ist der einzige Song der letzten Jahre der mich zum weinen gebracht hat. Andererseits kann ich mit einem großen Teil der Tracklist wirklich wenig anfangen. Zwar klingen die Songs (fast) ausnahmslos wirklich gut, aber der zwischenzeitlich aufkommende Singsang holt mich wirklich gar nicht ab. Lyrisch und inhaltlich ist das Album über weite Strecken jedoch absolut fantastisch, jedoch wirkt der Sound gleichzeitig irgendwie belanglos. Auch bei den Features bin ich sehr zwiegespalten. Berq passt zwar gut auf den Song, aber ich finde diese ganze neue Deutschpop Bubble (oder wie auch immer man das nennen mag, für mich ist das Partyschlager nur ohne Karneval Beats), zu der neben Berq auch beispielsweise Ennio gehört, wirklich unerträglich. Ähnlich geht es mir mit Levin Liams Poetry Slam Rap. Summer Cem hingegen hat mich wirklich positiv überrascht. Auf Rennen liefert er seinen besten Part seit Langem. Den Ikkimel Part auf Souvenir finde ich richtig wack. Der Song ist mMn ohnehin einer der schächsten des Albums, und Ikkimel rappt wie auf diesem Fiebertraum von vor ein paar Jahren: https://www.youtube.com/watch?v=_-w85rVD6x4
    Da holt mich ihr üblicher Sound deutlich mehr ab.
    Alles in Allem ist das für mich irgendwo zwischen einer 3 und 4. Ich gebe mal großzügig eine 4, für einen Meilenstein halte ich es aber aktuell nicht. Da müsste man in ein paar Jahren nochmal draufschauen, was für einen Impact das Tape letztendlich wirklich hat.