laut.de-Kritik

Seltsame Geschichten, schiefe Allegorien, Koketterien.

Review von

Boah, was war "An das Gestern…" gut! Ein toller Stayer, Grower, Lover. Buntspecht deuteten mit der exzellenten Single "Im Fluss" bereits an, dass "Konstrukt 5" womöglich das Niveau halten könnte. Der Opener erinnert in seiner Dynamik direkt an den Vorgänger und dessen Highlights wie das unsterbliche "Majorelika", nicht zuletzt wegen des tollen Einsatzes des Zweitsängers Scheicher, dem der Krächzer, Haucher und Schmauzer Klein perfekt den Boden bereitet. Scheicher produzierte die Platte neben David Piribauer, den man vor allem von Visions Of Atlantis her kennt.

Das Gerede von Balkan-Pop und Klezmer bezüglich Buntspecht ist natürlich dezidiert deutscher Feuilleton-Unsinn. Nicht jede Band, die einen Freylekhs einbaut, macht Klezmer. Buntspecht sind eine Pop-Band mit Akustikfaible. Das merkt man auf "Konstrukt 5" noch deutlicher als jemals zuvor. Der Akustikdruck von frühen Großwerken wie "Der Rote Pfau" ist passé.

"Way Down Alley" knüpft nicht nur im englischsprachigen Titel an "Funny Faces" an, sondern auch mit seinem Willen zum Bruch im Song, setzt aber weniger auf Dynamik als auf eine leicht bedrohliche Atmosphäre. Diese bereiten die Bläser, während Klein schelmisch den Pierrot gibt und wie schon beim Opener textlich das beeindruckende Niveau hält: seltsame Geschichten, schiefe Allegorien und kokette Andeutungen, die nicht gekünstelt, sondern wie Notwendigkeiten wirken.

Sprachbilder wie "So füllst du alle Gläser / Bis zum Anschlag voll / Wer braucht schon Song in Major? / Wir hab'n doch Songs in Moll" erinnern in ihrer scheinbaren Einfachheit an den jungen Thees Uhlmann oder den noch jüngeren Bosse. Beiden gelang es schon, emotional Schwieriges in einfachem Deutsch zu vermitteln, obwohl man wusste, dass sie es auch diffiziler hätten ausdrücken können.

"Ich hab viel Angst / und die Angst macht taub / Wir streiten uns / und der Streit wird so laut / erzähl mir eine Lüge, die ich glaub'", singt Scheicher zu Beginn von "So Viel Zu Sehn" und gibt nach dem freudigen Opener schon den zweiten Hinweis, wohin die Reise geht: Das Konstrukt ist ein trauriges, aber eben kein durchgehend melancholisches, sondern eines, das auch lachen und noch doller weinen kann. Da passt "Verfolgungsjagd" insofern gut, als dass der Verbrecher Klein seine Reue betont. Ansonsten ist der Song, wie der Wiener sagen würde, ein 'Schaas' auf handwerklich hohem Niveau, aber ganz klar ohne den gewohnten Genius der Band.

"Die Stadt In Dir" behebt dieses Missgeschick und zeigt eine neue Facette an Buntspecht auf: Eine Komplexität, die nicht aus Ideen und 180 Grad-Wenden besteht, sondern aus einem sich immer weiter in sich selbst windenden Song samt wunderschöner Akustikgitarre und einem Klein, dem der Rest der Band immer genug Kontra gibt, toller, nachdenkliche Pop. Für "Flüster mir nochmal ins Ohr / wer du einst warst/ bevor du lerntest, wie du heißt / und wie du dich vergleichst" würde der ehemalige Seelenforscher von Lotzow töten. Der Song schraubt sich zwei Minuten, vier Minuten, zwölf Minuten, es ist schwer zu sagen, aber jedenfalls zu kurz, in sich hinein, bis ihm Bassist Lang ein Ende und direkt den Ton für "My Oh My" setzt.

Der Track ist nicht verkehrt, man wird den Eindruck aber nicht los, dass er vor allem deshalb ein Instrumental ist, weil die Sänger nicht recht wussten, wo sie ansetzen sollten. So schön spielt das Piano, so austariert die Trompete: Wer das kann, kann doch mehr? "Wenn Du Jetzt Gehst" ist der geistige Vorgänger von "Geh Doch Hin" – bei Sven Regener war sie ja eigentlich schon weg. Buntspecht wollen das Verlassenwerden aber durch das mieseste aller Manöver verhindern, das Ass desjenigen, der sich Würde nicht mehr leisten kann: "Wenn du jetzt gehst fällt die Tür aus den Angeln und dann stürzt das ganze Haus in sich zusammen". Der fröhliche, weniger erdige Sound markiert den perfekten Kontrapunkt dazu.

"Party Im Schnitzelhaus" wäre selbst Sigi Maron als Titel zu doof gewesen und ist ein alter österreichischer Schnackselsong, auf dessen Profanität selbst der alte Schlawiner Danzer stolz gewesen wäre. Beim unersättlichen Betteln nicht widerlich zu wirken, schaffen auch nur Klein und Ernst. Aber beide sind besser, wenn ihr Leiden authentischer wirkt und sie ins Grübeln kommen. Dieser Party hier fehlt eindeutig der doppelte Boden, und Kleins Säuseln wirkt zum ersten Mal wie Effekthascherei. "Reprise" gibt sich schon im Titel als selbstreferenzielle Fingerübung zu erkennen, der Song nimmt nichts und gibt auch wenig.

"Sexy Fieber" weist erneut auf Beratungsbedarf in Sachen Songtitelwahl hin, und schon wieder gehts ums Bumsen, um beim Danzer zu bleiben. Die Geschichte geht kaum besser aus als zuvor im Schnitzelhaus, tatsächlich ist die von Trompete, Gelächter und Zeilen wie "Fuck, ich bin am Arsch" erzeugte Hitze ziemlich klebrig. Man will mit vorgelegten Hemdmanschetten weitertippen, um nichts anfassen zu müssen.

"Vom Kopf Der Hut" lässt die Brunst dann endlich hinter sich. In diesem erfrischend aufrichtigen, kindlichen Popsong spielt der Kopf keine Rolle, alles ist nur Herz. Das muss man nicht mögen. Labradore sabbern einem auch die Hose voll, toll sind sie trotzdem, genau wie dieser Song. "Was Hält Dich Hier" fragen Buntspecht zum Schluss und geben zu: So gut wie der Vorgänger ist das nicht. Aber trotzdem immer noch sehr gut, auch wegen des Closers, der Buntspechts grundsätzliche Werkzeuge, Klavier und Gitarre, noch einmal zusammenführt und sie mit einer Ernsthaftigkeit garniert, die dem Album auch an anderer Stelle gut getan hätte.

Trackliste

  1. 1. Im Fluss
  2. 2. Way Down Alley
  3. 3. So Viel Zu Sehn
  4. 4. Verfolgungsjagd
  5. 5. Die Stadt In Dir
  6. 6. My Oh My
  7. 7. Wenn Du Jetzt Gehst
  8. 8. Party Im Schnitzelhaus
  9. 9. Reprise
  10. 10. Sexy Fieber
  11. 11. Vom Kopf Der Hut
  12. 12. Was Hält Dich Hier

Preisvergleich

Shop Titel Preis Porto Gesamt
Titel bei http://www.amazon.de kaufen Buntspecht – Konstrukt 5 [Vinyl LP] €29,83 Frei €32,83

Videos

Video Video wird geladen ...

Weiterlesen

LAUT.DE-PORTRÄT Buntspecht

Das Quatschlevel der Website von Buntspecht ist beachtlich. Zwei, drei unbedarfte Klicks und die Welt gewinnt deutlich an Farbe - und verliert mindestens …

Noch keine Kommentare