laut.de-Kritik

Die Slacker-Queen wagt sich aus der Komfortzone.

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"I'm ready for a change!", singt Courtney Barnett mitten auf ihrem vierten Album "Creature Of Habit". Es sind überraschende Worte aus dem Mund der australischen Musikerin, die ihren Slacker-Stil auf dem 2021er-Album "Things Take Time, Take Time" zur ultimativen Komfortzone ausgebaut hat.

Doch seit damals ist viel passiert. Ende 2022 löste die Singer-Songwriterin ihr Indie-Label Milk! Records auf, weil die finanzielle Anspannung durch die Pandemie zu groß geworden war. Überhaupt stellte Barnett ihre Karriere in Frage, zog aus Melbourne ins 13.000 Kilometer entfernte Los Angeles, ging zur Therapie, töpferte, surfte. Zu guter Letzt rief die Wüste: Barnett und ihre Band zogen sich für fast ein Jahr in den kalifornischen Nationalpark Joshua Tree zurück – und nahmen ein neues Album auf.

Die Zeiten des Wandels hört man "Creature Of Habit" deutlich an. "Es war keine Absicht, aber bei diesem Album scheint sich alles um Veränderung zu drehen", erklärt die 38-Jährige in einer Pressenotiz, "Die Veränderung steckt in den Texten, sie steckt in den Ideen, ich konnte mich ihr nicht entziehen. Es geht darum, Veränderungen anzunehmen, aber auch um die Trauer über das, was sich verändert hat – das Chaos und die Verwirrung all dieser Gefühle".

Obwohl der lässige Indie-Sound das unverkennbare Markenzeichen der gebürtigen Sydneysiderin bleibt, klingt die Musik jetzt reifer, weiter und nuancierter. Anknüpfend an die beim Instrumental-Score "End Of The Day" erprobte Improvisationstechnik, entwickelt Barnett mit Warpaint-Drummerin Stella Mozgawa bewährte Muster in einem vielseitigeren Spektrum weiter. Zusätzlich trägt Co-Produzent John Congleton mit einem Referenzkatalog von Alvvays bis Xiu Xiu dazu bei, die Songs voller und entschiedener zu präsentieren. Insgesamt liefert "Creature Of Habit" beides: Spannende Zwischentöne und starke Hooks.

Seine Reichweite beweist das Album gleich im einleitenden Song-Trio. "Stay In Your Lane" liefert einen trotzigen, stacheligen Rocksong, der den Wunsch nach Veränderung beschwört. Danach kreist "Wonder" als Pop-Bonbon in der Cardigans-Galaxie. "Site Unseen" begibt sich mit Katie Crutchfield von Waxahatchee in verträumte Americana-Sphären. Dem heftigen Kopfzerbrechen, das Barnett seit jeher umtreibt ("Falling in and out of time today / Questioning all the choices that I ever made"), setzt das Lied eine versöhnliche Note entgegen ("And it won't take long until I get my head together / Either way, why don’t we stay a while and see").

Wenn auch nicht jedes Lied perfekt mitzieht ("Mostly Patient", "Sugar Plum", "Great Advice"), entwickelt die Sängerin eine raffinierte Dramaturgie der Veränderung. Mit Flea am Bass und einem Gitarrensolo, das sich wild dreht und windet, fordert "One Thing At A Time" den Wandel, ohne jedoch die Übersicht zu verlieren ("Oh my God / Just one thing at a time"). Im Einklang mit dem Albumcover inszeniert das Dream-Rock-Mantra "Mantis" das Leitmotiv der geduldigen und richtungsweisenden Gottesanbeterin. "Same" kombiniert Nirvana-Akzente und Synthie-Klänge mit einem Soulpop-Chorus, der den Stillstand resolut ausschließt ("Not gonna be, be the same / The same again").

Alles mündet in das fünfeinhalbminütige Opus "Another Beautiful Day". Von Refrain-Zeilen, die aus einem Kinderlied stammen könnten, bis zu einem geheimnisvoll nachhallenden Outro verankert das epische Finale das Thema des Wandels in einer bittersüßen Carpe-Diem-Reflexion ("Reborn every morning / Still somehow getting older"). Vielleicht liefert Lässigkeit nicht mehr die Antwort auf alle Fragen. Doch kluge Gelassenheit könnte ein Ansatzpunkt sein.

Trackliste

  1. 1. Stay In Your Lane
  2. 2. Wonder
  3. 3. Site Unseen
  4. 4. Mostly Patient
  5. 5. One Thing At A Time
  6. 6. Mantis
  7. 7. Sugar Plum
  8. 8. Same
  9. 9. Great Advice
  10. 10. Another Beautiful Day

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