laut.de-Kritik

Frischer Wind für Eurotrance.

Review von

Fast fünf Jahre sind vergangen, seit Danny L Harle mit seinem Album "Harlecore" einen bunten Jahrtausendwende-Rave-Mix aus Eurodance, Gabber, Jumpstyle und Trance zubereitete. Für seine neue Platte "Cerulean" fokussiert er sich hauptsächlich auf den Eurodance und -trance plus ein wenig Ambience und lädt dazu einige der angesagtesten Figuren der kontemporären Pop-Welt auf seine Beats ein. Es stellt sich heraus: Mit dieser Genre-Eingrenzung hat er die richtige Entscheidung getroffen.

Das Projekt startet mit einem Hoch: Bretternde Saw-Synths clashen mit friedvollen Ambience-Sounds auf "Noctilucence", eine Klangszenerie wie aus Denis Villeneuves "Dune"-Filmen. Nach ungefähr einer Minute folgt "Starlight" mit dem britischen Pop-Phänomen PinkPantheress. Der harte Trance-Track spielt alle paar Sekunden mit einer neuen musikalischen Idee nach der anderen, ohne dabei zu sehr dem Chaos zu verfallen. In einem Moment hämmert eine frohe Piano-Melodie, im nächsten ein Bass-Gewitter wie aus einem Hardstyle-Song. Die hohe, fast schon infantile Stimme von PinkPantheress passt obendrein wie maßgeschneidert für das Genre. Ähnlich wilde Ergebnisse liefert auch der Track "Laa", wo stellenweise das gesamte Konstrukt in einen Strudel aus extremen Synths und Bässen in sich zusammenfällt.

"Island (Da Da Da)" klingt mit den High-Pitched-Vocals der britischen Sängerin Pawws und dem Akkordeon wie ein merkwürdiger Mix aus Scooter-Klassikern wie "Nessaja", "Weekend!" oder "Friends" und dem moldawisch-rumänischen Hit "Stereo Love" von Edward Maya und Vika Jigulina, wenn auch mehr ethereal. Diese Kombination mag sich auf dem Papier sehr trashig anhören, ist in der Praxis aber sehr verspielt und gleichzeitig auch bezaubernd umgesetzt.

Bei diesem großen Star-Aufgebot kann sich die verhältnismäßig unbekannte polnische Sängerin Kacha auf "Te Re Re" auf jeden Fall behaupten. Sie erobert die ruhigen Passagen ihres Beats mit ihrer epischen Kopfstimme.

Die Alt-Pop-Artists Caroline Polachek auf "Azimuth" und Julia Michaels auf "Raft In The Sea" bereichern die etwas verträumteren Beats ihrer jeweiligen Tracks mit himmlischen Vocals, wobei besonders das gechoppte "Anywhere" mit dem dezenten aber effektiven Drop sehr schön kommt. Zwischen diesen beiden Nummern bietet das kurze, ambiente "Facing Away" mit Clairo eine wohlklingende Atempause.

Polacheks zweite Feature-Performance auf "On And On" kurz vor dem Ende überzeugt jedoch weniger, doch liegt das eher an dem scheppernden Breakbeat, der nicht hundertprozentig mit dem Cembalo harmoniert. Generell wirken die letzten fünf Song trotz ihres lobenswerten Production Values wie der Schwachpunkt der Platte, auch wenn der Dua Lipa-Auftritt auf "Two Hearts" nach mehrmaligen Hören doch noch gut reingeht. Definitiv ein Grower.

Die Dance-Pop-Nummer "Crystallise My Tears" mit Oklou und Mnek hingegen integriert sich zwar mehr oder weniger in das Klangbild des Albums, wirkt am Ende trotzdem irgendwie deplatziert. Für das nur 95 Sekunden dauernde "O Now Am I Truly Lost" kleistert Danny L Harle das Instrumental mit einem nervigen Vocal-Synth zu. Das Outro "Teardrop In The Ocean" erinnert stellenweise an eine Mischung aus Vangelis' "Blade Runner" Soundtrack und Etwas aus Mike Oldfields "The Songs Of Distant Earth" auf Steroiden. Ein durchaus interessanter Ansatz, wenn auch zur Mitte hin zu pompös aufgesetzt.

Trotz eines schwächeren Schlussteils gelingt Danny L Harle eine bemerkenswerte Liebeserklärung an den Eurotrance. Frisch, modernisiert, hier und da spaßig, aber auch sehr cineastisch. Dafür, dass ich dieser Mukke als kleiner Bursche mit einem Hauch von Skepsis und Langeweile begegnete, immer wenn meine Eltern sie wochenends im Wohnzimmer oder beim Kochen anschalteten, fühle ich mich mit dieser Platte durchaus konvertiert.

Trackliste

  1. 1. Noctilucence
  2. 2. Starlight (Feat. PinkPantheress)
  3. 3. Azimuth (Feat. Caroline Polachek)
  4. 4. Facing Away (Feat. Clairo)
  5. 5. Raft In The Sea (Feat. Julia Michaels)
  6. 6. Island (Da Da Da)
  7. 7. Te Re Re (Feat. Kacha)
  8. 8. Laa
  9. 9. O Now Am I Truly Lost
  10. 10. Two Hearts (Feat. Dua Lipa)
  11. 11. Crystallise My Tears (Feat. Oklou, Mnek)
  12. 12. On & On (Feat. Caroline Polachek)
  13. 13. Teardrop In The Ocean

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