laut.de-Kritik

Die Albo-Hitparade läuft auf Hochtouren.

Review von

Okay Mainstream-Deutschrap: Diese Runde hast du gewonnen. Ausgerechnet Dardan und Azet haben die exakte Frequenz gefunden, die meinen sonst so Pop-Rap-sicheren Deflektorschild neutralisiert. Bevor ich an "Eurosport 2" rantrat, stellte ich mir die Erfahrung mit der Platte so ermüdend vor wie Billard oder Snooker schauen auf dem (wer hätt's gedacht) Eurosport-Kanal. Stattdessen bekam ich ein Arsenal voller tauglicher Sommerhits und In-Die-Fresse-Straßenrap-Tracks. Ich musste mindestens viermal durchhören, nur um sicherzugehen, dass ich nicht spinne. Ich tue es nicht. Mir gefällt das leider wirklich, und ich verstehe immer noch nicht richtig, wieso. Wagen wir uns also schrittweise ran.

Was unterscheidet dieses Werk von den anderen gängig chartenden Flitzpiepen, die ich dieses Jahr bislang so verrissen habe? KC Rebells "Daddy Is Back"? Schlichtweg öde. Jazeeks "4Lap"? So spannend wie Pegador bei Snipes shoppen, wahrlich in R'n'B gepresstes Valium. Bonez MC und "Johnny's Tape"? Grauenhaft monotone Stimmlage und Gesang. Bei Dardan und Azet bekomme ich aber das Gefühl, dass sie sich hier nahe am Maximum ihrer Fähigkeiten bewegen. Das Ergebnis gestaltet sich dadurch erstaunlich eingängig, wobei sie selbstverständlich das Rad nicht neu erfinden. Im Gegensatz zu den anderen kurbeln sie allerdings die Stimmung ordentlich an.

Denn in seinen stärksten Momenten bietet "Eurosport 2" echte Hookmonster. Dardan überzeugt mit sehr lässigen Hooks, unter anderem auf "Hmm Hmm" oder dem Outro "Odysee". Azet hingegen hypet die Stimmung in seinen Autotune-Hooks extrem auf, besonders auf "Nonstop", "2018 Prime" und meiner Lieblings-Hook auf "Plaza": "Block-Ambiente / Nur du bist so wie ich, immer caliente / Sie baut ein'n Joint, während ich den Ferrari lenke / Egal, was kommt, ich geh' mit dir bis zum Ende." Beide Interpreten ergänzen sich gut. Doch immer mal wieder, und das ohne Dardans Performances runterziehen zu wollen, stiehlt ihm Azet ein wenig die Show. Er ist zumeist für die energetischeren Einlagen zuständig und verantwortlich für einen Großteil meiner Highlights auf dieser Platte.

Ich glaube, wenn man die Texte komplett außer Acht lässt (dazu kommen wir gleich noch), ist Azet rein was Delivery angeht, ein wahnsinnig unterschätzter Rapper: hungrig in den Parts, im Gesang ansteckend euphorisch und in seiner Aussprache messerscharf und direkt, trotz oder gerade wegen seines Akzents. Dieses Talent stellt er besonders in seinem Part auf "Hmm Hmm" unter Beweis, z.B. wo sein plötzlicher Switch ins Albanische absolut brachial kommt: "Lass Geld hinblättern, Mund zu, Rapper / Shuplak t'kërsеt, auch bei Wind und Wetter", oder auf "Joga Bonito". Die ersten paar Bars hält er sich in Zaum und dann schießt es ihm wie aus einem schweren Maschinengewehr heraus: "Eurosport, schwarz-roter Dresscode / Fick' System so wie Jordan Belford / Zwei Albos, wir sind in Bestform / Steig in den Bentley, Baby, let's go."

Wie man vermutlich schon herauslesen konnte: die Textqualität ist zugegebenermaßen das, was man von den beiden auch sonst erwarten würde. Deswegen rate ich, das Hirn auf Sparmodus zu stellen, wenn man sich wirklich auf dieses Album einlassen möchte. Denn falls nicht, fallen einem neben den üblichen Prahlereien auch die stereotypischsten Straßenrap-Floskeln auf, prädominierend bei Azet in Lines wie: "Dein Mann ist ein Albaner und hat auf den Straßen Respekt / Das ist der Grund, warum er seine Gefühle versteckt", oder die altbekannten "Mama-Weint"-Lines, z.B. auf "Beretta". Übrigens, hübscher Piano-Beat: "Ich hab' nie auf dich gehört, Mama, pardon / Du hattest Liebe, doch wir wollten mehr Geld / Statt deine Hand zu halten, hab' ich Hände voll Stoff / Wie konnte das passier'n für paar neue Air Max?" Ohne das großartig zu verurteilen: Es gibt keinen anderen Deutschrapper, den ich mehr mit solchen Lines assoziiere wie Azet. At this point bin ich fest davon überzeugt, dass er der Urvater dieses ewig wiederkehrenden Straßenrap-Klischees ist.

Lediglich eine Line auf dem ganzen Projekt hat mir wirklich wehgetan. Auf "Nonstop" rappt Dardan: "Mit Stern auf Lenkrad, wie Vеrstappen, gebe Gas nonstop." Aber gut, wenn es weiter so schlecht für den vierfachen Weltmeister bei seinem Rennstall Red Bull läuft, sitzt er vielleicht schneller in einem Silberpfeil, als bei George Russell wieder Gefühle von Demütigung und Verzweiflung hochkochen, während ihm sein junger Teamkollege Kimi Antonelli die Weltmeisterschaft aus den Händen reißt. Dafür brilliert Dardan auf dem etwas deeperen Track "Gib Mir Mehr Davon" mit der schönsten Zeile: "Wenn mein Opa wüsste, was ich aus sei'm Nachnamen gemacht habe / Hätt ich gesagt: 'Du könntest deine Kraft sparen.'"

Den besten Moment liefert aber weder Dardan noch Azet, sondern die kosovo-albanische Rapperin und einzige Featuregästin Tayna auf "Calma". Auf einem fetzigen, dreckigen Reggaeton-Beat lässt sie ihre beiden Gastgeber total im Schatten stehen, mit einer frechen Delivery und einer markanten Stimmlage irgendwo zwischen Nicki Minaj und Die Antwoords Yolandi Visser. Wenn man sich auf das Album eingelassen hat, stören einen auch die üblich schmalzigen Liebesballaden wie "Vermisse" nicht mehr. Es muss was heißen, wenn ich frustriert darüber bin, dass ich Dardans komplett auf albanisch vorgetragene Hook auf "Mungu" nicht mitsingen kann. Beim sehr atmosphärischen Beat von "Mitten In Der Nacht" vernahm ich gewisse Parallelen zu Nelly Furtados 2000er Hit "Say It Right", aber zum Glück ohne dass es zu "Deutschrap ist fresher denn je"-artig abgekupfert wurde.

Das Erstaunlichste: es gibt keinen einzigen Song auf der Platte, den ich wirklich schlimm finde. Zum Ende hin setzt sich durch das Übermaß an melodischen Trap- und Latin-Produktionen ein bisschen Monotonie ein, doch beeinträchtigt dies das gesamte Hörerlebnis eher weniger. Weitestgehend bin ich positiv überrascht. Die Lyrics lassen zwar wie immer zu wünschen übrig und die meisten Beats, so solide sie sind, klingen wie das Deutschrap-Standardrepertoire in Sachen Sommerhits oder Straßenrap, aber die Performances der beiden Rapper, insbesondere Azet, hieven alle weniger gelungenen Aspekte von "Eurosport 2" auf eine bessere Stufe.

Trackliste

  1. 1. Pablo
  2. 2. Hmm Hmm
  3. 3. Beretta
  4. 4. Mungu
  5. 5. Vermisse
  6. 6. Mitten In Der Nacht
  7. 7. Calma (mit Tayna)
  8. 8. Joga Bonito
  9. 9. Plaza
  10. 10. Nonstop
  11. 11. 2018 Prime
  12. 12. Messenger
  13. 13. Junge Sterne
  14. 14. Gib Mir Mehr Davon
  15. 15. Odysee

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2 Kommentare

  • Vor 6 Stunden

    Eurosport 2 klingt wie eine endlose Aneinanderreihung von Luxusmarken, Belanglosigkeiten und Selbstbeweihräucherung. Dardan und Azet liefern zwar routinierte Beats, doch die Lyrics sind erschreckend ideenlos – austauschbare Floskeln, die wirken, als wären sie per Zufallsgenerator entstanden. Wo man Wortwitz, Storytelling oder wenigstens einen einprägsamen Gedanken erwarten könnte, gibt es nur leere Posen. Ein Album, das beweist, dass gute Produktion schlechte Texte nicht retten kann.