laut.de-Kritik

Einschlafprobleme? Dann hör mal rein.

Review von

"4Lap"? Wohl eher ... "4Nap"! Ja, klatscht mir ruhig eine für diesen ultraflachen Joke. Das könnte ich vielleicht sogar gut gebrauchen, ehe ich vor Jazeeks brandneuster Playlist, die sich "Album" schimpft, einnicke. So ähnlich fing auch dieser Yannik™ mit der letzten Review zu Jazeek an, aber jetzt mal ehrlich: DAS IST verflucht einschläfernd. Obendrein: Blieben die letzten Platten "Most Valueable Playa" und "Ninetynine" noch unter der 20er-Marke, beschert uns der gebürtige Aachener mit amerikanischen Wurzeln jetzt ganze 26 Tracks über sein Playboy-Dasein. Let the snoozefest begin ...

Ich bin ja der Letzte, der sich über immer kürzer werdende Songs beschwert, die irgendwelche Wichtigtuer und "waschechte" Musik-Connaisseure prompt als seelenlose Massenprodukte abstempeln. Aber meine Güte: Ein Großteil der Tracks hier erfüllt tatsächlich deren Vorstellung vom playlistkonformen, massentauglichen Zweieinhalbminüter, plus minus 15 Sekunden. Es ist so lächerlich klischeehaft.

Gleich beim ersten Track "4 Da Streets" hatte ich noch Hoffnung, dass Jazeek zumindest für ein paar catchy Lines zu gebrauchen ist, wenn er rappt: "Mein erster Song war ein Hit für mich, so wie Miami Yacine, nur dass bei mir immer noch läuft." Bisschen Competition, bisschen Beef, warum nicht? Mit der Zeit stellte ich aber fest, dass der Diss ins Leere geht. Denn ein "Kokaina" von Miami Yacine, so sehr wir diese Deutschtrap-Phase der späten 2010er manchmal vergessen wollen, besaß wesentlich mehr Ecken und Kanten, als Jazeek jemals auf dieser Platte zeigt.

Ich meine das total ernst: Nach dem Intro gab es nahezu keinen Track mehr, bei dem ich nicht mindestens dreimal gähnte, LAUT gähnte. Wozu Melatonin-Gummis, wozu Schlaftabletten, wozu ein Schlag in die Fresse? Dr. Laskowski verschreibt euch dieses Album für eure Einschlafprobleme. Mir kam es die ganze Zeit so vor, als wäre ich ein Pokémon, das gegen ein Relaxo kämpft, das die Attacke "Gähner" spammt.

Bei diesem Koloss des Mainstream-Einheitsbreis fällt es mir extrem schwer, irgendeinen Song herauszuziehen, den ich hier repräsentativ vorstellen soll. Das beginnt schon bei der Frage, was ich hier unkreativer finde: Jazeek oder die Produktion? Ich tendiere eher zu Jazeek, da mir unter der Masse extremst vorsichtig erstellter, ermüdender Trap-, R'n'B- und Latin-Beats zumindest die Instrumentals des 2000er-Vibes versprühenden "Klatsch Das!" und des orchestralen "Oye!" gut gefielen.

Jazeek dagegen bedient sich seiner üblichen Themenauswahl: Frauen ("Oh, yo te quiero, my princesa, ah"), Sex mit Frauen ("Sie fickt mit Rappern und mit Superstars / Ich ficke jede Olle, die sie kennt, ey"), freaky Sex mit Frauen ("Gib Sloppy unter meinem Lenkrad, Blitzer-App, ich fahre schnell"), Beziehungsstress mit Frauen ("Warum willst du vor mir weg? Hab' gedacht, das wär perfekt / Gab für dich mein letztes Hemd, doch du wirfst es in den Dreck") und Herzschmerz wegen (wer hätt's gedacht) Frauen ("Ich hasse dich, dann lieb' ich dich doch / Baby, ich fass' es nicht / You leave me alone / Oh my baby, why you leave me alone?").

Dazwischen generischster Rapstar-Talk und Flex, kann man übrigens auch wieder mit Frauen verknüpfen: "I got shawties on my lap, twerking for her bag, spiele an ihr'm G-String / Universal lieben mich, mache fünfzehn Mio am Release-Day." Ich bitte BossXplosive darum, für Jazeek ein neues Songwriting-Tutorial auf YouTube hochzuladen, wie er es schon mit Samra und Capital Bra anstellte. Exakt dieses Textniveau darf man eine ganze Stunde lang ertragen. Viel Spaß.

Unter den Gästen vereint sich das derzeitige Who-Is-Who des Deutschraps und -R'n'Bs sowie der belgisch-marokkanische Sänger und Rapper Dystinct. Keiner überzeugt, entweder weil sie selbst eingefleischte Industrie-Soldatinnen und Soldaten mit ebenso belangloser Musik sind wie Lune auf "Letztes Hemd", Luciano auf "Ma Shawty" oder Sosa La M auf "Bend Over 2", oder eigentlich ein stückweit Talent besitzen, aber unter diesem Konstrukt der Eintönigkeit untergehen wie Lacazette auf "Verliebt In Ne B". Bisschen abwechslungsreicher geht es mit Reezy auf "Miami" zu, in dem beide Interpreten mit jamaikanischem Akzent auftreten.

Sogar Shindy, der unter den Gästen eigentlich noch am besten performen sollte, klingt auf "Parfum" so, als hätte er den Text binnen zwei Minuten auf das Blatt gekritzelt: "Geh' noch einmal durch den Flur und wir sind finished / Ich will seh'n, welchen Hur'nsohn du findest / Ich bin ein Mann mit Stolz, ich bin ein Mann mit Klasse / Dachtest du, dass ich mich so behandeln lasse?" Apropos toxisch maskulin: Was hat Jazeek auf dem Track seiner Chaya zu sagen: "Ich dachte, ich wär alles für dich / War da jedes Mal, wenn du mich rufst / Trotzdem warst du undankbar / Gehst mir fremd und fickst mein'n Ruf." Wow, es gibt tatsächlich einen Song auf dieser Platte, der noch schlechter als der an sich schon schlechte Rest ist.

Mir reicht's. Es ist früh nachmittags, während ich diese Worte schreibe. Ich starre gelegentlich auf mein Bett und es wirkt nach dieser LP so einladend. Jazeeks "Gähner"-Attacke mit dem Namen "4Lap" zeigt endgültig Wirkung und der Statuseffekt "Schlaf" erscheint über meiner Kraftpunkte-Anzeige. Ich wünsche mir gute Nacht und schöne Träume. Zzzzzz ...

Trackliste

  1. 1. 4 Da Streets
  2. 2. Gegend In Der Bella
  3. 3. Fallin
  4. 4. Tränen
  5. 5. Vergiss Mich
  6. 6. F My Ex!
  7. 7. Frei
  8. 8. Verliebt In Ne B (mit Lacazette)
  9. 9. Klatsch Das!
  10. 10. Bend Over 2 (mit Sosa La M)
  11. 11. Baddie
  12. 12. Sexy Lady
  13. 13. Señorita
  14. 14. Blessed
  15. 15. Unsichtbar
  16. 16. Letztes Hemd (mit Lune)
  17. 17. 304 (mit Aymen)
  18. 18. Oye!
  19. 19. Love Peace Harmony
  20. 20. Miami (mit Reezy)
  21. 21. Marbella
  22. 22. Immer (mit Dystinct)
  23. 23. Ma Shawty (mit Luciano)
  24. 24. Parfum (mit Shindy)
  25. 25. Good Girl
  26. 26. Das Letzte Mal

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