laut.de-Kritik
Party wie in 2008: im Infinity-Loop der Glückseligkeit.
Review von Rinko HeidrichAlle paar Monate überkommt mich diese große Y2K-Nostalgie, und ich kaufe mir ein Ticket für meinen ganz persönlichen Museums-Rundgang: Ich streife durch lange Gänge voller Erinnerungen und blicke beschämt auf alte Fotos - diese schrecklichen Frisuren, die Klamotten, die dumm-naiven Gesichter, die noch keine Ahnung hatten, was noch alles kommen würde.
Hier und da steht ein altes Gerät herum, mein erster MP3-Player, voll mit den gleichen Playlisten von damals. Man kann sie tatsächlich noch abspielen. Und irgendwie verschafft mir das ein richtig behagliches, warmes Gefühl. Eine Art Rückversicherung, dass es zwischen dem Sommermärchen 2006 und dem Ende der Nullerjahre mal eine Ära gab, in der alles irgendwie leichter und sorgloser wirkte.
Auf dem Weg zur Arbeit lief damals nonstop "D.A.N.C.E." von Justice, "Sleepyhead" von Passion Pit und "Pogo" von Digitalism. In einer mittlerweile stark geschönten Erinnerung stehe ich wie in Zeitlupe in einem Festivalzelt, schaue mich um und sehe im warmen Licht des Sonnenuntergangs lauter glückliche Menschen, die mit geschlossenen Augen tanzen und für einen Moment alles vergessen.
Über allem lag ein Gefühl, als könnte wirklich alles gut werden. Wahrscheinlich war ich einfach nur strunzvoll und der Schlafentzug machte merkwürdige Dinge mit meinem Körper. Fast 20 Jahre ist das her – und das neue Album heißt "Optimism". Das ist so herrlich anachronistisch, genauso wie der stets gleiche Look des Duos. Party wie in 2008. Warum auch nicht?
Gerade jetzt in diesem beschissenen Jahrzehnt voller mieser Laune und nihilistischen Endzeit-Fetischismus kommen die beiden Hamburger Aliens durchs Zeitsprungfenster und erzählen einfach komplett unironisch von Optimismus. Eine Haltung, die so komplett gegenläufig zur allgemeinen Stimmung verläuft – fast schon Punk. Ein Titel spricht sogar die Warnung "Achtung! Optimism" aus, als ob man sich mittlerweile dafür schämen muss.
Schon allein der Track "Space Invaders" klingt als Titel, aber auch in seiner Sound-Ästhetik retro, und tatsächlich blubbert und knarzt es, als würde gleich wieder eine dieser Y2K-Kitsuné-Partys losgehen. Neben Ed Banger war dieses Pariser Label damals einer der großen Motoren der Electro-Welle – weniger auf Rock'n'Roll-Image getrimmt, dafür umso mehr fancy, stylish, hedonistisch. Musik, Mode, Cafés, das ganze Programm. Heute wirkt diese Hyper-Ästhetik in Zeiten von Inflation und Dauerkrise ein bisschen awkward, aber damals passte sie einfach zum Pariser Art de Vivre.
Übrigens gar nicht nötig, aber trotzdem ein feiner Zug: Digitalism exposen in "Inspiration Room Interlude" gleich die Inspiration für den fluffigen Track. So bekommen wir mit, dass die beiden – wie eben jeder vernünftige Nerd – auf Schatzsuche durch zig LPs gingen und bei dem deutschen Künstler Harry Thumans fündig wurden. Ein Geheimtipp, den nur ein paar Musikliebhaber kennen oder tatsächlich "GTA-4"-Zocker, in dessen Playlist das funky Juwel von 1979 auftaucht.
Digitalism spielen bis heute so, als stünden sie auf einem Hausboot irgendwo in Berlin, Hamburg oder Paris und würden für schöne Menschen das neue Cool erfinden. Diese erdigen, tiefen Basslinien, die knalligen Snares und die Vocoder-Stimme von Jens, der von Küssen auf Raves singt und davon, einen besseren Ort zu finden.
In der Welt dieser Band klingt alles so unfassbar leicht und unbeschwert. Aber genau deswegen macht man Musik: Um sich für ein paar Minuten wegzubeamen, in eine Fantasiewelt zu transzendieren. Und genau das schafft "Optimism" richtig gut. Es gibt auf dem Album keine richtig bodenlose Traurigkeit. Immer findet sich eine feine, lebenbejahende Dur-Melodie, immer bleibt alles in Bewegung. Wie ein langer Sommerabend in der Großstadt, an dem du dich endlich mal selbst vergessen kannst.
"Everything looks fine today" singen sie in "Starbust" – und das fühlt sich fast schon wie eine kleine Provokation an. Wie eine bewusste Antithese zu allem, was aktuell hysterisch in den sozialen Medien und auf den Straßen abgeht. Die grundoptimistische Haltung klingt fast schon wie Ragebait für Zyniker, aber ich glaube, die beiden meinen das wirklich ernst.
Im Club, wo für ein paar Stunden alle Schichtenunterschiede, alle Kämpfe und der ganze Scheiß draußen bleiben, kann vielleicht doch wieder so etwas wie ein Utopia entstehen. Alles leuchtet wirklich golden. Und fuck, dieser Track beamt mich so hart zurück nach 2008, dass es schon fast weh tut. Simpel, aber wahr: Leg mir einen guten French-House-Tune auf, und ich bin sofort im Infinity-Loop vollkommener Glückseligkeit.
In dem bleibe ich gerne für immer drin, wie in dem luftigen "Four Seasons", den ganzen Frühling, Sommer, Herbst und Winter lang und wieder von vorne. Und wer früher Klassiker wie Alan Braxes und Fred Falkes "Rubicon" oder DJ Falcons "Together" auf Dauer-Repeat abspielte, der wird auch den leichtfüßigen House von "City Of Love" sofort ins Herz schließen. Digitalism-Songs brettern einen nie so brachial gegen die Wand wie etwa ein Chemical Brothers-Track. Das Cortisol geht runter, alles entkrampft. "Optimism" ist tatsächlich radikal-optimistisch und Easy Listening im allerbesten Sinne.


1 Kommentar
Gab immer wieder einzelne Songs von denen die mich begeistert haben, gerade dann, wenn es maximal elektronisch und ggf. auch Techno lastig wurde. Wie z.B. Golden auf dem aktuellen Album. So in Gänze gesehen trifft es jedoch nicht ganz meinen Geschmack. Aber kreativ und talentiert, über alle Zweifel erhaben