laut.de-Kritik
Electro-Hop-Dub – geschmeidig und dissonant.
Review von Philipp KauseEin IT-Nerd, der nachts im Keller programmiert und nebenher in den Pizzakarton greift, ungefähr so darf man sich wohl die Welt des Wahl-Parisers Flox vorstellen. Die Nische zwischen Dub-Elektronik und Ragga-Downbeat, die er Album um Album entwirft, strahlt etwas Beruhigendes aus. Sie wirkt aber zugleich abgeschottet, in sich gekehrt, ausgetüftelt bis ins Detail und fremden Einflüssen gegenüber verschlossen. Ein wenig autistisch, aber in sich konsequent.
Flox stammt aus London, und dieser Zungenschlag kommt an mancher Stelle deutlich zum Vorschein und weckt Assoziationen mit Mike Skinner. The Streets-Flair macht sich entsprechend im Tune "Minister Of High" breit. Nach einem langgezogenen Intro entfaltet Flox seinen Flow, einen Stream of Consciousness an flink entfalteter Sprach-Kaskade. Das Plädoyer für einen "Minister Of High" resultiert daraus, dass Flox Kiffen stets für sehr wichtig befand: Aufgrund der Gemächlichkeit, den erdenden Bässen und gedämpften Klangfarben gestaltet sich so die mutmaßlich perfekte Inhalations-Kulisse.
In nur einem einzigen Song verfasste der Dubmaster auch Zeilen in französischer Sprache ("Into The Deep"). Unweigerlich erinnert Flox an Chansons und altmodische Orgelmusik. Er versetzt uns mit analogen Synths in eine Loop-Hypnose, während er stimmlich unschuldig und niedlich wirkt. Dabei kann er ganz anders: Der Kontrapunkt erklingt mit "All In", in dem der Producer Auto-Tune so einsetzt, dass sein Ragga-Rap noch nihilistischer anmutet, als es die Worte als solche schon sind. Zwischen Gewalt und Hass als Themen, Kraftausdrücken und Street-Rap-Slang als Lyrik lässt Flox nur geringe Tonvarianz zu. Der relativ harte Tune lebt von resonanzstarken Bässen.
Zwischen den beiden Polen des einigermaßen monotonen "All In" und dem eher bunten "Into The Deep" spielen sich die weiteren Tracks ab: Schneidig konturierte Beats im kämpferisch gesteigerten "Missed A Bit Of Love" oder das eher sportliche "Near Me" setzen sich an die Tempospitze. Langsamer, mit einer auffälligen Spreizung zwischen tiefen Bässen und Pop-Blubber-Bounce verläuft das smarte "Thing In Itself".
Gelegentliche Slow Motion-Bremsen baut Flox in "Out Of Orbit" ein: Die Reime hören sich sehr eingängig an. Der Beatmaker baut viele rein instrumentale Takte ein, die seine Sprachwürze nachhallen lassen. Inhaltlich geht es zum Beispiel darum, die Kontrolle über ein Raumschiff zu verlieren. Doch kein Grund zur Panik vermittelt der geschmeidige Electropop.
Vergleichsweise dystopisch in Text und Sounddesign mutet "Mother" an. Dissonant, repetitiv und düster fiepend scheint der Tune Grüße aus einem Maschinenpark zu senden. Man könnte sich einen Videoclip zum Song wahlweise in einem verlassenen Parkhaus, einer Bauruine oder zwischen Öllachen und rostigen Tonnen in einem Tankstellen-Hinterhof vorstellen.
Eine tiefere Rückkopplung an karibische Wurzeln ist bei dieser Veröffentlichung des europäischen Offbeat-Künstlers klar zu verneinen. Zwischen Dub FX und Pupajim gelingt dem Franko-Briten zwar ein Dub-Derivat, aber es überwiegen die Einflüsse elektronischer Spielarten und hiesiger Hörgewohnheiten. Im Vergleich mit Pachyman steckt hier aber mehr Druck drin.
So oder so emanzipiert sich Flox von Jamaika maßgeblich, wenn er in den pumpenden Glitch-Deephouse "Same Song" einstimmt oder die ebenso pumpenden Disco-Bässe des perkussiven "Cheer Me Up" in dröhnende Resonanzen mit Hip Hop-Abschnitten verwandelt. Alle Tracks auf "Thing In Itself" pflegen etwas Aufgewecktes und Atmosphärisches. Sicher, sehr nischig und speziell, aber definitiv eine Hörrunde wert.


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