laut.de-Kritik
Stabiles Spätwerk mit zwei richtig starken Songs.
Review von Stefan Johannesberg"Inspectah Deck, Inspectah Deck, Inspectah Deck, the Rebel INS, and fifth, Rollie Fingers."
Als Method Man einst nach seinen Top 5 Emcees aller Zeiten gefragt wurde, gab er jene legendäre Antwort und hob seinen Clan-Homie auf den Rap-Thron. Der Inspectah baute jenes Zitat als Originalmitschnitt auf seinem neuen Album "Dragons Breath" zwischen "The System" und "Up At Night" ein. Zu Recht, killt das Wu-Gründungsmitglied doch seit "Protect Ya Neck" die meisten Posse-Tracks. Von "C.R.E.A.M." über "Triumph" bis zu externen Gastauftritten wie Gang Starrs "Above The Clouds" zerlegte der Emcee aus Staten Island jeden Beat nach Belieben – ohne jedoch jemals dauerhaft in irgendwelchen Top-5-Listen aufzutauchen.
Deck ergänzte die anderen in der Superhelden-Truppe perfekt: Method Man knüpfte die Bande in den Pop, Ol' Dirty war der Weirdo, GZA deckte die Old School ab, Raekwon agierte als Pate und Ghost als Goon, Masta Killa tauchte tief in fernöstliche Philosophien ein, U-God repräsentierte die Straße und Cappa die 5-Prozenter-OGs. Inspectah Deck war dagegen stets der Underground-Emcee, der Rapper's Rapper, der den Clan im Kontakt zur True-Hip Hop-Basis hielt.
Die Kehrseite der Medaille lungert stets im Schatten wie The Void bei Sentry – und zumindest die beiden genannten Tracks vom neuen Album beweisen das wieder aufs Neue: Der Rebel INS bombt bei eigenen Alben stets nuklear, you know what I mean? Einen legendären 16er schüttelt er natürlich noch im hohen Alter aus dem Ärmel, stimmige Songs mit spannenden Hooks und herausragenden Beats muss man in Decks Solokarriere jedoch mit der Lupe suchen. Nicht umsonst kam er in der laut.de-Wu-Alben-Rangliste nicht über einen mittelmäßigen Platz 28 hinaus. Auch "Dragons Breath" wird daran nichts Grundlegendes ändern, zu gewöhnlich sind die mal mehr, mal weniger modernen Eastcoast-Beats von Hauptproduzent P.A. Dre.
Jenen Dre hatte Inspectah Deck über Rapper RJ Payne kennengelernt und vertraute ihm nun einen Großteil des Albums an. Wo sich andere den Alchemist oder Harry Fraud ins Boot holen, nehmen die älteren Herrschaften oft die Temu-Variante. Okay, genug gemeckert, das war zu hart. "Dragons Breath" ist am Ende ein stabiles Spätwerk mit zwei richtig starken Songs, einigen frischen Reimen und guten Gastauftritten. Zudem greift P.A. Dre auf keinem seiner Songs komplett daneben.
"Never Fold" setzt auf dramatische Klavier-Loops, trocken pumpende Drums und einen leicht asiatisch angehauchten Unterton. Inhaltlich geht es um die alte Rap-Weisheit: "Wenn ihr wüsstet, was wir auf der Straße erlebt haben ...". Sauce Money hält es simpel, aber unterhaltsam, Skyzoo verschachtelt und komplex. INS und Raekwon funktionieren ohnehin seit "C.R.E.A.M." als Dream Team, doch die Westcoast-Hook ist der Weak Link. "H.E.C.T.O.R." eröffnet mit Salsa-Flair und Bläsern und steigert sich mit mexikanischem Einschlag zu einem unmittelbaren Kopfnicker, der stellenweise an Cypress Hill erinnert. INS bleibt konzentriert, im Hook liefern Kids das passende "Hustle everyday"-Mantra.
"Lighter Fluid" bringt Mickey Factz und RJ Payne zusammen. Der Beat ist synthetischer, dramatischer Eastcoast-Stoff mit verschachtelter Snare. "Shaolin Rebel 2" startet standesgemäß mit Film- und Kung-Fu-Samples und trägt einen deutlichen "Tearz"-Vibe. "He swing swords with the best of them." Ja, wissen wir, Wu-Tang is forever – nur klingt diese sehr bewusste Rückkehr zur alten Ästhetik inzwischen stellenweise etwas altbacken. "Up At Night" geht stärker in Richtung Soul und Old School. Deck bewegt sich damit auf vertrautem Terrain: dieselben Themen, dieselben nächtlichen Reflexionen über die Vergangenheit auf der Straße.
"Possession" klingt wie ein verschollener Wu-Track aus den frühen 2000ern, passend mit Cappadonna und Blue Raspberry serviert, und ist genau die Art von straightem Beat, die Inspectah Deck seit jeher gut steht. "Explicit Material" schaltet schließlich in den Czarface-Modus. Mit 7L & Esoteric geht es zurück zu Rawkus-Flair und in den blubbernden, jazzigen Untergrund.
Die beiden absoluten Highlights sind jedoch "Solitude" und "Day In The Life". Auf "Solitude" nöhlt Newbie BVNGS einen wunderschön verqueren Hook, während Hus Kingpin über dem staubigen Griselda-Sound an selige Ol'-Dirty- oder irre Ghostface-Zeiten erinnert. Deck und Flee Lord spielen sich derweil die Bälle gekonnt zu. Während der Wu-Tanger mit seinem Phoenix-aus-der-Asche-Bild endet ("Phoenix form the ash, genius with the craft / Feed me to the wolves I come back the leader of the pack"), übernimmt Flee direkt. ("I used to be a pack holder, now I'm just a stack folder / Black rover, treat it like a rental 'til it crack over"). Man wird den Eindruck nicht los, hier Zeuge einer Staffelübergabe vom Veteranen an den Next Man zu werden.
"Day In The Life" dagegen geht als einer der besten von Deck gepickten Beats in die Geschichte seiner Solokarriere ein. Zuerst lockt P.A. Dre den Hörer mit einem sonnigen Drumless-Loop auf eine falsche Fährte, um dann ganz unmodern fette Kicks und Snares drunterzumischen und den Nacken zum Beben zu bringen. Am Ende gehören die beiden Songs neben "Rec Room", "Lovin U" und "The City" zu den besten seiner gesamten Karriere.
Das reicht – jenseits von Method Man – nicht für die Top 5 dead or alive, für ein gutes Album aber allemal.


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