laut.de-Kritik

Die Restauration von altem Soul mit neuen Songs

Review von

Man kann sich direkt vorstellen, wie Martha Reeves Augen glänzen, sobald sie "Mr Train Conductor" hört. Es ist ein besonderes Sahnestück von Jalen N'Gondas neuer LP "Doctrine Of Love": Die Melodie strebt unwiderstehlich ins Ohr, der Rhythmus und das Arrangement treffen genau die Stimmung der Motown-Musik, in der alle Beteiligten aufeinander hörten, die Blechbläser, die Harmonie-Sänger:innen, während die Drums den Song strukturieren und ihm sein Korsett geben, innerhalb dessen sich alle fallen lassen und dem Gefühl hingeben.

Es trifft sich gut, dass Jalen in Deutschland mit Brooke Combe als Support-Act touren wird. Seine "Doctrine Of Love" knüpft neben Motown auch an den Northern-Soul ihres famosen "Dancing At The Edge Of The World" nahtlos an. Der 32-jährige Liverpooler, aufgewachsen an der US-Eastcoast, hat seine Liebe zu retrospektiven und liebestrunkenen Sounds zum Beruf und Markenzeichen gemacht. Er war als Teenager Temptations-Fan, entsprechend nahe lag nun der Liedtitel "Burning Temptation" mit Klang ganz im Stil der Gruppe. Und Jalen hat inzwischen sogar schon für besagte lebende Legende Martha Reeves das Vorprogramm aufgeführt - und übrigens auch für Lauryn Hill.

Seine Platte, sein Stil sind aber anders als bei Lauryn kein Neo-Soul, sondern eindeutig die eins-zu-eins-Restauration von altem Soul mit neuen Songs. "Good Good Love" entrollt dabei zauberhafte Wohlfühl-Musik, und - wie beim Albumtitel kaum anders zu erwarten - behandeln alle Tracks die Wirkungen und Nebenwirkungen der Liebe. Auch dann, wenn sie nicht so uneingeschränkt eine "Good Good Love" sein sollte, sondern beispielsweise ein Gerüst aus Bildern, das man sich baut, obwohl die geliebte Person dem gar nicht so entspricht oder widerspricht - "Taken Out Of The Picture". Verschwindet die Liebe, schaltet der Songschreiber einen Gang zurück, fügt mit Ruhe und Andacht ein retardierendes Moment in die LP ein.

Oft geht es bei Jalen mit Schmalz und Pomp zur Sache. "Doctrine Of Love" markiert rundherum das Gegenteil von Plug-In-Musik, sondern feiert die Klangfarben von Streichern und Hörnern, echten Hi-Hats und Gitarrensaiten. Der Singer/Songwriter liefert einen Sound wie The James Hunter Six in intensiver Ausgabe und eine Art Kiwanuka in transparenteren Arrangements, die den einzelnen Instrumenten mehr Luft lassen. Ein perkussives Highlight ist das treibende, Funken sprühende "Hannah, What's The Matter?". Hannah soll beauskunften, was ihr Partner verkehrt gemacht hat.

Im Titelstück wiederholt Ngonda immer wieder den Slogan "step right up!", und er nennt damit auch ein Motto für diese Upbeat-Platte, die neben Motown auch an den Vintage-Soul des Chicagoer Numero-Group-Labels erinnert. "Ich habe zu der Zeit, als wir den Song schrieben, viel James Brown gehört, und das war eine Inspiration. 'Doktrin' war für mich eigentlich ein Wort, das keiner je benutzt. Ich habe es quasi in der Bedeutung 'Zertifikat' benutzt, als einen Platzhalter dafür, und dann blieb es dabei, ich meinte 'Liebes-Zertifikat' (...) Als Hörer:in kann man das interpretieren, wie man will."

Man kann der Scheibe sicher jeglichen Innovationsgehalt absprechen, aber statt dessen gibt es viele Anhaltspunkte für die Interpretation, dass der Musiker sich nach Menschlichkeit sehnt - im Alltag wie auch in der Musikproduktion.

Trackliste

  1. 1. Anyone In Love
  2. 2. Doctrine Of Love
  3. 3. Mr Train Conductor
  4. 4. Burning Temptation
  5. 5. Love Is Gone
  6. 6. I Can't Ever Leave You
  7. 7. Hannah, What's The Matter?
  8. 8. Good Good Love
  9. 9. Hang It On The Shelf
  10. 10. Taken Out Of The Picture

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