laut.de-Kritik

Die Jazzrock-Veteranen bluffen nur.

Review von

Kraan sind zurück! Nicht das Baugerät, nicht das -wasser, und nein, liebe österreichische Leser, auch nicht der Meerrettich, sondern Hellmut Hattlers Trio (plus Gast-Keyboarder). "All In" ist als Albumtitel eine Ansage, die die Band schon lange Zeit nicht mehr einlöste – mindestens seit "Live 2001". Die Krux bei Kraan: Schlecht waren sie aber auch nie, gerade "Zoup" war zuletzt doch ein kleiner Ausreißer nach oben. Noch präziser besitzen sie als Soft-Zappa-Jazz-Rock-Fusion-Kombo ein Alleinstellungsmerkmal in hiesigen Gefilden.

"All In" gehen sie nicht etwas mit einer wuchtigeren Musik, sondern mit einem völligen Vertrauen auf den eigenen Ansatz in seiner Studioausprägung (und damit ohne den teils übersteuernden Live-Groove) und hauptsächlich in der Wolbrandt-Schule (und damit weniger rhythmusgetrieben, sondern heller und verspielter als auf klassischen Hattler-Songs). Das Ergebnis tanzt ständig auf dem schmalen Grat zwischen Fahrstuhl-Muckertum und wohltuender musikalischer Kreativität und Einzigartigkeit. Mehr als ziemlich gute Musik kommt dabei nie heraus, weniger als okay-langweilige aber auch nicht. 55 Jahre Bandgeschichte führten die Ulmer auf eingefahrene Schienen, von denen kein Ausbruch möglich scheint, da er ausgesprochen losgelöst von modernen internationalen Entwicklungen im Jazz-Rock agiert und anders als bei "Zoup" nicht durch die Produktion heterogener ausgestaltet wird.

Die Platte wirkt stets wie eine warme Hand um deine Hüfte – egal, ob man das zum Einschlafen gerade braucht oder man eigentlich lieber das große Löffelchen wäre. Der Gitarrist und durchgehend in dieser Rolle trotz seiner Erfahrung unsichere Sänger Peter Wolbrandt fungiert als Hauptsongwriter. Die der Gitarre den Boden bereitende Grundkonstellation aus Hellmut Hattlers Bass und Jan Frides Schlagzeug flutscht; Gastkeyboarder Martin Kasper wird auch sieben Jahre nach dem Tod von Ingo Bischof nicht an allen Stellen sinnvoll eingebunden. Er macht wenig falsch, man hat aber nie den Eindruck, als wären die Tasten im ersten Jam dabei gewesen, sondern meist spielen die Tasten eine zweite Gitarre.

Der Opener "Petunha" verspricht eine schmissige Beweglichkeit, die das Songmaterial des Albums ob seiner Formelhaftigkeit oft nicht einlöst. "Terzer Roller" schraubt sich kunstvoll nach oben, "Auf Weiter Flur" packt eine Sehnsucht aus, wie sie guten Rock auszeichnet. Damit sind die ziemlich guten Songs auch schon abgehandelt.

Auf "Braunfels" funktioniert nur Hattlers Bass, der Rest der Truppe krächzt müde mit den wenigen Vocals und Samples. "Loblied" schiebt unaufhörlich ins Nirgendwo, wie auch "Press Play" findet es nie den Endpunkt, zu dem es des Hörers Fantasie bewegen möchte. "Nacht In Den Helder" gibt die Untermalung eines netten Kneipenabends, an dessen Morgen man sich denkt, dass die Qualität des Abends das Zeit und Geld eigentlich nicht wert war – man aber auch nichts Besseres zu tun hatte. "Sehr Gerne" zieht vorbei wie warmer Wind. Der Closer und Titeltrack versucht viel, verliert seine aufgenommene Dynamik aber immer wieder zugunsten selbstverliebter Nabelschauen und scheitert wie "Over The Moon" am Aufbauen einer mitreißenden Dramatik. "Tadpole" darf man niemandem vorspielen, dem man Kraan näherbringen möchte – fast sieben Minuten sinnloses Muckertum.

Trackliste

  1. 1. Petunha
  2. 2. Tadpole
  3. 3. Press Play
  4. 4. Over The Moon
  5. 5. Sonderfahrt
  6. 6. Braunfels
  7. 7. Terzer Roller
  8. 8. Loblied
  9. 9. Nacht In Den Helder
  10. 10. Auf Weiter Flur
  11. 11. Sehr Gerne
  12. 12. All In

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