laut.de-Kritik
Samt-Stimme auf der Suche nach Regen, Gästen und Originalität.
Review von Philipp KauseGäbe es ein Hörgerät-Mikroskop, um kaum wahrnehmbare Gestaltungselemente in Songs deutlich zu erkennen, träten die andeutungshalber eingestreuten Dub-Reverbs bei Ky-Mani Marleys "Love And Energy"-Album zutage. Versteckte Gitarren-Riffs würden in der gefälligen Midtempo-Reflexion über Energiequellen plötzlich auffallen: "Birds and bees singing melodies (...) life and family give me everything (...) yes, it's gratitude, my new attitude", wechseln sich Gastsänger Iba Mahr und der Bob Marley-Sohn ab. Ob Dankbarkeit wirklich so etwas Neues - eine "new attitude" - bei Ky-Mani ist? Kaum, denkt man an sein letztes Album, "Conversations" im Duett mit Gentleman 2017 zurück. Beide meinen das nun neu zu erfinden, releasen am selben Tag. Bei Gentleman heißt die ganze Platte 2026 sogar "Gratitude".
"Love And Energy" könnte derweil der Slogan für ein Hippie-Festival oder das Werbeversprechen eines neuen Proteinriegels sein. Kommerziellen Kitsch kann man nicht so ganz ausblenden, wenn man sich weiter durchs Album vorarbeitet. Es ist zwar mainstreamig und einfach zugänglich, bereitet aber dennoch anfangs Arbeit. Denn man muss sich motivieren dran zu bleiben ohne vor Langeweile aufzugeben, bis Zug um Zug die gehaltvolleren Stücke nachrücken. Irgendwann wiederholt sich die unschuldige Poppigkeit zu arg, dann fehlen Haken, Ecken und Kanten, Tempowechsel, lyrische Einfälle, Herausforderungen, Überraschung. Wenn Marley und Gentleman getrennt voneinander veröffentlichen, macht das jetzt einen reichlich redundanten Eindruck, weil jeder Ky-Mani-Song beim Kölner Kollegen auf der Platte drauf sein könnte und umgekehrt.
Stimmig ist das nach langer Pause erscheinende siebte Ky-Mani-Solo-Werk binnen 30 Jahren dennoch. Sogar im Detail. Die Idee mit den Vögeln, die am Anfang singen, taucht später wieder auf, wenn der Singer/Songwriter hofft, seine Botschaften mögen so hoch in die Luft aufsteigen wie Vögel: "All This Love". Dazu rollt samtiger Pop auf One Drop-Beat mit gelegentlichem Saxophon entlang. In "City Views" ergänzt Percussion in kongolesischem Afro-Rumba-Stil. Man fragt sich aber, wie einfach das denn gehe, quasi auf Knopfdruck allseits Liebe zu empfehlen oder zu verlangen? Nimmt man den Papa oder Brüder wie Stephen, Ziggy und Damian, hangelten sie sich textlich gerne an realen Hindernissen ab, die auf der Welt für Zwietracht, Ungerechtigkeit, Dysbalance sorgen. Die musikalische Ummantelung sattelte rauere Oberflächen auf: Andere Subkulturen wie Rock, Folk, Soul und Hip Hop wurden durchforstet, und die Reggae-Musik verband sich mit ihnen, in oft unverwechselbarer Weise. Einen Ziggy-Song etwa erkennt man beim ersten Takt als solchen.
Hier hingegen, beim "Maestro", wie Ky-Mani sich nennt, herrscht indifferenter Binsen- und Easy-Going-Riddim-Flow vor. Vergleichsweise progressiv mutet es da schon an, wenn sich Bluegrass-Elemente in "A Little Bit (I'm Okay)" mit dem Rasta-Style vermischen. Immerhin: Ab dem zarten "Breathe You In" schlägt das bis zu diesem Punkt oberflächliche Album in eine wunderschöne Balladen-Sammlung um. Die Instrumentierung hält sich zurück, beschränkt sich auf Essenzielles, zum Beispiel die Akustikgitarre in "Breathe You In". Stellenweise traut sich Ky-Mani, Falsett abzustimmen. Die Atmosphäre wirkt intim.
Das pathetische und erhabene "Send Down The Rain" hört sich stilistisch an, als würden die Counting Crows Keyboard-Reggae machen. Der Jamaikaner, der als Teenager in Miami aufwuchs, schickt sich an, die I-Three des Papas zu kopieren und sorgt für einen tollen Frauen-Chor. "Send Down The Rain" - als Hymne für den europäischen Sommer '26 hätte der Tune ein paar Wochen früher gut Karriere machen können. "Love TKO", wohl das beste hier, ist ein ergreifendes Stück Philly-Soul mit gelegentlichen rhythmischen Hüpfern, die Rocksteady signalisieren. Der 50-Jährige krächzt voller Leidenschaft über einen "two-times loser", über eine Trennung und über Cannabis.
Geschickt bindet der Multiinstrumentalist, der als Jugendlicher Trompete und Keyboards lernte, zupfen und trommeln kann, seine prominenten Gäste ein: Andrew Tosh (Sohn von Peter), Anthony B, Agent Sasco, Bugle, Sizzla. Wenn der Marley-Sohn, der nicht Rita zur Mutter hat, sondern aus einem Seitensprung Bobs mit einer Sportlerin hervorging, eines nicht kann, dann sind es Toasten, Sing-Jaying oder Spoken Word. Da braucht er illustre Unterstützung: "When The World ft. Andrew Tosh + Anthony B" lebt gerade vom Kontrast zwischen dem sehr auf Pop getrimmten Harmoniegesang und Anthony B's forschem Ragga sowie Andrew Tosh als Stimme des alten Weisen, der raunend zu uns spricht.
In "War Inna Babylon ft. Anthony B, Agent Sasco + Sizzla" geht es klassisch um "gleiche Rechte", Gerechtigkeit, für die das Quartett der sehr kontrastreichen Vocals als "Krieger" ins Feld zieht. (Mit Max Romeos gleichnamigem Lied hat dieses hier sonst nichts gemeinsam.) In "One Family ft. Bugle" auf einem betont lässigen und eingängigen, auch vorhersehbaren Riddim kritisiert Alltagsphilosoph Ky-Mani: "Old men playing war games (...) send the youth into the fire / while they sit and talk and talk." Als Ko-Komponisten, zumal es schon um die Interessen der Jugend geht, liest man vier von fünf Kids des Musikers: Imani, Kastin, Khristian und Kymora Marley. Kollege Bugle bringt mit rauer Stimme seine Ergänzungen ein.
In einer solchen Zusammensetzung klingt Ky-Mani Marley dann spannend. Es dürfte kein Zufall sein, dass er seine bisherigen Charts-Platzierungen in Deutschland immer Kombinationen verdankt, mit Pras Michel, P.M. Dawn, Zoe und Gentleman. Mit ihm zusammen hatte er sogar die 8 der deutschen Album-Charts ergattert. "Love And Energy" wird da Probleme haben, weil das Album, von gelegentlichen kurzfristigen Posts im August abgesehen, nahezu ohne Vorab-Werbung und nur digital erschien und eben nach fast einem Jahrzehnt Pause. Die Zugkraft eines Kollabo-Partners von außerhalb Jamaikas fehlt. Es gibt keine neuen Videos und keinen erkennbaren Über-Hit. Die zweite Hälfte des Tracklistings ist die bei weitem interessantere und das Werk insoweit nicht frei von Längen, Redundanz und Schwächen. Alles in allem kriegt man die lauschig-entspannte Stimmung, die der Markenname 'Marley' verspricht, jedoch ohne den Biss mancher Brüder.


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