laut.de-Kritik

Glückssuche am Waschbrett.

Review von

Peter Maffay und Johannes Oerding begaben sich nach Nashville und reicherten ihre neuen Songs mit Banjo, Fiddle, Pedal Steel und Washboard-Percussion an. Alle Beiträge sind Vokal-Duette und mit zahlreichen echten Instrumenten ausgestattet. Die Zusammenarbeit der beiden setzt eine lange Vertrauensbeziehung fort. Denn Johannes verfasst seit langem Texte für Peter, die dieser mit Teutonen-R zum besten gibt. Die gemeinsame Neigung zu Allgemeinplätzen, die gemeinsame Anbindung an Sony, die beiderseitige Freude an Melodramatik verbinden. Beide quälen Freund:innen literarischer Stilfiguren mit dem Misshandeln von Metaphern, dem Abnutzen von Allegorien, dem Hochjazzen von Hyperbeln bis zur Unglaubwürdigkeit und dem Hineinpressen von Pars pro toto in Textgerüste, in denen sie fremd erscheinen.

Oerding zeigte sich statt als Reisender lange als der perfekte Schreibtischtäter, zuletzt dann ansatzweise kosmopolitisch. Er ist auch die Verkörperung des Konzepts "Sing meinen Song - das Tauschkonzert", das er seit einigen Jahren moderiert. Hier trifft er mit möglichst allen Deutsch-Mainstreamler:innen zusammen, die für ein Millionenpublikum in ihrem Privatleben wühlen lassen wollen. Da gilt die Träne als der Olymp der Unterhaltung, und nun fließen in "Schön, Dass Es Dich Gibt" hier "die Trrrränen", und es "sind du und ich noch wir". Lyrisch erreicht man hier den Tiefpunkt der Platte. Die romantische Ballade baut sich minimalistisch auf. Es gibt wenige Instrumente: Akustikgitarre, Wurlitzer (Benni Dernhoff), Pedal Steel (Russ Pahl). Das Lied ist eine warme Liebeserklärung, jedoch eine fantasielose.

Die Musik erfüllt durchaus Ansprüche an eine intime Liebesballade, ist zwar ein bisschen schläfrig, besonders aufgrund des eiernden Sounds der Steel, verbreitet indes eine liebevolle Stimmung. Würde Klingbeil seine Zuckersteuer durchbringen, wäre die überzuckerte Aufnahme hoffentlich betroffen und abgabepflichtig, sie erfüllt einfach auch den Auftrag der Gattung Schmalz-Ballade. Der Text eilt aber so unaufhaltsam auf die Schlager-Szene zu, dass er kitschig und plump wirkt. Wie meistens packt Maffay die Wehmut. Und so jammert er inmitten vieler austauschbarer Phrasen, dass "die Zeit verfliegt".

Das tut sie auch bei dem kompakt geratenen Album: Denn je weiter man in der Tracklist vordringt, desto besser und teils launiger werden die Stücke. Und immerhin unterbreitet "Nashville" in seiner Vielfalt zwischen einem echten Skiffle, dem "Kneipen-Skiffle", Jackson Browne-artigen Singalongs wie "Sisyphos", gewohntem Jammer- und Wehklage-Deutschpop ("Weiter") und rustikalen Country-Crossover-Anklängen beispielsweise in "Nach Hause" wirklich Abwechslung. Das Ganze ist eine ambivalente Mischung, ein Kompromiss.

"Ein Leben Lang Ist Nicht Lang" stürzt sich in stumpfsinnig Klischee erfüllender Weise in ein altbackenes 90er-Pseudo-Modern-Rock-Arrangement. Aber es steht für den Versuch lässig, international und straight nach vorne zu klingen, der Lederjacke aus Maffays Kleiderschrank den stimmigen Sound angedeihen zu lassen. Wobei das genauso wenig klappt wie sonst.

Beim Ortswechsel nimmt man all die Probleme mit, die man zuhause schon hat; man nennt es das Scheitern der geographic cure. Maffay lässt in Deutschland schon lange den Rocker heraus hängen. Vor knapp 30 Jahren sammelte er Mitstreiter in Australien, im Kongo und auch damals schon in den USA, es waren seine "Begegnungen", weitere von Afghanistan bis Eritrea folgten vor 20 Jahren. Was umgekehrt schon fehl schlug, dass er sich von anderen Musikkulturen hätte ernsthaft inspirieren lassen, lag damals am eurozentrischen Touch des Projekts. Am Ende musste einiges nach deutschem Radioformat klingen, pathetisch, Hookline-zentriert, dick aufgetragen. Dass Maffay seinen Stil nach Nashville exportiert, klappt jetzt auch nicht rundherum, weckt aber immerhin Neugier.

Nashville ist übrigens schon lange nicht mehr einfach die Hochburg der Country-Szene, sondern wesentlich allgemeiner einer der Orte mit der höchsten Studio-Dichte der Welt. Die Sache mit dem puren, wahren Country ist ein altes Stereotyp, das vielleicht vor 50 Jahren mal so galt. Man findet dort vor allem haufenweise talentierte Session-Musiker, Vernetzung, moderne Technik. So lässt sich die Metropole in Tennessee als Dienstleistungs-Knotenpunkt betrachten. Niemand wird aber dort Maffay und Oerding künstlerisch in den Arm fallen, wenn sie die monotonste Melodie dort aufnehmen wollen, auf die sie sich einigen konnten und dabei noch krampfhaft witzig sein möchten, indem sie Edith Piaf und "Je Ne Regrette Riens" zitieren. Auch darüber hinaus wirkt einiges auf der LP so, als habe man sich im Handbuch der Sprichworte, trivialen Redewendungen und Hobbyphilosophie bedient.

Wir erfahren im programmatisch betitelten "Ein Leben Lang Ist Nicht Lang": "Alles Schwere wird leicht", während Melodie und Spiel gar nicht leicht, sondern funktional bis ächzend anmuten. Man lernt: "Die Zukunft steht in den Sternen." Den 75. feierten Oerding und Maffay fürs TV-Publikum satte 109 Tage vor. Auch auf "Nashville" machen sie einem hin und wieder ein X für ein U vor: Der "Kneipen-Skiffle", hat mit Nashville historisch nichts zu tun. Denn den Ursprung von Skiffle verortet die Musikgeschichtsschreibung in Chicago. Zum Trend wurde Skiffle in New Orleans, vorzugsweise in der Live-Musik. Über Paris und englische Seefahrtsstädte breitete sich diese später von Mungo Jerry in den Pop integrierte Jazz-Folk-Country-Spielart bis nach Hamburg aus, hatte in den 1950ern ihre große Zeit in Großbritannien.

Doch in diesem minimalistischen Trink- und Stimmungsstück klingt die Melodie kongruent zum Inhalt. Die Band mitsamt zwei Washbrett-Spielenden verpasst der Nummer Frische. Der lyrische Anspruch scheint einen Kneipen-Insider-Blickwinkel einnehmen zu wollen: "Erzähl mir noch einmal, was früher besser war", frohlockt Maffay. Nostalgisch ist auch der schmissige Pub-Hardrock "Daniela Bar". Vergleichsweise zukunftsgerichtet wirkt dagegen auf den ersten Blick der Opener, "Weiter". Wenn man genau drauf achtet, bilden er und der Closer "An Einer Kreuzung", lediglich ein kurzes Fragment, eine tiefschürfende Klammer voller Weisheit rund um die übrigen Songs. "Wenn du an einer Kreuzung stehst / liegt's an dir, wohin die Reise geht." Es handelt sich um eine poetisch elaborierte und rhythmisch anspruchsvolle Abwandlung des alten Spruches 'Jeder ist seines Glückes Schmied' und ist den Credits zufolge nicht aus dem FDP-Parteiprogramm abgeschrieben. Bemerkenswert sind die sieben Silben der ersten Zeile, gefolgt von acht Silben in der zweiten. So ausgefuchst das Ganze doch ist, erzählt "Weiter" keine konsistente Story, sondern mischt Sinn- und Glückssuche und Gerechtigkeitsethik durchaus klug, aber impressionistisch miteinander.

Das musikalisch-lyrisch stimmigste Drittel des Albums setzt sich aus dem Mittelteil zusammen, "Sisyphos", "Herz Wieder Bricht" und "Dir Gehört Die Welt". Mehr oder minder geht es zwar auch hier sehr allgemein um die Lebenseinstellung mit Peter Maffay als gütigem Ratgeber, den niemand gefragt hat. "Sisyphos" und "Dir Gehört Die Welt" behandeln die Polarität Aufgeben versus Kämpfen, "Herz Wieder Bricht" kümmert sich um kaputte Harmonie versus Schönheit des Schmerzes. In diesen Tracks geht das Americana-Konzept sehr gut auf, "Sisyphos" wirkt dabei recht souverän, "Herz Wieder Bricht" gefällig, aber durchaus nicht schlecht. Anzumerken wäre die fatale Ähnlichkeit zu Claptons "Wonderful Tonight" - geklaut?! Hier ist dafür der Text originell, betrachtet er doch Trennungsschmerz als etwas Wohltuendes, was ja doch in der Rock- und Popmusik seltener so behandelt wird. "Dir Gehört Die Welt" erklärt, wie sich ein Puzzle aus mehreren Sorten Glückszutaten von Humor, speziell Selbstironie, bis Freunden zusammen setzen sollte, um Resilienz zu stärken und Glück zu empfinden.

In solchen Songs steckt erkennbar Überlegung. Zudem sind die Aufnahmen angenehmer instrumentiert als an anderen Stellen der LP. Denn mitunter entstehen durch die Fiddle (mit US-Bluegrass-Experte Avery Merritt) und die Steel eine weinerliche Grundstimmung und ein schiefer Gesamtklang, wenn sie mit den Stimmen von Peter und Johannes nicht so recht matchen, wie in "Nach Hause".

Produziert hat neben Benni Dernhoff und den beiden Hauptprotagonisten noch JB Meijers aus Peters Band. Der Hamburger Benni ist studierter Musikologe, schon lange mit beiden Sängern und mit Ina Müller tätig, und steuerte auch Songs zu Namikas Debüt "Nador" bei. Schlagzeuger Fred Eltringham ist Amerikaner, demnächst mit Sheryl Crow auf Tour und war acht Jahre lang Mitglied der Wallflowers.

Russ Pahl, der Herr an der Pedal-Steel, ist älteren Semesters und seit Anfang der Achtziger in der Musikindustrie. Er musizierte auf Alben von Chrissie Hynde, Jewel, Nikki Lane, Lee Fields und zuletzt Shania Twain, war Gründungsmitglied der Night Sweats von Nathaniel Rateliff. Aber wie kommt man an so einen ran? Nun, Ilse DeLange spielte 2018/19 eine Scheibe mit ihm ein, hatte kurz vorher mit Maffay auf der Bühne gestanden und nahm Ende 2019 am Dreh zu zur siebten VOX-Staffel von "Sing meinen Song" teil, wo die Holländerin dann auch zur einheimischen Bubble stieß.

Die Internationalisierung der beiden deutschen Aushängeschilder des Seicht-Rock-Pop Maffay/Oerding in Nashville ist nicht vollständig gelungen, smarte Ansätze sind aber zahlreich vorhanden. Letztlich ist es ein interessantes Album, sowohl was das ungehemmte Selbstbewusstsein der Interpreten als auch was den Facettenreichtum und die emotionale Stimmung angeht. Somit könnte das Werk dem Hut-Lederjacke-Doppel durchaus neue Fans zutreiben. Trotz allem steckt in Waggershausen, Stoppok und Maahn am Ende mehr Nashville-Statur, selbst wenn sie zuhause aufnehmen.

Trackliste

  1. 1. Weiter
  2. 2. Ein Leben Lang Ist Nicht Lang
  3. 3. Nach Hause
  4. 4. Sisyphos
  5. 5. Herz Wieder Bricht
  6. 6. Dir Gehört Die Welt
  7. 7. Schön, Dass Es Dich Gibt
  8. 8. Kneipen-Skiffle
  9. 9. Daniela Bar
  10. 10. Ganz Schön Perfekt
  11. 11. An Einer Kreuzung

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5 Kommentare mit einer Antwort

  • Vor 2 Stunden

    Es ist ein bekanntes Phänomen des Musikkritikstils: Hier werden allzu oft akademische Kühle und provokante Polemik mit journalistischer Substanz verwechselt. Dieser Beitrag wirkt wie eine galoppierende Allwissenheit, die im Kielwasser scheinbarer Objektivität von oben herab richtet. Diejenigen, die die vermeintlich einzig wahre Lehre der Musik bereits für sich gepachtet haben, rufen von jeher Skepsis hervor. Wer diesem Album in weiten Teilen mit purem Zynismus begegnet, verschließt die Ohren vor dem, was diese Musik im Kern ausmacht. „Nashville“ ist kein am Reißbrett entworfenes Produkt, sondern ein spürbares Herzensprojekt. Mir als Hörer hat das Album viele Gänsehautmomente und Augenblicke des Lächelns beschert. Die hervorragend eingespielten Westerngitarren sowie feine Pedal Steel-, Banjo- und Fiddle-Elemente transportieren eine Spielfreude der beteiligten Künstler, die einem regelrecht entgegenprescht und die handwerkliche Klasse der Aufnahmen unterstreicht. Der lyrische Zeitgeist verliert sich oft in selbstreferenzieller Komplexität und intellektueller Distanzierung. Doch genau diese Reduktion auf das Wesentliche schafft die dringend benötigte Nahbarkeit und Relevanz – gerade in der heutigen Zeit. Getragen wird dieses Fundament von einer Stimmfarbe Maffays, die gewohnt markant ist und voller urbaner Melancholie steckt. Für unvoreingenommene Ohren ist dieser Gesang ein absoluter Genuss. Hinzu kommt das Zusammenspiel mit Johannes Oerding: es ist kontrastreich und bildet gleichzeitig eine harmonische Symbiose. Hier kollidieren nicht zwei Egos, sondern es zeigt sich eine künstlerische Partnerschaft auf Augenhöhe – getragen von gegenseitigem Respekt und dem ehrlichen Wunsch, voneinander zu lernen.
    Wenn im Text von „smarten Ansätzen“ gesprochen wird, ist das ein sehr charmanter Code für einen musikalischen Volltreffer! Man darf ein Album persönlich ablehnen – aber man sollte es an seiner Seele und seinem Handwerk messen, nicht an den Vorurteilen des Kritikers.

  • Vor 2 Stunden

    Dieser Kommentar wurde vor 2 Stunden durch den Autor entfernt.

  • Vor 2 Stunden

    Heftig! Jetzt gibts Beef! Dani Fromm VS Phillip Kause. Wer mich kennt weiß, auf wessen Seite ich stehe

  • Vor 51 Minuten

    Man kann tatsächlich ein Album gut finden und gleichzeitig eine eher durchwachsene Wertung einfach so stehen lassen. Tut noch nicht mal weh.

    Leider ziehen solche zweifelhaften Gestalten wie Muffei und co. Fans an, die alles außer bedingungsloses Jubelpersertum bis auf den Tod nicht ab können. Damit fangen die Probleme an.

  • Vor einer Sekunde

    Mein Gott, kein kompletter Verriss, obwohl Herr Oerding beteiligt war? Ist hier Altersmilde im Spiel?