laut.de-Kritik

Galgenhumor gegen Klugscheißer, gekleidet in smoky Orgel-Bluesrock.

Review von

Dem Stoppok passt das alles nicht mit diesen ganzen Miesepetern und -petras im Land. Deswegen lädt er sich ein paar Leute in seine "Teufelsküche" ein, die seine Laune heben. Die Rheinländer Fortuna Ehrenfeld, dann Alin Coen und Cäthe aus Hamburg, den BR-Talkmaster und Kabarettisten Hannes Ringlstetter und noch einen Mann der Komik, Olli Schulz. Sie alle lotst er auf den Blues-Trip.

Selbst in der Riege Americana-freudiger Kartoffeln, also Maahn, Niedecken, Rossmy, Waggershausen, Westernhagen & Co klang schon lange nichts mehr so rustikal auf die nächste Mississippi-Mündung zugeschnitten. Hart, knackig, mitunter in monotoner Tonfolge, Hauptsache mit Südstaaten-Feeling: Läuft "Vom Tod Kein Wort" aus den Lautsprechern, stellt sich die Frage, ob besser Samantha Fish für Stoppok Support spielen sollte oder er für sie.

Seit seiner Junkie-Ballade "Leise" in den 90ern gab es sehr viel Material aus dem "La-La-Land", aber kaum einprägsame Hymnen. Die letzte Scheibe punktete Track für Track jeweils mit einem sinnvoll gewählten Thema der Aktualität. Jetzt hinterlassen auch die Melodien und Arrangements bleibenden Eindruck, kommen die nachhaltig ins Ohr gehenden Nummern geballt. Der Rock-Barde schüttelt sie locker aus dem Ärmel, zum Beispiel im lässigen Intro zu "Nicht Das Was Ich Brauch".

"In meiner Hoffnung liegt die Latte hoch / in meinem Traum massier ich dich / und der Weg wird breiter", verknüpft der Poet Sprach-Flow und Kryptik, Anschauliches mit Rätseln: "In deine Seele eingeklinkt / halt ich dich, solang ich kann / und der Weg wird breiter." - Dinge klipp und klar so zu sagen, wie er sie sieht, verbindet Stefan Stoppok gerne mit Metaphern, die niemand durchschauen kann, solange sie zur Musik gut klingen. Hört man dieses Song-Intro drei Mal, dann kann man den Text auswendig, denn zusammen mit der flockig klimpernden Musik und extravaganten molligen Sept- und Non-Akkorden wirkt er sehr griffig und earcatchy. Die gleichmäßige B3-Hammond-Ballade "Kommt Mal Alle Wieder Runter" zückt vorzüglichen Soul mit Eastcoast- und auch tiefer Otis Redding-Prägung.

Beide Duette mit Frauenstimmen sorgen für neue Farbkleckse im La-La-Land. "Es gibt einen Hafen / da fährt kaum ein Schiff / und wenn eins fährt / so in unbestimmte Fernen." - Alin Coen unterstützt Stoppok mit ihrer natürlichen Stimme, warm, aber auch ein bisschen ätherisch, eine Spur zittrig, etwas näselnd, in seiner Rolle als Philosoph. "Und mit Wänden aus Träumen ging die Wirklichkeit / denn die liebte man nicht sehr." Alin klinkt sich in seine Worte ein, dann hört man mal beide, dann sie allein, dann wieder mal beide oder Stefan solo, also eine sehr unorthodoxe Aufteilung. "Im Wartesaal zum großen Glück / da warten viele, viele Leute / die warten seit gestern auf das große Glück von morgen (...) und vergessen / es ist ja noch heute / diese armen, armen Leute", heißt es feinsinnig.

Auch das herzhafte Zweigespann "Wer Du Wirklich Bist ft. Cäthe" glückt bestens. Wie Honig fließt das Zusammenspiel aus interessant gemixten Komponenten ins Ohr, aus funky Orgel, 90ies-Alternative, trockensten Drums und Cäthes Rock'n'Roll-Vocals mit Nena-Kieks und Melissa Etheridges Kehle-aus-dem-Leib-Kotzen.

Im "Klugscheißeralarm" rechnet Stefan auf Blues Brothers-Riffs mit Verschwörungstheoretikern, Hobby-Ernährungswissenschaftlern und mit den Pappnasen im Musikbusiness ab, die von Marketing mehr verstehen als vom Inhalt, gleichwohl jedes Marketing sinnlos ist, wenn Hersteller oder Händler ihr eigenes Produkt nicht kapieren. "Alle um dich rum schein'n zu wissen / wie der Hase hier läuft. " Auf ungebetene Ratschläge und Berufsnörgler reagiert der Singer/Songwriter allergisch. "Hast du heut Geburtstag / dann kann's passieren, du kriegst n Kommentar von nem wildfremden Menschen / der behauptet, dass dein Geburtstag gestern schon war / denn so steht's geschrieben auf Wikipedia. / da hat deine Mutter sich halt mal getäuscht."

Für seine eigene, eher unkommerzielle und (liebenswert) kauzige Musik fasst Stoppok wiederkehrende, vernichtende 'Tipps' zusammen: "'Hey Stoppok das Lied ist viel zu lang, das hört sich keiner von hinten bis vorne an / und das läuft auch nicht im Radio // es klingt auch nicht so wie das, was man immer und überall so hört / willst du endlich groß raus kommen / änder den Sound / da gibt's Programme für / und du brauchst feinere Reime.'"

Da man den Blues und den Teufel gern als Begriffspaar sieht, hebt der hadernde Künstler in "Vom Tod Kein Wort" und "In Teufelsküche Brennt Noch Licht" auf makabre Begegnungen mit dem Beelzebub ab. Auf alle Lebenslagen, auch auf trübe Zwangsgrübeleien, die sich im Kreis drehen ("Krude Gedanken"), hat Stoppok Antworten voller Galgenhumor parat, und das in pfiffigen musikalischen Verpackungen. Eine besonders schöne faltet sich auch um die Reime in "Hier Gibts Nix Zu Sehn ft. Olli Schulz". Daumen hoch und Ohrwatschel auf für die "Teufelsküche"!

Trackliste

  1. 1. In Teufelsküche Brennt Noch Licht
  2. 2. Wer Du Wirklich Bist ft. Cäthe
  3. 3. Hier Gibts Nix Zu Sehn ft. Olli Schulz
  4. 4. Klugscheißeralarm
  5. 5. Vom Tod Kein Wort
  6. 6. Nicht Das Was Ich Brauch
  7. 7. Wir Pfeifen - Das Letzte Loch ft. Ringlstetter + Fortuna Ehrenfeld
  8. 8. Krude Gedanken
  9. 9. Kommt Mal Alle Wieder Runter
  10. 10. Im Wartesaal Zum Großen Glück ft. Alin Coen
  11. 11. Wo Man Hingehört

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2 Kommentare mit einer Antwort

  • Vor 14 Tagen

    Hab mich trotz des Ohrrings auf dem Cover drauf gefreut, wurde aber enttäuscht. Abgesehen davon, dass die musikalische Unterlage schon recht lahmarschig daherkommt (zumindest auf den ersten vier Songs), machen Vortrag und Texte alles kapput, was beim Blues aus Übersee so gut funktioniert.
    Dieses ironisch Deutsche Märchenonkelige ist einfach der komplett falsche Ansatz für eine Ästhetik, die ein Stück weit auf Pathos angewiesen ist. Ich höre weiter Larkin Poe.

  • Vor 12 Tagen

    Ma so gesehn: im Vergleich zum hier gescholtenen Olli Schulz-Album find' ich das Ding - leider - ziemlich mau, Blues hin, Smoke her.