laut.de-Kritik

Zwischen Schmäh und Sö: Austropop-Klassiker.

Review von

"Ich wollte nie einer von denen sein" nannte Rainhard Fendrich sein 1980 erschienenes Debüt-Album. Der damals 25-Jährige junge Musiker wusste bestimmt nicht, wie recht er damit hatte: Er war nie "einer von denen", die sich in ihrer Liedermacher-Zunft todernst nahmen, und er war auch nie einer von denen, die seine Texte patriotisch vereinnahmend inbrünstig "I am from Austria" schmettern.

Während Fendrich sich deutlich von FPÖ und Faschismus distanziert, freut er sich, wenn die Fußballmannschaft Österreichs seinen Klassiker in der Kabine grölt – wohl wissend, dass es eben zwischen Stolz und Scham auch noch die Sö (für Deutsche = Seele) gibt, die eben all die ambivalenten Schattierungen von "Heimat" kennt. Und so heißt es in dem Text, der vielleicht bald zur Weltmeisterschaft von den Rängen schallt unter anderem – "I kenn die Leit', I kenn di Ratten / Die Dummheit die zum Himmel schreit / I steh zu dir bei Licht und Schatten jeder Zeit (...) Do kann i moch'n wos I wül / Do bin i Herr do kea I hin / Do schmützt des Eis von meiner Sö".

Wie beim Fußball kann man auch in Sachen Musik den Unterschied von Österreich und Deutschland festnageln: Vermeintlich in derselben Sprache gesungen, verstehen sich die Nachbarn doch nie so ganz richtig. Die einen beim Kicken und Singen verspielt und vernarrt in den Sprachwitz, die anderen im Kampf und Klang verbissen und verliebt in den eigenen Sprachgeist – zumindest scheint es so, die Ausnahmen auf jeder Seite werden ebenso freudig wahrgenommen.

Rainhard Fendrich bestätigt jedoch aufs Schönste die Regel. Ein gebürtiger Wiener mit dem Hang zum Schmäh und Sprachwitz, der seine Texte mit Leichtigkeit gebiert und zur Ernsthaftigkeit treibt. Mit seinem 1981 erschienenen Album "Und alles is ganz anders word'n" schafft er den Durchbruch, vor allem der schlendrianhaften Single "Strada Del sole" ist das zu verdanken (ursprünglich allerdings nicht auf dem Album enthalten, sondern nur in Deutschland als Bonustitel vorhanden und der Italien-Sehnsucht dieser entsprechend, sofort als Sommerhit heiß geliebt).

Dabei ist der luftig klingende Song alles andere als eine Hymne auf Bella Italia, vielmehr wird die Italophilie ironisch aufgespießt. Lyrics wie "In meine neich'n Sandale, des is a Skandale" festigen in Deutschland aber Fendrichs Image als Spaßvogel. Vor allem in Deutschland wird er später als Herzblatt-Moderator oder Humor-Dienstleister mit Hits wie "Macho Macho" als Lieblingsösi gefeiert.

Aber hier ist es wieder – das Übersetzungsdilemma von österreichischem Deutsch ins deutsche Deutsch und die Humorkluft zwischen beiden Sprachen. So ist der Schmäh ja nicht mit Charme gleichzusetzen, vielmehr gehen hier Schlitzohrigkeit und Schwindelei eine Einheit ein und die Gegensätzlichkeiten eh: Derb und liebenswert ist der Schmäh, nie ganz ernst gemeint und doch signifikant.

Auch "Und alles is ganz anders word'n" ist dialektisch aufgebaut. Während auf der ersten Seite der LP mit Songs wie "Schickeria", "Bodybuilder" oder "Polyäthylen" (das man sich sehr gut in einer punkig-dreckigen Coverversion von Salò vorstellen kann) der Witz und die Leichtigkeit dominieren, ist die zweite Seite melancholisch und melodisch, dicht mit unter anderem Cello, Harmonica, Piano, Clavinet instrumentiert – oft im Sprechgesang intoniert und von einer textlichen Empfindsamkeit ("Ich hasse deine Liebe").

Und so ist Fendrichs Sprachtalent insgesamt angelegt, seine Texte lavieren zwischen Poesie, Emotion und Komik. "Und alles is ganz anders word'n" beginnt mit dem Track "Razzia" – ein Jahr später erscheint Falcos "Kommissar", und den Schnee, auf dem wir alle talwärts fahren, kennt dann jedes Kind, während es bei Fendrich noch heißt "Ka Heroin, es war nur Insulin".

Die österreichische Obsession mit Kieberer (für Deutsche = Polizei) lässt so eine Spur bis zur Serie "Kottan ermittelt" legen, die vom Klamauk zu Komödiengold irrlichtert, postmodern und poetisch – und urlustig. Ach ja, viele Worte braucht es auch oft nicht, denn mit zwei Buchstaben das Wesentliche sagen, das ist Wien: Sö. Ur. Eh.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Razzia
  2. 2. Schickeria
  3. 3. Bodybuilder
  4. 4. Strada Del Sole
  5. 5. Polyäthylen
  6. 6. Und Alles Is Ganz Anders Word'n
  7. 7. Sonnenuntergänge
  8. 8. Ich Hasse Deine Liebe
  9. 9. Deine Mutter
  10. 10. Lass Di Falln
  11. 11. Liebeslied
  12. 12. Wien

Videos

Video Video wird geladen ...

Weiterlesen

LAUT.DE-PORTRÄT Rainhard Fendrich

"Ich habe immer meine Schulkollegen bewundert, die ab der dritten Mittelschulklasse gewusst haben, was sie werden sollen. Ich hätte mich so gerne festgelegt.

2 Kommentare mit einer Antwort

  • Vor 7 Stunden

    Wusste lange nicht wie gut der Fendrich ist! …dachte dass ist der mit Blond wie eine Semmel sein, aber dann entdeckte ich vor 2 Jahren dieses Album, und eine ganze neue Austropop eröffnete sich mit ❤️

  • Vor einer Sekunde

    Mit Austropop ist ein bisschen wie mit der Abbamania oder der NDW in Deutschland: Schön für diejenigen, die ihm etwas abgewinnen können, aber so ganz verstanden habe ich das Phänomen und vor allem das stetige „Wiederentdecken“ hierzulande noch nie. Im besten Fall handelt es sich um gewitzte, meist etwas zotige Popmusik mit viel Schmäh, im schlimmsten Fall um üblen Kitsch à la „Weus‘d a Herz hast wia a Berwerk“. Für mein Empfinden ist leider trotzdem (oder vielleicht gerade deswegen) oft zweiteres kommerziell wesentlich erfolgreicher gewesen, was mich auch nachhaltig davon abhält, mich mit dem Genre näher zu beschäftigen.