laut.de-Kritik

"Rocket" ist nicht das neue "Let Me Entertain You"!

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Wenn man morgens in sein Handy glotzt und es steht EILMELDUNG im Betreff, bekommt man schon erst mal Schnappatmung. Dann ist es aber nur der liebe Redakteur und leitet die Nachricht weiter, dass Robbie Williams schon heute, also am 16.1. statt 6.2. seine neue Platte "Britpop" veröffentlicht. Schaffst du das? Nö. Da muss Mr. Scherzkeks jetzt noch warten. Und dabei träumt Robbie doch so sehr davon, noch einmal mit einem Album auf den ersten Platz zu kommen. "I could pretend it's not, but it is. It's selfish. I want a 16th no 1 album".

Dafür wurde sogar das VÖ-Datum schon einmal im letzten Jahr verschoben, weil am selben Tag Taylor Swift ihre neue Platte "The Life Of A Showgirl" veröffentlichte. Am 16. Januar vermutet Robbie wohl weniger Konkurrenz, um seinen Rekord zu brechen. Da hat er allerdings Sleaford Mods und deren "The Demise Of Planet X" vergessen. Williamson vs. Williams? Warum nicht.

Vor zehn Jahren erschien das letzte offizielle Robbie Williams-Album. "The Heavy Entertainment Show" war ein weniger überzeugendes Werk. Es folgten die üblichen Weihnachts-Dinger und schrottige Duette mit Helene Fischer und Co. Erst 2025 überzeugte er mit seinem Biopic "Better Man" und einer dazu erschienenen neuen Single "Forbidden Road". Das klang schon mehr nach dem alten Robbie. Sorry, aber die Messlatte ist seit seinen ersten Soloalben gesetzt. "Life Thru A Lens" (1997) und ein Jahr später "I've Been Expecting You" kann man nur schwer toppen.

"Britpop" heißt der nostalgische Rückblick in die Vergangenheit, und die ersten drei Singles kommen beim eingefleischten Fan schon ganz gut an. Den ganzen letzten Sommer promotete Robbie sein neues Album. Im Juli 2025 kam er dafür sogar in die Hauptstadt. In der Waldbühne in Berlin startete er nicht, wie sonst mit "Let Me Entertain You", sondern ließ die Rock-Rakete los. "Rocket" ist der neue impulsive Stadion-Opener mit breitem Männer-Solo von Black Sabbath-Gitarrist Tony Iommi. Der Song liegt mit seiner ganzen Übertreibung schon gut im Ohr und Robbie macht gerne Ausflüge in ein anderes Genre. Warum also nicht auch mal Heavy Metal-Entertainment. Da kreischt man schon mit. Ist "Rocket" das neue "Let Me Entertain You"? Nein, aber eine nette Abwechslung.

Mit "Spies" blickt Robbie etwas wehmütig in die 1990er zurück. "We used to stay up all night / Thinking we were all spies. Praying that tomorrow won't come. Shut your mouth and fight it / Take it out and light it. Throw it at the wall to come. The wall to come down." Williams hier wieder in Top-Form. Großer Pop-Hymnen-Status à la "Angels" oder "Feel". Da bekommt man schon leicht Gänsehaut und lässt sich voll ein auf den Trip zurück zur Generation X. Dauerbrenner "Angels" wird er dennoch niemals toppen können, aber seine Stimmung ist zurück. Er prahlt, er weint, er lacht und knüpft an die alten Zeiten an. Er ist der Ex von Take That und er kann es einfach nicht lassen, sich immer wieder toppen zu wollen.

Das Cover zum Album "Britpop" spiegelt das Leben eines jungen englischen Teenie-Stars wider. Es zeigt Robbie in seiner rebellischen und traurigsten Phase. Von Angstzuständen verfolgt mimt er den coolen Ex-Boyband-Rowdie. Die rote Trainingsjacke Zahnlücke und wuschelige Friseur werden nach dem Rauswurf von Take That zu seinem Markenzeichen. 1995 sieht man ihn mit blonden Haaren und den Jungs von Oasis auf dem Glastonbury Festival. Ein verzweifelter Rauschzustand den man in vielen Biografien berühmter Persönlichkeiten findet. Drogen, Alkohol und ein zugeschüttetes Selbstbewusstsein tragen nicht gerade zu einem gesunden Lifestyle bei, aber gehören zum Erfolg dazu und dafür steht man nun mal im Rampenlicht. Robbie wollte immer ein Teil der Britpop-Gang sein. Lässig und cool mit den Gallagher-Brüdern abhängen und mit Blur einen trinken gehen. Letztendlich gehört er mit über 80 Millionen verkauften Tonträgern zu den erfolgreichsten britischen Popstars aller Zeiten. Aber so richtig glücklich war er damit nie. Die Sucht der Anerkennung verfolgt ihn bis heute.

30 Jahre später geht er etwas entspannter damit um und präsentiert "Pretty Face". Auch ein eingängiger Neuling, der ein bisschen zu sehr nach Konserve klingt, aber ihn auch zu stimmlicher Höchstleistung bringt. Er hat an sich gearbeitet, das hört man. Optisch hat er sich auch entwickelt. Neue Zähne, durchtrainierter Body und die Trainingsjacke tauscht er gegen Glitzer-Look und pinken Anzug aus. Textlich hätte man noch mal dran schrauben können. Klingt ein bisschen zu sehr nach Chat GPT, aber wenn der Song im Radio kommt, trällert man gleich fröhlich mit.

"It's OK Until The Drugs Stop Working" könnte eine Anspielung auf "The Drugs Don't Work" von The Verve sein, hat aber mit Britpop nicht viel zu tun. Erinnert aber an seine exzessiven Drogen- und Alkoholabstürze. Seine Liebe zum Sprechgesang kann er leider auch nicht lassen. Das ging schon mit "Rudebox" ziemlich in die Hose und das funktioniert bei "Bite Your Tongue" auch nicht so dolle. Im Chorus hört man allerdings ziemliche Wet Leg-Vibes.

"All My Life" drückt je nach Stimmungslage auf die Tränendrüse. Gesanglich und melodisch ist der Mann wieder zurück. Das hört man auch in der verkitschten Ballade "Human", harmonisch im Duett mit dem mexikanischen Pop-Duo Jesse & Joy von denen man noch nie gehört hat, aber Robbie hat wohl auch viele Fans in Mexiko. Es geht um KI und Achtung, Chris Martin von Coldplay ist mit Gitarre und sphärischem Keyboard dabei. Klingt jetzt auch weniger nach Britpop, ebenso die Synthie-Pop-Hymne "Morrissey". Da lassen eher die 1980er grüßen, und ehrlich gesagt, hatte man sich hier ein bisschen mehr versprochen. Trotz berühmtem Co-Writer-Credit, Gary Barlow, reiht sich das Stück nicht sonderlich hoch in der Beliebtheitsskala ein. Es ist eine Art Hommage an den Smiths-Sänger, gesungen aus der Perspektive eines Über-Fans, der von seinem Aussehen besessen ist. Robbie ist bekennender Morrissey-Fan. Hoffentlich nur musikalisch und nicht ideologisch, denn Motzi sorgt in letzter Zeit mit seiner Weltanschauung für mehr Aufmerksamkeit als mit seiner Musik.

Abschließend gibt es "Rocket" noch mal als "Pocket"-Ballade mit Streichern und Background-Chor. Hier schwebt er in eine andere Atmosphäre und mit Orchesterbegleitung kennt er sich aus. Da erinnert man sich entfernt an den unvergessenen Auftritt in der Royal Albert Hall.

Auch wenn Robbie es vielleicht nicht mehr ganz nach oben auf den großen Pop-Thron schafft, kann er sagen, dass er schon mal darauf saß. Mit 18 Brit Awards gehört er zu den erfolgreichsten Solokünstler mit den meisten britischen Nummer-1-Alben aller Zeiten. Dabei könnte er es belassen, aber hey, er ist Mr. Robbie Williams. Er kann den Release-Termin verschieben, wie er will. Er kann sich in allen Musik-Genre austoben, er kann dazu auch KI nutzen, Abrocken oder im Bubblegum-Pop verschmelzen. Er kann seine Fans anpöbeln und sie ganz doll liebhaben. Er kann sich auch jederzeit wieder zurückziehen und in seinem Bett verstecken. "Britpop" hat uns noch einmal kurz in die 1990er gebeamt und vielleicht schafft er es noch mal nach ganz oben. Wir drücken die Daumen, aber gönnen die Nummer 1 auch Sleaford Mods!

Trackliste

  1. 1. Rocket
  2. 2. Spies
  3. 3. Pretty Face
  4. 4. Bite Your Tongue
  5. 5. Cocky
  6. 6. All My Life
  7. 7. Human feat. Jesse & Joy
  8. 8. Morrissey
  9. 9. You
  10. 10. It's OK Until The Drugs Stop Working
  11. 11. Pocket Rocket

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4 Kommentare mit 4 Antworten

  • Vor 7 Stunden

    "Robbie wollte immer ein Teil der Britpop-Gang sein. Lässig und cool mit den Gallagher-Brüdern abhängen und mit Blur einen trinken gehen."

    So ist es. Schön erkannt. Gibt nichts Schöneres anzusehen, als einen Proll, der Gitarre spielt - oder so tut als ob - nur dezent nach Bier riecht, gerade so, dass es eine Grundoffenheit für Romantik signalisiert aber nicht so viel, dass es das morgendliche Müll rausbringen verhindert. Letzteres natürlich unbeobachtet UND dann im richtigen Hemd natürlich, auf dem Weg zum Tonstudio, für die meisten am Besten zur Bank oder Versicherung. Treffpunkt, Abends wieder: im Pop-Pub. Schiesserhemd gefaltet in der Aktentasche. Viel Erfolg, Robbie. Äh, ich meine. Viel Erfolg im Umgang mit dem Erfolg.

    • Vor 7 Stunden

      ...ganz kurz noch zum Thema Hemd-Ambivalenz bzw. Hemdwechsel: dieser geschieht selbstverständlich als Alltags-Metapher zum Tag-Nacht-Wechsel. Sinnlichkeit und Un-Perfektion des sexuellen Begehrens gehen über zum Tagblühen. Also das Prosperieren, Weiterentwickeln, Leben. Wir haben hier also die Robb'sche Hemdverdrehung.

  • Vor 6 Stunden

    Liest sich wie 2/5, dazu die Verharmlosung von K.I.-Einsätzen..das ist bei einem Robbie Williams Album zwar auch scheißegal, aber so locker durchwinken würde ich es nicht

  • Vor 5 Stunden

    Ne Jasmin, KI-Nutzung ist komplette Scheiße und so sehr Fangirl sollte man nicht sein um das so locker abzuwinken.

    Zum Album: 2/5, mehr kann man hier beim besten Willen nicht geben. Seine besten Zeiten sind lange vorbei.

  • Vor 5 Stunden

    Also, mal ehrlich und bei allem aufgebrachten guten Willen: Ne richtig gute Platte hatte er nie. Er war immer der Mann für zwei große Singles pro Album, und der Rest war ziemliche Stangenware.