laut.de-Kritik

Prog gegen die KI.

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Eigentlich gibt es nichts Uncooleres, als sein eigenes Konzeptalbum erklären zu müssen. Wenn das dann wenigstens in Form eines Comic-Booklets passiert, lässt sich darüber noch wohlwollend hinwegsehen. Auf "The Great Parrot-Ox And The Golden Egg Of Empathy" wagen sich Sean Lennon und Les Claypool erstmals gemeinsam an ein Werk solchen Ausmaßes: Ein psychedelisches Konzeptmonster in Sci-Fi-Prog.

Im Zentrum steht das Paperclip Maximizer-Gedankenexperiment: Eine Künstliche Intelligenz erhält den Auftrag, möglichst effizient Büroklammern zu produzieren, und optimiert diesen Befehl so radikal, dass am Ende alles andere irrelevant wird und die Menschheit als Kollateralschaden der Effizienz endet. Den Gegenentwurf liefern ein hybrides Fabelwesen, der titelgebende Parrot-Ox, sowie ein goldenes Ei der Empathie, ein Sinnbild für das, was der Maschine fehlt: emotionale Intelligenz.

Musikalisch beginnt die vorgezeichnete Reise mit "Pro-Log". Dieses macht seinem Namen in 36 Sekunden mittelmäßiger Exposition alle Ehre, ehe "Wap (What A Predicament)" direkt mehr Eindruck schindet. Mit der ungezwungenen Melodiösität eines Beatles-Sprösslings rollt der Song überraschend geradlinig durchs Set. Wo das Duo sonst gern im musikalischen Labyrinth verschwindet, wirkt diese Direktheit fast irritierend, aber auch erfrischend.

"The Wake Up Call" will mahnen, tut aber vor allem eines: überzeugen. Mit einem Basslauf, der unverkennbar aus der Claypool-Schule stammt, und einem Horroroper-Storytelling entsteht hier der erste echte Eintritt in das Konzeptalbum. "Meat Machines" reduziert den Menschen auf seine biologische Restgröße, fängt transzendente Klangflächen ein, kippt in groovende Passagen und bündelt so die gesamte stilistische Spannweite des Projekts.

Ähnlich düster und variabel geht es mit "Troll Bait" weiter, bevor "Simplest Of Deeds" mit Streichern und reduzierterem Ansatz kurzzeitig organische Wärme zulässt. "Heart Of Chrome" wiederum übersetzt die emotionale Leere der KI in einen der verträumtesten Momente des Albums. Nach dem sich eingroovenden "Through The Horizon" folgt "Mantra Of The Manatee", das fast in meditativer Versenkung verschwindet.

Spätestens mit "The Golden Egg Of Empathy (Feat. Willow)" lassen sich die Pink Floyd-Anleihen nicht mehr kaschieren. Das wirkt wie ein "Have A Cigar" aus einem Funk-Paralleluniversum, und wächst zum stärksten Moment des Albums.

Die KI Anti-Hommage "Cliptopia" zieht das Level wieder an, mechanisch, mit leicht talkboxartigem Industriecharme. "Cliptron Scuttle" schlägt anschließend in eine völlig andere Kerbe: Glockenspielartige Perkussion, dadaistischer Fiebertraum, irritierend und gerade deshalb interessant. "Melody Of Entropy" öffnet sich synthgetrieben und lässt erstmals wieder klassischere Rockinstrumentierung durchscheinen, während "It's A Wrap" mit seiner Länge von 13 Minuten das emotionale Zentrum bildet. Hier blitzen erneut Beatles-Vibes auf, bevor das Stück in eine angenehm ambivalente Dystopie zurückkippt.

Unterm Strich gelingt Claypool und Lennon auf "The Great Parrot-Ox And The Golden Egg Of Empathy" das Kunststück, ein KI-Thema so distanziert zu behandeln, dass es nie in platte Moralpredigt ausartet. Stattdessen entsteht eine visuell wie musikalisch üppige Welt, die gleichermaßen verspielt wie durchdacht wirkt. Eine Mischung aus Primus, The Beatles, psychedelischem Prog und leicht Syd Barrett'scher Entrückung: vermutlich das Edelste, was Psych-Prog-Rock 2026 zu bieten hat.

Trackliste

  1. 1. Pro-Log
  2. 2. Wap (What A Predicament)
  3. 3. The Wake Up Call
  4. 4. Meat Machines
  5. 5. Troll Bait
  6. 6. Simplest Of Deeds
  7. 7. Heart Of Chrome
  8. 8. Through The Horizon
  9. 9. Mantra Of The Manatee
  10. 10. The Golden Egg Of Empathy (Feat. Willow)
  11. 11. Cliptopia
  12. 12. Cliptron Scuttle
  13. 13. Melody Of Entropy
  14. 14. It’s A Wrap

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