laut.de-Kritik
Aus Krautrock wird Krautpop!
Review von Jasmin LützEnde der 1990er Jahre gründet Georg Brenner mit Oliver Hilse die Band Urlaub In Polen in Köln. Jan Philipp Janzen kam anderthalb Jahre später dazu. Georg und Philipp lernten sich auf einer WG-Party kennen. Auf diese Art oder auch direkt in der Lieblingskneipe kamen viele Musiker:innen in Köln damals zusammen. Es gab eine Szene rund um die Popkomm mit vielen Avantgarde-elektronisch beeinflussten Bands. Vielen Labels, wie Kompakt oder das House-Projekt Whirlpool Productions mischten mit. Man klüngelte from Disco to Disco, besuchte viele Konzerte und ließ sich inspirieren.
Die Musik von Urlaub In Polen bestand nie aus Soundstrukturen, die man einfach mitträllern konnte. 2004 hat man den Soundbastard ("White Spot") noch gar nicht so wahrgenommen und dieses Gitarrengefrickel mit der abgehackten Noise-Rock-Wand eher dem nerdigen Plattenbesitzer zugeordnet. Der Krautrock-Macker lief auf Hochtouren, aber erst zwei Jahre später überzeugte dann die "Wanderlust". Hier gab es dann mehr nachvollziehbare Songstrukturen für die Indie-Göre. Und schon damals war das Schlagzeug ihr Lieblingsinstrument.
Über 20 Jahre später und nach einigen Pausen zwischendurch erscheint mit "Objects, Beings And Parrots" eine neue Sound-Collage von Gründungsmitglied Georg Brenner (Ken) und Schlagzeuger Jan Philipp Janzen (Von Spar, Die Sterne). Der "Abacus" geht mit Gitarre und Beat im Anschlag gleich ins Ohr rein und steigert sich bis zum Gesang in ein wirbelndes Kopfnicken.
Die Stimme und das trabende Schlagzeug erzeugen immer wieder eine hohe Aufmerksamkeit. Das folgende "Washing Maschine" groovt bereits im Vorwaschgang, kommt mit dem Gesang zum frischen Höhepunkt und frickelt sich dann zwischendurch entspannt aus, bis die Ladung am Ende ein kraftvolles Rotieren der Waschtrommel auslöst. Ich weiß nicht, ob ihr beim Waschgang mal genauer hinhört, aber meine Maschine passt sich dem Rhythmus hier wunderbar an. Das ist lange schon nicht mehr nur noch Krautrock, sondern Krautpop. Sauber!
In Kategorien kann man die Urlauber ohnehin nicht so richtig einordnen, auch wenn ab und an der Begriff Noise-Pop zu hören war. Man muss aber auch nicht immer eine Schublade bedienen. Georg und Jan sind nach vielen Jahren ein eingespieltes Team und steigern sich immer wieder in eine Art Rauschzustand. Das kennt man auch von Bands wie The Notwist, deren futuristischer Sphären-Sound vor allem live richtig zur Geltung kommt. Das funktioniert bei Songs wie "Fame & Fortune" richtig gut. Da wird ungeniert in die Retro-Kiste gegriffen und mit der Gitarre gefetzt. Der neue Soundtrack zur deutschen Ausgabe von "Stranger Things" ist gelandet, mit sich wiederholenden Textzeilen rhythmisch-melodischen Einwürfen samt Verzerrungen und elektronisch-wabernden Tönen.
Die kreativen Pausen von Urlaub In Polen sind wichtig und waren vor allem ab 2012 notwendig. Man ging nicht im Streit auseinander, aber fühlte sich am Ende doch wie ein altes Ehepaar, das ständig aufeinander hockt. Es war Zeit sich von den Konzertreisen zu erholen und sich anderen Hobbys und Projekten zu widmen.
Erst 2020 erschien mit All ein neues Album. Zeitgleich wurde Philipp Janzen nun auch ein Teil von Die Sterne. Hier beeindruckt er ebenfalls mit seiner ansteckenden Dynamik am Schlagzeug. Ruhe kehrt erst mit "Face Of Reason" ein. Es wirkt noch mal hypnotischer und berauschend mit Trommel- und Percussion-Rhythmen.
"Jaki's Love Time" ist das Gegenteil von Noise und zeigt mehr Mut zur Melodie. Mit zurückhaltendem Blechblasinstrument wiegt die Band den Hörer in den Ruhemodus. Könnte auch ein Wiegenlied für das Erstgeborene sein. Das Erwachen startet dann wieder mit kräftigem Bass im "Moonwalk".
Der letzte Track "Yours" knüpft dann wieder an den ersten dynamischen Teil des Albums an. Lebendige Rhythmus-Bewegung mit eingängiger Sound-Klatsche. Es bleibt an vielen Stellen experimentell, aber klingt immer eingängiger und melodischer. Da macht Urlaub in Polen richtig Spaß und man freut sich auf die anstehenden Konzerte!


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