laut.de-Kritik

Schatz, du Arschloch!

Review von

Schon aus dem Titel lässt sich die inhaltlich vorherrschende Dualität herauslesen. Zur Songwritingformel gehört oft ein positives und ein negatives Element. Meistens geht es um einst dagewesene Nähe und Intimität und die darauffolgende Entfremdung. So gesehen könnte man "Bittersüß" fast als Konzeptalbum betrachten. Da mischen sich Sehnsucht, Arroganz, Liebe und Hass, Grundtenor ist: Es will leider nicht klappen mit Tynna, dem lyrischen Du und der Liebe. Das verkündet schon der seicht-melancholische, aber einprägsame Opener "Parallele Linien". Die Gründe dafür sind wohl vielschichtig.

Eine der möglichen Erklärungen ist die 60/40-Mische aus Genörgel und Kompliment für ihren Auserwählten auf "Psst". Und Jungs zwischen 14 und 19, ihr müsst jetzt wahrscheinlich kurz stark sein. Der Song ist wie von Gott höchstpersönlich für cringy TikTok-Lipsyncs geschaffen, und ich trau mich nicht, nachzuschauen, ob es schon passiert ist. Also pssst, ein Girlboss spricht, schweigt und lernt. Dazu eine Ohrwurmhook, die haarscharf am Nervigen vorbeischrammt, untermalt von einem bubbly EDM-Popinstrumental.

Auch soundtechnisch bietet "Bittersüß" zwei Geschmacksrichtungen. Die eine Seite der Medaille sind verspielte, lebendige EDM/Pop-Produktionen mit dickem Kick und hohem Tempo. Darauf eingängige Hooks, die Spaß machen. Vertreter der Sorte sind neben "Psst" "Tan Lines", "Baller" und "Guess What I Like"

Die andere Seite sind atmosphärische, deepe Tracks. Manche dieser Instrumentals tragen eine Note von Burials "Untrue" in sich, kalte, winterliche Musik für innere Leere. Schöpft aus dem Vergleich jetzt aber nicht zu viel Hoffnung. Die Downer machen einen großen Teil des Albums aus, leider befinden sich hier aber die schwächeren Beiträge wie "Engel In Jeans", "Mama", "Karussel" und "Katana".

Und dann gibt es noch die Hybride, zu denen "Coco Taxi" und "Seifenblasen" gehören. Letzteres hat neben uninteressanten, langsamen und emotionalen Strophen eine absolute Bangerhook, bestehend nur aus Kick, Bass und Gesang. Den langweiligen "Sie macht dies, sie macht jenes"-Instagramcaption-Bait "Mona Lisa" bringt man ebenfalls hier unter. Generell haben die schwachen Songs in der Regel immerhin eine Passage oder einen Moment in der Produktion, der positiv auffällt.

Kommen wir zum Elefanten im Raum, Deutschlands Beitrag zum ESC 2025 in Basel. Fast jeder hat zumindest einen Ausschnitt der kurzatmigen Vorentscheids-Performance gesehen. Und wie schief sie doch singen würde, und wie tief Raab ins Klo gegriffen habe. Die Studioversion von "Baller" ist aber, wie man es dreht und wendet, ein Hit. Der Synth sorgt für Atmosphäre im sonst minimalistischen Dance-Instrumental, der Rest macht einfach Spaß, die gecuttete "Balala"-Hook bleibt im Kopf, der melodische Teil der Strophe gesellt sich direkt dazu. Die internationale Resonanz ist weitaus positiver als die inländische, und selbst innerhalb Deutschlands wird heißer diskutiert als in den Jahren davor zusammengenommen.

Das Outro "Songs Gehasst" reflektiert schweren Herzens, leider ohne an dieser Stelle angebrachte ironische Note, darüber, dass ihr ehemals Semi-Angebeteter kein Fan davon war, sich in Liedform einzig und allein anzuhören, auf welchen erdenklichen Ebenen es zwischenmenschlich nicht passt, obwohl er doch n Süßer ist. Vielleicht liegt's daran, dass ich selbst ein Typ und ignorant bin, aber ich fühl weniger mit Tynna mit und muss eher an die arme Sau denken, die an der Empfängerseite der ganzen Lieder sitzt. Wenn das Album auch währenddessen schon der Beziehungs/Situationship-Sound war, Mahlzeit.

Davon abgesehen ist "Songs Gehasst" ein schönes, klanglich geerdetes und trotzdem atmosphärisches Outro mit zurückhaltendem Akustik-Instrumental, die harmonisch gelayerten Vocals im Refrain setzen ein letztes Highlight. Auch das abrupt vorgezogene Ende nach der Line "Vielleicht hörst du dir ja meine Lieder irgendwann an", wirkt. Die Leerstelle hallt nach, hinterlässt ein Gefühl, als wäre man in einen privaten Moment geplatzt.

Schon beim zweiten Hören kann das Album auf eine fünf bis sieben Songs umfassende Playlist gekürzt werden, die dann an den vier Sternen kratzt. So kommt und geht der Großteil des Albums zwar ohne herausstechende Lowlights, jedoch auch ohne einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen.

Trackliste

  1. 1. Parallele Linien
  2. 2. Psst
  3. 3. Engel In Jeans
  4. 4. Coco Taxi
  5. 5. Seifenblasen
  6. 6. Mama
  7. 7. Babylon
  8. 8. Guess What I Like
  9. 9. Katana
  10. 10. Mona Lisa
  11. 11. Winnetou
  12. 12. Baller
  13. 13. Tan Lines
  14. 14. Küsschen
  15. 15. Karussel
  16. 16. Songs Gehasst

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