laut.de-Kritik
Weihnachtliche Opulenz, nicht nur für den Sommer.
Review von Christian Schmitz-LinnartzUm eins vorwegzunehmen: Dieses Album reicht nicht heran an "Gone Now", dieses beste Album der Achtzigerjahre mit dreißig Jahren Verspätung, ein Album, das ein Stück zu Indie war für die Xanadu-Geschmacksrichtung, aber zu poppig, zu zuckersüß für die Wave-Fraktion, eine akustische Entsprechung der Zauberer-von-Oz-ProtagonistInnen auf Rollschuhen in Neon-Stretch. Aber darum geht es vielleicht ein anderes Mal.
Dennoch verwundert bei "Everyone For Ten Minutes" wieder, wie es die Musikwelt beharrlich schafft, an den Bleachers vorbeizusegeln, wo Jack Antonoff doch auch Songwriter für wahre Popgrößen war. Für wen genau, bitte ich zu googlen, denn in meinen Augen gereicht ihm das nicht in allen Fällen zur Ehre. Vielleicht ist es genau dieser vermeintliche Sellout, den ihm die Indiepresse vorwirft.
Wobei Indienauten einst damit anfingen, das Genre Indie-Pop zu kreieren, um seichtem Quatsch Salonfähigkeit in ihrem erlauchten Kreis zu verschaffen, und man auch die eine oder andere Indiennase hört, die Antonoffs Kollaborateurinnen wie Taylor Swift über den grünen Klee loben und - man möge mir den mangelnden empirischen Forschungsdrang verzeihen - unter Umständen Antonoffs andere Bands. Aber bei Bleachers: nüscht.
Vielleicht liegt es an etwas, das ich gern als "weihnachtliche Opulenz" bezeichne: Antonoff lässt oftmals, so auch auf dem Opener "Sideways", kein Pathos am Straßenrand liegen. "The Van" swingt etwas mehr, eine Hammondorgel lurt hinein, aber der gute Jack liebt Bläser, und Glockenspiel, nein, er verehrt Glockenspiel und 80er-Synthesizer-Beats, "We Should Talk". Mehrstimmigen Gesang mag er auch, "You And Forever", wobei seine sonore butterweiche Stimme über allem thront. So entthront er auch flugs Conor Oberst mit einem "Dirty Wedding Dress". Ach, motzende Saxophone mag er auch zuweilen.
Mia Wallace und Vince Vega hätten zu "Take You Out Tonight" wohl noch unwiderstehlicher getanzt als zu Urge Overkill, und nicht nur die zwei. In "I Can't Believe You're Gone" singt Antonoff irgendwo zwischen Brian Fallon und Tom Smith, und auch musikalisch irgendwo zwischen Gaslight Anthem und den Editors, eine Trauernummer. Aber weil es die Bleachers sind, ist da immer diese Fülle an Blumen-Buketts. "Dancing" driftet danach gar ein wenig in die Kategorie "Neunziger-College-Punk-Bands singen Balladen" ab.
Wollte man ein Fazit ziehen, fällt das schwer. Wohl am ehesten traut man sich, die Aussage zu tätigen, dass das neue Album dem Country mehr Platz einräumt. Ansonsten sind die Bleachers erneut so vielseitig wie immer, bei hohem individuellen Wiedererkennungswert. Einen Schluss gibt es dann aber doch: Klar braucht man Bleachers nicht im Leben. Aber nicht nur der Sommer macht mit ihnen deutlich mehr Spaß.


4 Kommentare
Tja, ganz nett. Den Hinweis der Kollabo mit T. Swift könnte man als Warnhinweis verstehen.
Nee, komplett überbewertet.
Ist ein nettes Popalbum, aber die Wertung scheint mir auch 1-2 Punkte zu hoch und der Text balzert ein wenig arg verklustert im "Ich sag euch jetzt mal was"-Ton vor sich hin.
Einem Album die volle Punktzahl zu geben, während man die Musik in einem Absätzchen beschreibt und sonst auf Sparflamme über Indiepop philosophiert, ist schon auch ein bisschen Arbeitsverweigerung.
Habe immer Spaß an den Bleachers, aber der Autounte-Einsatz bei einigen Songs dieser Platte irritiert mich. Rest ist gut, wobei "Take away the sadness of saturday night" nicht mehr erreicht wird.