laut.de-Kritik

Der Heavy Metal der Birminghamer in seiner ursprünglichsten Form.

Review von

Judas Priest gründeten sich 1969 als Blues-Band, die ersten Jahre waren von ständigen Besetzungswechseln geprägt. An den Aufnahmen des 1974er-Debüts "Rocka Rolla" wirkte kein Gründungsmitglied mehr mit. Das Album verkaufte sich nur mäßig. Auch waren die Birminghamer mit der Platte alles andere als zufrieden. 1975 bat Frontmann Rob Halford die Fans, die Scheibe zu verbrennen, wenn auch mit einem leichten Augenzwinkern. Für den zweiten Longplayer "Sad Wings Of Destiny", der am 23. März 1976 auf den Markt kam, ersetzte man Schlagzeuger John Hinch durch Alan Moore, der zuvor schon kurzzeitig in der Formation war.

Schon bald soll über Exciter Records eine definitive Edition der Platte erscheinen. Zu der Neuauflage sagt die Band: "'Sad Wings Of Destiny' war ein entscheidender Moment für uns als Formation. Hier begannen wir wirklich, den Sound und die Identität zu formen, die sich durch alles zieht, was wir seitdem gemacht haben."

Das verdeutlichen in "Victim Of Changes" schon die schweren Riffs, die prägnanten Drums, der tiefe Bass Ian Hills und Halfords markante Stimme, die zwischen ruhigen Momenten und extremen Falsetteinlagen hin- und herpendelt, obwohl die Band von ihrem späteren Lack- und Leder-Image noch weit entfernt ist. Der Sänger hatte noch lange Haare und trug gerne ein Satin-Top in Pink, das er sich von seiner Schwester ausgeliehen hatte, wie er später erzählte. Nach einem Solo und einen atmosphärischen Mittelteil zieht Rob mit überirdischen Gesangskapriolen sämtliche Register seines Könnens. Kein Wunder, dass der Song ein Fanfavorit darstellt und im Live-Repertoire der Formation auch noch heute immer wieder auftaucht.

Dabei führten Judas Priest lediglich "Whiskey Woman" aus der Al Atkins-Phase und "Red Light Lady", das Halfold für seine vorherige Band Hiroshima geschrieben hatte, zusammen, was die Qualität aber in keinster Weise schmälert, da gerade frühere Demos der Band eine recht bescheidene Klangqualität besaßen.

Trotzdem hatten Judas Priest für die Aufnahmen und die Produktion im November und Dezember 1975 kein riesiges Budget zur Verfügung. Mehr als 2.000 Pfund wollte das Indie-Label Gull Records der Formation nicht zur Verfügung stellen, um die Platte einzuspielen, so dass sich die einzelnen Mitglieder das zusätzliche Geld mit Nebenjobs dazuverdienen mussten.

Dafür nahm die Band, anders als beim Vorgänger, der live entstand, Gesang und Instrumente, separat auf. Außerdem begannen die Briten, anstatt Nachtschichten zu schieben, in den Rockfield Studios in Wales schon um 15 Uhr mit den Arbeiten. Insgesamt ließen sich Judas Priest zwei Wochen für die Scheibe Zeit, während die Produzenten Jeffery Calvert und Max West für den nötigen Feinschliff sorgten. Dementsprechend investierte die Formation viel Leidenschaft und Schweiß in die Aufnahmen, was man den Songs auch anhört. Das ikonische Platten-Cover mit dem gefallenen Engel, der den berühmten Dreizack trägt, den man heutzutage im Bandlogo sieht, hat Patrick Woodroffe entworfen.

"The Ripper" wollten die Briten neben "Tyrant" und "Genocide" schon auf dem Debüt haben, was Produzent Rodger Bain aber untersagte. Stilistisch klingt das Stück nach Hardrock im Stile Deep Purples, nur mit höherem Tempo, wobei die charakteristischen Twin Guitar-Klänge von Glenn Tipton und K.K. Downing im Vordergrund stehen. Die beiden haben sich die Saitenarbeit nicht einfach nur strikt aufgeteilt, sondern sich regelmäßig in ihren Rollen als Lead- und Rhythmusgitarristen abgewechselt, um sich harmonisch miteinander zu ergänzen, wobei Downing einen aggressiveren Stil pflegte, während Tipton für anspruchsvollere, klassisch beeinflusste Soli zuständig war. Heutzutage lassen sich Twin Guitars im Heavy Metal nicht mehr wegdenken.

Ganz anders gerät das größtenteils akustisch gehaltene und progressive "Dreamer Deceiver", dem ein gefühlvolles Solo und schrille, dramatische Screams am Ende die Krone aufsetzen. Der Nachfolger "Deceiver" fällt ungleich aggressiver und apokalyptischer aus. Trotzdem erweist sich die klangliche Aufteilung in zwei unterschiedliche Teile ähnlich gelungen wie in "Victim Of Changes", so dass beide Tracks eine unzertrennliche Einheit ergeben.

"Prelude" fungiert als psychedelische Piano-Überleitung in die erste oder die zweite Hälfte des Albums, je nachdem, welche Variante man besitzt, da man versehentlich bei früheren Pressungen die Trackreihenfolge vertauscht hatte, so dass zwei Varianten mit verschiedenen Tracklists existieren. Dass die Scheibe mit "Victim Of Changes" beginnt, bildet jedoch die gängigste Reihenfolge.

"Tyrant" merkt man das geringe Aufnahme- und Produktionsbudget noch am ehesten an. Das machen die packenden Gitarrenduelle und die eingängige Hook aber problemlos wieder wett. "Genocide" fällt durch ein simples Riff auf, das schon fast an AC/DC denken lässt, gleitet aber in der zweiten Hälfte in spacige Hawkwind-Sphären. In "Epitaph" verneigen sich Judas Priest mit musicalhaften Klavierklängen und mehrstimmigen Gesangsharmonien vor Queen. Wer von den Briten nur die Platten ab "British Steel" oder "Painkiller" kennt, dürfte überrascht sein. Ordentlich Black Sabbath-Flair versprüht das abschließende "Island Of Domination", das in der ersten Hälfte zwar noch hardrockig voranschreitet, in der zweiten Hälfte jedoch deutlich dunklere, doomigere Töne anschlägt, während sich der Gesang sehr stark an Ozzy Osbourne anlehnt.

Leider brachte das Album nicht den erhofften kommerziellen Erfolg. Alan Moore räumte aufgrund der anhaltenden finanziellen Probleme den Posten für Simon Phillips, der auch nicht lange in der Band blieb. Dafür rief die Scheibe CBS Records auf den Plan. Das Budget für die Aufnahmen von "Sin After Sin", das noch mit Phillips entstand, stieg auf 60.000 Pfund. Die Platte verhalf Judas Priest zum kommerziellen Durchbruch, die Formation setzte zum Siegeszug rund um den Globus an. Der Rest dürfte Geschichte sein, die Birminghamer gehören seitdem zu einer der stilprägenden und bekanntesten Heavy Metal-Bands der Welt.

Dementsprechend gehen die Meinungen stark auseinander, welches Album von der Band das beste darstellt. Zwar gilt "Painkiller" mit seinen auf den Punkt gespielten Songs und seinem aggressiven Klang als Inbegriff des Heavy Metals, und "Defenders Of The Faith" besitzt einige der besten Judas Priest-Tracks überhaupt. Doch auf "Sad Wings Of Destiny" hört man den Heavy Metal-Sound der Birminghamer Institution aber noch in seiner ehrlichsten und ursprünglichsten Form, was auch Einflüsse aus Glam-, Progressive- und Blues-Rock sowie Hardrock, Psychedelik und Traditional Doom mit einschließt. Und die Platte hat gerade wegen der Entstehungsumstände noch etwas, was vielen modernen Metal-Produktionen heutzutage abhanden kommt: Charme.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Victim of changes
  2. 2. The Ripper
  3. 3. Dreamer Deceiver
  4. 4. Deceiver
  5. 5. Prelude
  6. 6. Tyrant
  7. 7. Genocide
  8. 8. Epitaph
  9. 9. Island Of Domination

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