laut.de-Kritik

So lange er singt, kann er nicht sprechen.

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Weil man bei Morrissey schon lange nicht mehr weiß, wo man anfangen soll, schauen wir aufs Albumcover. So reagiert er also, wenn sich endlich eine Firma findet, die ihm einen Plattenvertrag anbietet. Eine Situation, die vor 20 Jahren undenkbar schien, als Morrisseys zweiter Frühling nach Gladiolen duftete und die frühere Smiths-Ikone über mehrere Alben hinweg trug. Danach schien sich irgendwie zu bewahrheiten, was mir der damalige New-Order-Bassist Peter Hook bereits im Jahr 2005 versuchte zu erklären: "Jeder einzelne Mensch in Manchester hasst Morrissey wie die Pest. Er ist einfach kein netter Mensch. Daran besteht nun wirklich kein Zweifel." Diese Auffassung hat Manchester 2026 nicht mehr exklusiv. Sogar Rick Astley singt schon Smiths-Songs und wird dafür bejubelt, so weit ist es gekommen.

Für Morrissey gilt dagegen: So lange er singt, kann er nicht sprechen. Und "Make-Up Is A Lie" ist kein Hörbuch, sondern eines der besseren Alben des späten Morrissey-Katalogs, das nach sechsjähriger Pause medial vergleichsweise geräuschlos aufgenommen wird. Kein TV-Sender, der sich mit einem Privatkonzert schmückt, keine auflagenstarke Publikation, die ein Interview abdruckt, und eine Organisation wie War Child geht ihm erst recht aus dem Weg. Schuld daran sind weiterhin immer die anderen, wie Morrissey neulich auf seiner offiziellen Homepage unterstrich: "No press, no radio, no television, the usual Iron Curtain blackout, yet still the people fill the London O2."

Anhand der zwölf neuen Songs darf nun wieder jeder für sich die Trennlinie zwischen Mensch und Künstler ziehen und sich hineinfallen lassen in die Ausgestaltung seiner neuesten Opferinszenierung. "I want to speak up and not be trapped by censorship", lässt er uns in "You're Right, It's Time" gleich wissen. Die Stimme des 66-Jährigen beeindruckend voluminös eingebettet in eine fein austarierte Joe Chiccarelli-Produktion. Ein Song, der an die ewig gültigen Sehnsuchtsmomente seiner ferneren Diskografie erinnert und ein schickes Chameleons-Riff zweitverwertet. Derweil lästert Mozzer über das moderne Handy-Zeitalter, er präferiere das Plaudern mit Bäumen "till gentle doctors tell me why I now must die". Wann es soweit ist? "You're right it's time!" Pointen setzt er nach wie vor unnachahmlich.

Ein Wiedersehen mit Paris gibt es in "Notre-Dame", wo es leider nicht mehr so von Vorteil ist, an seinen Lippen zu hängen. "Only stone and steel accept my love", greinte er 2009 in singulärer Brillanz. Heute versteigt er sich in die Verschwörungstheorie, dass die wahre Ursache des Brands der Kathedrale vertuscht wurde. Der dazugehörige Synthie-Song ist ähnlich vernachlässigbar. Im Gegensatz zum Titeltrack: Dass er in den Strophen nicht acapella singt, ist ein Wunder, denn viel mehr passiert hier nicht. Beim ersten Hören verwundert der scheinbare Demo-Charakter, dabei ist alles darauf ausgerichtet, dass der Refrain explodiert, und das tut er.

Das Roxy Music-Cover "Amazona" mit seinem geradezu absurden, 90-sekündigen Gitarrensolo wirkt wie ein Fremdkörper, das einschläfernde "Headache" mit nicht enden wollenden "La-la-la-la-la"-Lyrics konnte selbst der alte Songwriting-Freund Alain Whyte nicht retten, und in "Lester Bangs" ehrt Morrissey die gleichnamige Journalisten-Legende der 70er Jahre nicht etwa mit einem Sound, der an gemeinsame Helden wie Lou Reed oder die Stooges erinnert, sondern an "Get Lucky" von Daft Punk. Fast noch schlimmer: Der spitzen Feder des titelgebenden Rebellen begegnet Morrissey selbst mit erschreckender Einfallslosigkeit. Er singt zum Beispiel: "When you lift your pen / for Roxy Music and the Dolls / The Village Voice it has no choice / It must laud your every word."

Seine Inszenierung als Indie-Funk-Stevie Wonder in "The Night Pop Dropped", wo auch jemand wie Flea nicht fehl am Platze wäre, wirkt unfreiwillig komisch, von "Zoom Zoom The Little Boy" wiederum bleibt lediglich Jesse Tobias' schönes Sitarspiel in Erinnerung.

Doch wer durchhält, wird belohnt: Wie herrlich Morrissey einst Neurosen und Paranoia in Melancholie ertränken konnte, führt die Klavier-Elegie "Boulevard" exemplarisch vor. Die Morrissey/Whyte-Komposition knüpft an die gemeinsamen Loner-Momente auf "Vauxhall And I" (1995) an. Dass das Album insgesamt eher nach Stückwerk klingt, spiegelt sich auch in den beteiligten Komponisten - viele ehemalige Weggefährten erhalten Writing-Credits (außer Boz Boorer), die Songs spielten jedoch weitgehend andere ein.

Selbst der seit "World Peace Is None Of Your Business" mitwirkende Multiinstrumentalist Gustavo Manzur durfte nur noch zwei Mal mitwirken und kreiert gemeinsam mit Morrissey die waidwunde Großtat "Many Icebergs Ago", der eigentlich das Grande Finale der Platte gebührt hätte. Im Song durchschreitet er den langen, düsteren Weg seines Lebens und spiegelt ihn gewohnt bedeutungsschwanger an einer Aufzählung von Londoner 60er-Jahre-Pubs der Unterwelt-Brüder Reggie und Ronnie Kray. Statt mit dem schicksalshaften Stoßseufzer "So what else but goodbye?" endet die Platte daher in "The Monsters Of Pig Alley" mit "We love you". Was wir dem Mann nun auch keineswegs verübeln wollen.

Trackliste

  1. 1. You're Right, It's Time
  2. 2. Make-Up Is A Lie
  3. 3. Notre-Dame
  4. 4. Amazona
  5. 5. Headache
  6. 6. Boulevard
  7. 7. Zoom Zoom The Little Boy
  8. 8. The Night Pop Dropped
  9. 9. Kerching Kerching
  10. 10. Lester Bangs
  11. 11. Many Icebergs Ago
  12. 12. The Monsters Of Pig Alley

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