laut.de-Kritik

Teils seicht, teils interessant, immer angenehm.

Review von

In der Aufteilung des Erbes des Prinzen galt eine Datumsgrenze. Eine Plattenfirma verwaltete die Zeit bis vor der Umbenennung in TAFKAP, The Artist oder Symbol, nämlich der von Prince beklagte Konzern Warner. Diese Aufgabe ist sehr dankbar, denn die "1999"-Sessions und -Tournee, "Purple Rain", alles rund um "Sign O'The Times", "Graffiti Bridge" und Leckerbissen wie "Diamonds And Pearls" fallen in diese Phase. Um jüngeres Material nach dem Rechtsstreit zwischen Künstler und Warner kümmerte sich Sony Legacy. Manchmal schloss das bisher schon Material ein, das mehr war als nur unveröffentlichte Versionen bekannter Nummern, sondern wirklich geheim gehaltene Songs. Der Titel "Timeless" mag nun darauf anspielen, dass diese Datumsgrenze und Zweiteilung von Princes Schaffen jetzt aufhört, die Regelung ausgelaufen ist. Die Aufnahmen reichen von 1977 bis zum Tod des Weltstars 2016.

Sind sie gut? Nun, sie eint, dass sie alle ordentlich klingen, sehr gutes Handwerk aufbieten. Überwiegend entstammen sie der Kategorie Liebeslieder, was zu einer etwas seichten Anordnung führt. Schlechte Songs oder Versionen tischt man uns schon mal nicht auf, aber es ereignet sich auch nicht der sensationelle Wurf, mit dem man ebenso rechnen durfte.

Immerhin hatte Prince nicht nur die Schränke und Schubladen voller fertig geschriebener Stücke, die Warner ihn nicht herausbringen ließ, sondern auch abgeschlossene Einspielungen, auf denen er teils alle Instrumente selber spielt - so wie auf "Heaven" aus dem Jahre 1985. Im Rahmen seiner überbordenden Kreativität wäre es zumindest möglich, dass da noch ganz viele Lied-Diamanten und New Power Generation-Perlen unter Verschluss schlummern, und ich würde das sogar weiterhin annehmen. "Timeless" unterhält ganz nett, produziert aber selten Hinhör-Momente.

Wilde Seiten fehlen - sowohl was exaltierten stimmlichen Ausdruck angeht, als auch was die Instrumente betrifft. Da haben wir in den meisten posthumen Releases schon Spannenderes vernommen, oder auch Intimeres wie "Piano And A Microphone". Stilmittel der Provokation, Übertreibung, Ùberlänge oder des Frappierens bleiben aus. Unterm Strich läuft die Compilation keinen gängigen Hör-Konventionen zuwider, und dann kann sie eigentlich keine waschechte Prince-Platte sein, oder?

Naja. Doch. Leider repräsentiert auch Langeweile den Meister. Ich habe mir extra noch einmal die ersten drei Alben zum Vergleich angehört, und sie enthalten erschreckend wenige Highlights, dafür sogar viele flache Texte und inflationär Synthie-Patterns. "I Am You" nahm Prince 1977 auf, als er am Debüt zugange war. Debüt, wenn man von seiner Funk-Band 94 East absieht.

Die Produktion verlief verheerend. Herr Nelson schleuderte den millionenschweren Vorschuss von Warner für den Vertrag über die ersten drei LPs schon bei der ersten zum Fenster raus. Insbesondere weil er sich in seinem Perfektionismus verzettelte und auch beim Programmieren der neuen Synthesizer verhedderte. Aus der Patsche half ihm Patrice Rushen, zeigte ihm ein bisschen, wie das geht, beriet ihn an den Tasten - eine Zufallsbegegnung. Oft förderte er später die Frauen, diese Frau aber förderte ihn - und sonst wäre wohl nie etwas Brauchbares entstanden. "I Am You" ist ein verworfener Uptempo-Electro-Funk mit Falsett-Anteilen aus jener Zeit, zu Recht im Archiv geblieben. Historisch relevant ist er, denn er nimmt manche Muster vorweg, die erst zehn Jahre später regelmäßig Princes Musik durchzogen.

"Tick Tick Bang" bekommen wir nun in einer abgehetzten und gleichzeitig angejazzten Version aufgetischt, die 1981 schon acht Jahre vor der tatsächlich releasten "Graffiti Bridge"-Aufnahme entstand. Meines Erachtens braucht sie keiner. Aber sie zeigt im Gesamteindruck zusammen mit den anderen Tracks, dass Prince Ideen öfter mal ruhen und reifen ließ und später wieder aus der Versenkung holte.

Eine Schnulz-Ballade wie "With This Tear" würde man eher bei Mariah Carey oder Celine Dion verorten. Genau sie hat die Nummer tatsächlich 1992 veröffentlicht. Und dabei kann man es gerne verwenden lassen, Princes eigene Fassung hätte allenfalls im Abspann einer Hollywood-Romanze etwas zu suchen. "Stone" kombiniert Drum-Machine und künstliche Streicher angenehm, aber unspektakulär. Prince schrieb den Song nicht selbst, bekam ihn angeboten und spielte ihn wohl 1995/96 in der Ära von "The Most Beautiful Girl In The World" und "Gold" ein. Das Cover ist eher ein beiläufiges Füllstück, irgendwie nett. Aber es lässt sich schnell nachvollziehen, weshalb der Künstler den Song auf imaginären Tracklisten vergammeln ließ statt ihn der Öffentlichkeit anzuvertrauen.

Weniger eindeutig verhält sich das beim Spaß-Tune "Calabama" aus den "Musicology"-Sessions, einer Anfeuerung zum Klatschen, Tanzen, Genießen. Prince rappt halbwegs, entfaltet Latin Vibes. "Too funky, yo, can understand / just clap your hands for Prince and the band", resümiert der Meister am Ende der Performance aus dem Jahre 2004. "Calabama" ist weitgehend ein Song über Musik und die von ihr hier ausgehende Party-Stimmung. Immerhin: Das hier ist ein Must-Have!

"Bestest Friend", von 2012, ist zwar ein Grammatikfehler. Dafür handelt es sich aber auch hier um eine der erfrischenderen Aufnahmen. Bemerkenswert: Prince griff auf eine Bläsertruppe aus Minneapolis zurück, The Hornheads, obwohl er selbst zu dieser Zeit eine eigene Gruppe für Saxophone, Trompete und Posaune hatte, die NPG Hornz um Philip Lassiter. Logisch war bei weitem das wenigste in der Geschichte des Soul-Prinzen. Den Soul übrigens bleibt er uns hier auf der Platte schuldig, bis endlich der letzte und mit Abstand wirkungsvollste Track einsetzt, eine 2016er Show-Version von "How Come U Don't Call Me Anymore? [Live]" Sie ist lebendig, Prince phrasiert toll, die Tonqualität hört sich sehr gut an, und die Wärme dieses Evergreens kommt so perfekt zur Geltung, wie die Einsamkeit und die Sehnsucht, die auch in diesem Stück stecken. Summa summarum wird die Archiv-Durchforstung bestimmt noch für Überraschungen gut sein, auch wenn bei der hier vorliegenden Auswahl nicht so recht oder nur gelegentlich der Funk-Funke überspringt.

Trackliste

  1. 1. I Am You
  2. 2. Tick Tick Bang
  3. 3. Heaven
  4. 4. I Wonder
  5. 5. With This Tear
  6. 6. Stone
  7. 7. Calabama
  8. 8. The Guilty Ones
  9. 9. Bestest Friend
  10. 10. How Come U Don't Call Me Anymore? [Live]

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LAUT.DE-PORTRÄT Prince

Wenn jemand nach dem Unterschied zwischen Soul und Funk fragt, genügen als Demonstration zwei Songs: "Let's Stay Together" von Al Green - und "Sexy Motherfucker".

1 Kommentar mit 10 Antworten

  • Vor 7 Tagen

    Persönlich war ich nie der große Prince, Symbol whoever Fan, da hat mich MJ schon eher in den Bann gezogen. Aber die Klasse von Prince ist natürlich auch mir nicht entgangen. Trotz mehfacher Versuche sich mit seiner Musik anzufreunden, blieb es aber immer nur bei einzelnen Songs, die bei mir auch wirklich in die Rotation gelaufen sind. Da kommt das "neue Album" gerade recht, um mal wieder einen neuen Versuch zu starten.
    Leider musste ich aber eigentlich jeden einzelnen Song skippen, sonst wäre ich vor Langeweile vom Stuhl gekippt. Was auch immer das für eine Auswahl sein soll, sie wird dem Ruhm des Musikers in keinster Weise gerecht. Hier findet sich nichts, was einem bei anderen Musikern auch nur im entferntesten begeistert hätte. Ist wohl eher für Messies interessant, oder mir fehlt einfach der Zugang zu dieser Musik

    • Vor 7 Tagen

      ...mir ist es auch manchmal schleierhaft, was daran musikalisch ansprechend sein soll. Ich hab irgendwie die Vermutung, dass die Leute damals einfach eine leichte Melodie o.Ä. schon gefeiert haben. Auch MJ ist mir teilweise ein komplettes Rätsel, bis auf wenige Ausnahmen. Ich meine, ja, wenn man gerne tanzt oder ein Faible für ein gewisses musikalisches Arrangement im Hintergrund hat, man es mit der Zeit damals verbindet, whatever, meinetwegen. Aber ich muss mich da leider als vollkommen Empathieloser outen. Ich höre mir sowas gar nicht erst an, da Skippen vorprogrammiert. Und sollte ich mal so einen Pop-Anflug bekommen, dann präferiere ich Lady Gaga oder meinetwegen Madonna und wenn alle Stricke reißen und das Bier bereit steht, auch mal 4-5 Songs von Robbie Williams. Aber diese Grütze hier - ich versteh's nicht.

    • Vor 7 Tagen

      Bei RW war ich mit Sing When You’re Winning auch voll dabei, sehr starkes Teil! Aber sonst? Ohne seinen damaligen Produzenten, hat er eigentlich nur Durchschnittsware veröffentlicht. Ist wie bei Sven Väth, ohne Ralf Hildenbeutel bringt er musikalisch nichts bemerkenswertes zu Stande. Und hinter DJ Pult schon lange nichts mehr, eigentlicht ist er schon lange in Rente.
      An MJ geht für mich rein künstlerisch gesehen nichts ran. Vor allem hat er seinen Sound ständig weiterentwickelt. Bei Musikerinnen wie Madonna sieht man, dass die sich schon mit Stillstand zufrieden geben. Auch bei Gaga kann ich keine Entwicklung erkennen. Das wäre MJ nicht passiert, auch wenn Invincible sein einzige nicht wirklich gelungenes Album war. Für mich dennoch der absolute King of all-time Music, wenn man mal rein den popkulturellen Teil betrachtet.

    • Vor 5 Tagen

      ...des Wiesels Mama war und ist immer noch bekennender Robbie Williams Fan. Ich erinnere mich an das staatsmännische Nicken meines Vaters gegen Ender 90er Jahre, das im Nachhinein bei mir folgende Übersetzung legitimiert: "Ja, ich reiche nicht. Aber Robbie ist eben wirklich unerreichbar. Ich leiste halt dafür und bin zuverlässig und gutmütig, nicht so ein Suffproll"... naja, wobei hier durchaus auch selektive Vereinbarkeit triumphiert wurde, nicht so wie bei Robbie. Meine Lehre daraus ist: Man(n) hat immer Konkurrenz, und sei sie nur noch so fiktiv. Dass Leistung sich generell nicht lohnt, ist ja hier Konsens. Dafür brauch man auch kein Entertainment.

    • Vor 4 Tagen

      "Dass Leistung sich generell nicht lohnt, ist ja hier Konsens."

      Das ist hier Konsens, richtig. Enteignung durch Steuern, Inflation, hohe Benzinpreise und Vermögensangaben. Zwei Gruppen müssen sich um die Zukunft jedoch wenig Sorgen machen: jene, die kaum Ersparnisse besitzen und von Transferleistungen leben – und sehr Vermögende, die ihr Geld außerhalb Deutschlands parken. Alle anderen holt Schwarz-Rot-Grün

    • Vor 4 Tagen

      Du hast das laut.de-Forum mit der Tageskneipe verwechselt, Schelling. Das ist nicht schlimm, das passiert den besten Stammtischparoliern. Nur trag dieses Zeug bitte wieder dahin zurück, ja? So wenig ich mit dem Kurs unserer Bundesregierung einverstanden bin, so ekelhaft ist es, ihn zur Polarisierung gegen diejenigen zu nutzen, die sog. Transferleistungen erhalten. "Enteignung durch Steuern" ist so dämliches Libertärengelaber, aber Ulf Poschardt ist hier gar nicht unterwegs.
      Merci.

    • Vor 4 Tagen

      Jaja, *gähn*. Noch anstrengender als Arbeiten, finde ich, ist Urlaub machen. Ich mach erst mal ne Runde Siesta.

    • Vor 4 Tagen

      Was Bob sagt.

    • Vor 4 Tagen

      ...kurz noch, als Linker am äußersten Rand sei gesagt: Dieser Poschardt ist unglaublich lustig. Ich mag ihn wirklich. Wie unbedarft und "trottelig" er sich über die sogenannten privilegierten Linken lustig macht, ist schon unterhaltsam as fuck, allerdings auch schon wieder bezeichnend, dass es dafür einen konservativen Kapital-Komiker-Autisten bedurfte, der in Zukunft unter Jens Spahn(s) et al. Überbleibsel nicht mehr viel zu Lachen haben wird. Sei's drum - mein Lachen wird jedenfalls so schnell nicht vergeh'n.

    • Vor 3 Tagen

      Es erklärt latürnich küchenpseudologisch so unheimlich viel, wenn mensch als musikkulturellen Haupteinfluss Benzo Bobbies Greatest Hits (written by other people, sollte klar sein) von Kindheit an regelmäßig als Einlauf bekommt und das auch noch schlecht gelungen verschleiern soll, dass die Mugge dabei ja eigentlich so egal ist wie Max und Beate Mustermann im Alllgwemeinen auch, aber Bobbie im ultraweichgespü-- ähm, gezeichneten Bravo-Fotostorystil und prä-"erste Regelkonsumspuren sichtbar" halt optisch 1 süßerer Boy ist als Papa, weil ersterer halt schnell gelernt hat, dass dafür, dass in seinem Genre die Kunst völlig hurz und schnurz ist, es eben nur auf diese eine Sache für ihn ankommt, nämlich in möglichst vielen (ab)licht(bar)en Momenten Posterboy-Qualitäten - zu dieser Zeit (Auftakt zur Size 0-Hochphase für viele Frauen nach dem ebenfalls schon zehrenden Heroin Chic der auslaufenden 90er) lieber gleich Peter Andé-Waschbrett (we're almost back there, Baby! :koks: ) - zu offenbaren. Zufällig hat Bobbie damals auch gerne die passendstenen Drogen für so einen Körpertypus genommen (und war jung genug, um es ihm erst paar Jahre später anzusehen :lol: ).

      Es passt halt sooo Fallbuch-Supi zu deinen eher misogynen Facetten, wenn der Frust mal wieder groß genug ist um deinen self-failing Dateing Night-Dreck hier (Mit) zu teilen, dass ich fast eine Diplom-Arbeit drüber schreiben wollte, gäbe es ein solche noch und hätte ich nicht schon 2(,5). :D

      Also - nicht dass wir uns falsch verstehen - sicher hat Muddern Anfang der 80er ihre zierlichen 1,53m in so manchem CBGBritish-Verschnitt auch dazu eingesetzt. um vorgelassen zu werden und von aus Reihe 1 Steve Harris et al. in diesen engen Röhrenjeans mal gepflegt auf den Sack zu stieren - aber eben zwischen dem Headbangen zu "Can I Play with Madness" und dem nächste Runde Bier holen, wenn mensch mit holen dran ist, u know ^^?!

      Subkultur und so.

      https://www.youtube.com/watch?v=iqIq4B1rgl4

    • Vor 3 Tagen

      Frust klingt nicht so gut. Ich klär das mal mit meinem Arzt ab die Woche und lasse mich krankschreiben - Danke für den Hinweis. Schön, dass wir aufeinander achten. Wir sehen uns :(