laut.de-Kritik
Die T-Shirts: 5XL. Der Impact: überlebensgroß.
Review von Zabih Safdari"Wir sind mehr als eine Crew, wir sind eine Bewegung." Ihr Einfluss auf die Hip Hop-Kultur, Mixtapes oder Mode scheint dem Größenwahn des Dipset-Mitgründers Jim Jones recht zu geben.
In der bildenden Kunst etwa zeichnet sich eine Bewegung dadurch aus, einen neuen Stil zu etablieren, häufig als Kritik an bzw. Gegenreaktion auf das Umfeld an bestehenden Stilrichtungen. Sie löst die bereits vorherrschende Bewegung ab und nimmt ihren Platz ein. Übertragen verhält es sich nicht großartig anders. Im Fall der Diplomats war es G-Unit. Zwar koexistierten die beiden New Yorker Crews, zumal G-Unit anfangs kommerziell ein gutes Stück erfolgreicher war. Interne Streitigkeiten und Misserfolge in den Solokarrieren bei G-Unit bescherten dem Hype um 50 Cents Crew jedoch ein schnelles Ende und schafften Platz für etwas Neues.
"Diplomatic Immunity" versteht sich als das Manifest dieser neuen Bewegung und ist das essenziellste und zugänglichste Werk der Diplomats. Alles, was Harlems Rap-Ikonen zu ihrer Frühphase ausgemacht hat, finden wir hier, auf einem 27 Track-starken Doppelalbum mit einer Laufzeit von 110 Minuten. Es erschien als Debütalbum bei Roc-A-Fella nach einer Reihe unabhängig veröffentlichter Promo-Mixtapes, von denen einige Songs auf dem finalen Album landeten.
2003, in ihrer noch nicht vollständig ausgebauten Konstellation, bestand das Diplomats-Roster aus gerade einmal vier Mitgliedern. Den Rap übernehmen fast ausschließlich 'Killa' Cam und Juelz Santana, der damals gerade einmal 20-jährige Neuzugang. Seltener treten Mitgründer Jim Jones und Freekey Zekey auf, letzterer ausschließlich auf gesprochenen Interludes. Auch gibt es Gastauftritte von Hell Rell und Un Kasa, die wenige Jahre darauf fester Bestandteil der Diplomats werden. Das mag vielleicht wie eine seltsame Verteilung wirken, reicht für das Album allerdings vollkommen aus, da Juelz Santana und Cam'ron doch bemerkbare Unterschiede in ihren Stilen aufweisen und sich so komplementieren.
Grundsätzlich sieht die Crew aus Harlem sich als Straßenrapper, geht im Gegensatz zu anderen Roc-A-Fella-Acts wie Jay-Z oder State Property viel mehr nach dem Prinzip 'Style over Substance' vor. Wie MF Doom hat Cam'ron eine Schwäche für ausschweifende verschachtelte Reime, die im Gegensatz zum 'Illest Villain' eigentlich bloß als Tragwerk für seine vielen Punchlines dienen. "I come through Canal, and let the Luger style / In the D.A. mouth – shit, here's a root canal". Das wiederholt er einige Zeilen lang, bevor er den Reim wechselt, um dann von vorne zu beginnen. Das Schema ist so unkompliziert wie effektiv.
Und doch: Nicht selten schießt er mit seiner auffälligen Reimverliebtheit übers Ziel hinaus. Zeilen wie "She bought a gravy Rover, it had a pastry odor / Yes, she made the quota, 'cause I'm like Ray Liotta" glänzen nicht gerade mit lyrischer Raffinesse. Man könnte sogar meinen, sie seien völliger Unsinn. Auch die vielen 9/11-Bars wirken aus heutiger Sicht (und vermutlich damals schon) extrem fragwürdig. Auf dem mittlerweile auf Streaming-Plattformen zensierten "I Love You" beispielsweise leistet sich Juelz Santana folgenden Fauxpas: "I worship the late prophet, the great Muhammad / Omar Atta for his courage behind the wheel of that plane / Reminds me when I was dealing the 'caine".
Ich glaube, Selbstinszenierung ist hier der entscheidende Faktor. Die Diplomats legen ein so großes Maß an Arroganz und Confidence an den Tag, dass es ehrlich schwerfällt, sie trotz aller Albernheiten nicht verdammt cool zu finden. Die Instrumentals unterstützen sie darin. Das Trio aus Heatmakerz, Just Blaze und Kanye West, bekannt für den Chipmunk-Soul-Sound, bastelt für "Diplomatic Immunity" einen Weltklasse-Beat nach dem anderen. Das simple Rezept aus sauberen Soul-Sample-Chops und harten Snares funktioniert selbst auf Doppelalbumlänge hervorragend und bietet Grundlage für ein paar der besten Tracks dieser Ära. Ob "I Really Mean It", "More Than Music" oder "Purple Haze" - sie alle klingen mächtig, opulent und stellenweise dermaßen perfekt auf Dipset zugeschnitten, dass niemand es ihrer Performance darauf gleich tun könnte. Zum Beispiel auf "I'm Ready": 2024 hat doch tatsächlich J. Cole den selben Barbara Mason-Sample-Chop als Hommage für einen Track auf seinem "Might Delete Later"-Mixtape recycelt. Textlich kann der vielleicht mithalten, er scheint jedoch von Pausensetzung nicht so viel zu halten und arbeitet diesen Beat mit weitaus weniger Eleganz ab als das Dipset-Dreiergespann: "Jim Jones c'est si bon, Santana magnifique".
Der ikonischste Track - das Herzstück - wenn man so will, bildet "Dipset Anthem". Aus einem Reggae-Cover schneidert Heatmakerz so etwas wie den Superhelden-Titelsong der Crew. Es hat mit der Musik zwar nichts zu tun, doch für einen Einblick in die bizarre Fashion-Welt der Diplomats, von den farbenfrohen Bandanas und Lederjacken in 5XL bis zu Juelz' US-Flaggen-Anzug, kann ich das Musikvideo wärmstens empfehlen.
Zusätzlich bekommen wir dort einen Cam'ron zu sehen, der die Farbe Pink bereits lange vor Charles Hamilton und Lil Uzi Vert als sein Markenzeichen etablierte. "Back when they thought pink Polos would hurt the Roc / Before Cam got the shit to pop, the doors was closed". Schenkt man diesen Nacherzählungen seines Labelkollegen Kanye auf "Touch The Sky" ein wenig Glauben, setzte Cam diesen Trend tatsächlich als Erster. Sogar als sie Jahre später die Fitted Caps und Baggy-Jeans gegen Ed Hardy und Bikerjacken eintauschte, blieb die Crew einflussreich.
Leider erfuhren die Diplomats ein ähnliches Schicksal wie G-Unit. Auf der einen Seite Streit mit dem Label und innerhalb der Crew, auf der anderen waren die späten 2000er nicht zuletzt aufgrund der Competition einfach eine harte Zeit. Artists wie Jeezy, Rick Ross oder Gucci Mane rückten den Fokus nach und nach weg von New York und stattdessen in den Süden. Ironischerweise hat die Crew aus Harlem einiges davon selbst mitzuverantworten, da der zweifelsohne größte Rapper dieser Zeit in seiner Form ohne sie gar nicht zustande gekommen wäre. New Orleans' Lil Wayne hat Dipset tief in seiner DNA - vom Kleidungsstil bis zu den Punchlines. Nachdem sie dem Mixtape-Game neues Leben eingehaucht haben, musste Wayne nur mit dem Feuerzeug klicken, um die Weltherrschaft an sich zu reißen. Die bis heute zerstrittene Crew wird vorerst keinen Versuch zur Wiedervereinigung starten. Ihr Vermächtnis lebt jedoch mit der Musik weiter.
In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.


1 Kommentar
"I'm the realest shit poppin' since Osama bin Lande" lebt sei jeher mietfrei in meing Kopp.