laut.de-Kritik

Einmal noch die Jugend feiern ...

Review von

Schau an, da ist er ja wieder. Schließlich liegt "Rock'n'Roll Therapy", das letzte Album von Dick Brave & The Backbeats, bereits fünfzehn Jahre zurück. In der Zwischenzeit ist der muntere Rockabilly- und Rock'n'Roll-Sänger in die Rolle des Schmusesängers Sasha geschlüpft. Oder war es am Ende doch andersherum? Ach, ist auch egal.

Nun schreitet er im Stil eines peinlichen Onkels, der noch mal seine Jugend feiern und es richtig krachen lassen mag, zum Badezimmerschrank und holt seine etwas fest gewordene Haarschmiere hervor. Endlich wieder voll rocken. Nicht schlimm. Aber eben auch weit weg von gut. (Die Backbeats lässt er jedoch ebenso wie den durch sie erst entstehenden Nick Cave & The Bad Seeds-Verweis drin.)

Um sich nicht zu überarbeiten, greift er ausschließlich auf Cover-Versionen zurück (Fritze gefällt das nicht). Routiniert spielt Brave sich durch das übliche herumliegende Pop-Gerümpel. Schließlich gibt es nichts Lustigeres, als bekannte Songs in ein anderes Genre zu stecken. Schau, Tom Jones' "Sex Bomb" als Rock'n'Roll. Was haben wir gelacht.

Damit sein mit ihm gemeinsam vor sich hin alterndes Publikum bloß nicht erschrickt, verzichtet der Dick in der ersten Hälfte des Doppel-Albums (!) gänzlich auf neue Stücke. Dafür gibt es ausschließlich alte Schinken, die heute älter sind, als Rockabilly selbst es war, als Songs wie "Enjoy The Silence" (Depeche Mode) oder "I'm Still Standing" (Elton John) veröffentlicht wurden. So bildet sich ein doppeltes Nostalgieverhältnis, ohne das hier aus Minus und Minus gleich ein Plus entsteht.

Hat er die Zuhörenden erst einmal eingelullt, gibt es in der zweiten Hälfte den einen oder anderen Gassenhauer aus diesem Jahrtausend. Natürlich nur Songs, die es irgendwie schafften, sich in die festen Playlists der "Die 80er, die 90er und das Beste von heute"-Radiosender zu schmuggeln. Bloß nicht zu sehr in die Tiefe gehen. Zudem muss er bei jedem "Bad Guy" (Billie Eilish) umgehend mit einem "Runaway" (Del Shannon) gegensteuern.

All dies geschieht so schrecklich konform, dass nicht viel mehr zu sagen bleibt, außer dass Sasha ... sorry, Dick Brave ... Take Thats "Back For Good" in ein Rock'n'Roll-Gewand steckt und dabei schön singt. Danach steckt er Elton Johns "I'm Still Standing" in ein Rock'n'Roll-Gewand und singt schön. Später steckt er Taylor SwiftsShake It Off" in ein Rock'n'Roll-Gewand und singt schön. A-has "Take On Me" bekommt etwas Doo Wop ab, bevor er es in ein Rock'n'Roll-Gewand steckt und schön singt. Dazu wird überall schick getrommelt, gegitarrt und gebasst. Mal fesch mit den Fingern geschnipst, mal schnipsig auf dem Klavier gespielt. Am auffälligsten fällt Depeche Modes "Enjoy The Silence" aus, das er hier zu einer nächtlichen Heartbreak Ballade formt.

Sasha ist vieles, aber sicher kein Unsympath. Doch egal ob Radio-Pop oder Radio-Rock'n'Roll, Dick Brave bleibt zu weich für wirkliche Spannung. Technisch ist das alles sauber, professionell, unangreifbar. Aber eben auch vollkommen frei von Überraschungen jenseits des reinen Genre-Effekts. Sobald sich dieser abgenutzt hat – also spätestens in der Hälfte des Debüts "Dick This!" von 2003 – bleibt erschreckend wenig Substanz zurück.

Natürlich dient die Figur Dick Brave Sasha auch dazu, aus seiner Kuschelsängerrolle und dem "Hansdampf in allen TV-Formaten"-Image auszubrechen. Das Problem beginnt jedoch dort, wo sich solche Kunstfiguren zu sehr mit dem eigentlichen Act verbinden. In dem sie nur noch eine weitere altbekannte Facette werden. Das mag im Fall Dick Brave kurzzeitig unterhalten haben, trägt aber keine drei Alben.

Trackliste

  1. 1. CD1: Comebacks
  2. 2. Back For Good
  3. 3. I'm Still Standing
  4. 4. The Winner Takes It All
  5. 5. I Can See Clearly Now
  6. 6. Sex Bomb
  7. 7. What's Love Got To Do With It
  8. 8. Enjoy The Silence
  9. 9. Man Eater
  10. 10. Ordinary World
  11. 11. Suspicious Minds
  12. 12. CD2: Breakers
  13. 13. Shake It Off
  14. 14. Take On Me
  15. 15. Beautiful Things
  16. 16. Runaway
  17. 17. APT
  18. 18. Blinding Lights
  19. 19. Be The One
  20. 20. Bad Guy
  21. 21. The A Team
  22. 22. Billie Jean

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