laut.de-Kritik
Eines der besten Pop- und R'n'B-Alben des Jahres
Review von Lina BurghausenAls Flo 2022 mit ihrer Debütsingle "Cardboard Box" an den Start gingen, waren sie allein auf weiter Flur. Die letzte große Girlgroup-Sensation, Little Mix, löste sich im selben Jahr offiziell auf, Girlgroups wirkten wie eine ausgestorbene Spezies, die maximal als Legacy Act herhalten konnten. Zwei EPs und ein Album später hat sich die Welt um Flo verändert: Neben Comebacks von Bands wie den No Angels und den Sugababes sprießen neue Trios und Quintetts mit begnadeten Sängerinnen regelrecht aus dem Boden, sei es die US-Casting-Sensation 3Quency, britische Newcomerinnen wie Say Now und XO oder koreanische Girlgroup-Weltexporte à la Katseye.
Bei der Konkurrenzlage verwundert es nicht, dass der eh schon sehr starke Katalog von Flo mit ihrem zweiten Longplayer "Therapy At The Club" eine Ergänzung bekommt, die definitiv ein anderer Schnack ist. Das neue Flo-Album klingt, als wären Jorja Douglas, Renée Downer und Stella Quaresma mit einem Ohrwurm von "Everything You Can Do I Can Do Better" ins Studio gegangen. Und was soll man da sagen, sie haben ja auch recht!
Denn es scheint egal zu sein, um welche Disziplin es geht, Flo haben im direkten Vergleich die Nase weit vorn. Das stellten sie schon mit der ersten Albumauskopplung "Leak it" unter Beweis: Ohrwurm-Hooks? Check. Starker Stimmeinsatz? Check. Harmonien? Sowas von Check! Cineastische Musikvideos? Check. Dancemoves? Triplecheck. Als Top-up gibt's mit "Therapy At The Club" ein Konzeptalbum, das immer wieder mit extrem smarten und humoristischen Textzeilen besticht. Ja, Flo können ganz große Gefühle, aber gerade ihre Attitude, ihr Witz und die Tatsache, dass man ihnen all das, was sie singen, auch völlig abnimmt bleiben im Gedächtnis. Wenn Renée in "Don’t Break Her Heart" den neuen Boyfriend ihrer besten Freundin ansingt, er könne zwar deren Bett zerbrechen, aber auf gar keinen Fall ihr Herz und Jorja in den Adlibs der Hook ergänzt, sie werde sonst "you, your mom, your nan your dog, everything" verfolgen und dem guten Herren das Gesicht brechen, dann haben wir die graue Welt der Songwriting-Phrasendrescherei weit hinter uns gelassen. Dass die drei Künstlerinnen im zugehörigen Musikvideo auch noch den Hund des besagten Typen vermeintlich komplett "rasieren" und ihm stattdessen eine Riesenechse mit nach Hause geben, ist dann nochmal auf einem anderen Level hilarious.
Mit absurd guten Vorabsingles ist es noch lange nicht getan: "Therapy At The Club" findet den Sweet Spot aus "sounds familiar" und fresh af. Die 16 Tracks drücken alle Knöpfe, die ein erfolgreiches R'n'B-Pop-Projekt braucht, ohne auch nur einen Moment lang anbiedernd oder beliebig zu klingen. Dabei ist "Therapy At The Club" nicht die erwartbare Uptempo-Clubbanger-Parade, die der Titel vermuten lassen könnte. Vielmehr kreieren Flo einen Soundtrack für eine Generation, die von inneren Unsicherheiten, Bindungsängsten, Eskapismus und gleichzeitig Solidarität, Freundschaft und gesünderen Beziehungsstandards geprägt ist. All diese Themen werden auf eine Art und Weise aufgearbeitet, die sich anfühlt, als würde man mit seinen Besties auf der Club-Toilette hängen, Insider-Witze kicken und im nächsten Moment voreinander Crashout gehen.
Trotzdem rutschen Flo nie in die Rolle des melancholischen Lover Girls, das für ihren Boy alles tun würde. Stattdessen wird schonungslos davon gesungen, einem fremden Menschen das Herz auszuschütten, weil man sich nicht traut, mit dem Partner Schluss zu machen ("Therapy At The Club"), die Rebound-Erfahrung mit dem Ex aufgearbeitet ("I can’t be high around you anymore") und die Spiegelung des eigenen Gesichts in der Toilettenschüssel nach einer durchtanzten Nacht mit den Freundinnen ausgewertet ("Remedied"). Dabei sind es gerade die Uptempo-Nummern wie diese oder der soundtrack-eske Closing-Track "Haterbooth", die vom ersten Hördurchlauf an begeistern, gerade weil man sie nicht in der Komfortzone von Flo vermuten würde. Auch die fast schon vor Energie prickelnde Leadsingle "Leak It" klingt mit ihrer fast schon ironischen Karikatur unserer Social-Media-Welt nach waschechtem Hit.
Dass Flo aber auch ihr Kerngeschäft, epische R'n'B-Balladen, nach wie vor mit Bravour beherrschen, beweisen sie mit dem herrlichen Fuck-You-Heartbreak-Song "Cry Ugly". Und spätestens, wenn Flo auf "Pose" gemeinsam mit Juicy J einen voguey Rap-Track mit ballerndem "Pump Up The Jam"-Sample in die Mitte ihres Albums packen, dürfte klar sein: Hier sind drei absolut ernsthafte Künstlerinnen am Werk, die verstanden haben, dass man sich selbst nicht zu ernst nehmen sollte, um großartige Kunst zu schaffen. Ob verspult anmutende Verführungen zu Beatbox-Sounds ("Sex In Peace") oder fast schon Sam Smith’sche Epos-Hooks à la "Small Doses", Flo zeigen durch die Bank weg, dass sie ihr Handwerk beherrschen, und zwar als Sängerinnen und Songwriterinnen gleichermaßen. Selbst an den zugegeben nur kleinsten Stellen, an denen so etwas wie Langatmigkeit aufkommt, finden Flo einen Turn, der wieder für Spannung sorgt. Das sind mal smoothe, mit viel Feingefühl auskomponierte Songübergänge wie zwischen dem eher blass anmutigen "Floating" und dem gefühlvollen "Miss U Missing Me", mal überraschend catchy Hooks wie bei "Call Me".
"Therapy At The Club" hat Flo endgültig aus dem Schatten ihrer oft genannten Vorbilder Destiny's Child, TLC und Co. befördert und dürfte in Zeiten aufstrebender Girlgroups fortan der Maßstab sein, an dem sich neue Formationen messen dürfen. Doch auch losgelöst von der Konkurrenz ist mit diesem Longplayer eines der besten Pop- und R'n'B-Alben des Jahres gelungen. The Girls are alright! Und mein Girlgroup-Herz geheilt.


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