laut.de-Kritik

Es gibt kein Entrinnen.

Review von

Huch? Träumerisch heißt "No Country For Old Grim" willkommen, melodiös fast, der Vibe gemahnt an 10ccs vielfach gelayertes "I'm Not In Love" ... und dann grätschen die Vocals dazwischen und fetzen alles in Stücke. Na, zum Glück. Ein Wohlfühl-Album zum Sich-drin-Einmuckeln stand ja nicht wirklich zu erwarten. Es würde auch nicht passen. Nicht in diesen Zeiten. Nicht von diesem Mann.

Grim104 wühlt seit jeher gerne im Schlamm, und hat entsprechend seine Zukunftsvorstellungen den sich rasant wandelnden Umständen angepasst: "Vielleicht sterb' ich doch nicht mehr im Bett, sondern in Matsch und Regen." In einer Welt, die schneller und immer schneller vor die Hunde zu gehen scheint: wahrscheinlich gar kein so unrealistischer Gedanke. Es wundert also kein Stück, dass aus der gepeinigten Stimme noch offensiver als bisher Wahn, Zorn, Schmerz und Verzweiflung schreien. Womit sonst sollte man dem allgegenwärtigen Irrsinn begegnen? "Wir marschieren einer großen Mitternacht entgegen."

"This is not a lovesong", formuliert Grim noch einmal das Offensichtliche, als wolle er mir das Echo meines Ersteindrucks zurück an den Kopf werfen. "No Country For Old Grim" ist noch keine drei Minuten alt, wir stecken noch immer im ersten Song, und ich bin schon völlig fertig. Spätestens im dritten Track wächst außerdem die Sorge: Kann Grim dieses Energielevel wirklich auf Albumlänge durchhalten? Wie zum Teufel machen das menschliche Stimmbänder mit?

Ganz gut, wie sich zeigt: Kurz vor Schluss, in "Monstera", lässt Grim sich in das weiche, melodische Instrumental fallen und singt sogar beinahe, ein zärtliches Lied von Verlust, Schmerz, Heilung und der anderen Art von Verlust, die mit der Heilung kommt, wenn der Schmerz abklingt: "Ich glaub', der schlimmste Teil ist vorbei, und wenns vorbei ist, dann bin ich frei. Doch wenn ich frei bin, dann bist du weg."

Um an diesen Punkt zu gelangen, musste Grim allerdings einiges durchmachen, und weil er der fantastische Geschichtenerzähler ist, der er eben ist, nimmt er uns im Würgegriff mit, wenn er Politik und Privates gleichermaßen gnadenlos auf den Seziertisch legt und tief schneidet. Wir spähen mit ihm zusammen in Höhen, Tiefen und finsterste Abgründe der Musikindustrie, skandieren das "Mantra" des Business' und überstehen irgendwie sogar das "Artist Dinner Mit Dem Crazy Frog".

Wir träumen ebenfalls den fragwürdigen Traum vom "Haus In Lübars". Wir empfinden selbst auch das Weltende-Gefühl, wenn sich nach einer Trennung "Hinter Der Tür" kein Zuhause mehr findet, sondern nur noch gähnende Leere und das verzweifelte Verlangen nach einem Ende der Einsamkeit, nach Betäubung oder Flucht. "Wiese & Weide" scheinen sich unmittelbar vor unseren eigenen Augen zu erstrecken, genau wie die Kirche, die Kneipe und der von Unkraut überwuchertem Parkplatz des zerkrümelnden Supermarkts in einem zerkrümelnden Nest, kurz bevor das Gewitter losbricht, das längst spürbar in der Luft hängt.

Die klaustrophobische Stimmung ausblutender Ortschaften heraufzubeschwören, darin besteht seit jeher Grims Paradedisziplin. Wer selbst vom Dorf kommt, kennt den Zerfall, die Piefigkeit, das träge Das-haben-wir-schon-immer-so-Gemacht, die Tristesse. Wer vom Dorf kommt und nur ein bisschen anders tickte, als es Usus war, weiß, dass die Gewaltherrschaft der Greise den Tanz aus der Reihe wirklich niemals verzeiht. Wer es dennoch wagt, weiß genau so sicher, dass von dort zu entkommen nicht nur nötig ist, sondern überlebenswichtig. Du gehst weg, oder du gehst kaputt.

Kaff-Kinder werden früher oder später aber auch die Erfahrung machen, dass sich das Kaff seine Kinder über kurz oder lang alle zurückholt. Auch dieses Bild zeichnet Grim mit scharfen Konturen: Du hast mühsam deine Zelte abgebrochen, dir irgendwo anders ein neues Leben aufgebaut, und dann streckt das alte seine Tentakel aus und zerrt dich unbarmherzig wieder zurück. Weil die Eltern pflegebedürftig werden, zum Beispiel. Es gibt kein Entrinnen, und nur selten gestaltet sich die Rückkehr wie die feixende Abrechnung im Video zu "Nie So Cool". Meist landest du doch nur wieder im alten Trott, in der Perspektiv- und Trostlosigkeit, bei den Leuten von früher, bei ihren hängengebliebenen Ansichten, ihrem hängengebliebenen Humor, ihrem hängengebliebenen Musikgeschmack, und dann gehst du mit denen, die den Absprung nicht geschafft haben oder ihn gar nicht erst versuchen wollten, halt "Zum Griechen".

Besagter Track ist als einziger auf diesem Album absolut unhörbar geraten. Mit jedem Recht der Welt verglich Kollege Yannik Gölz das Mehnersmoos-Feature, das den Silkersoft-Beat verunziert, mit einem stinkenden Bierschiss: Wie die da dumpf besoffen lallend zur Melodie von "Meine Oma Fährt Im Hühnerstall Motorrad" rumgrölen, ist wahrhaftig grauenhaft, ja. Allerdings illustriert es die Grauenhaftigkeit der geschilderten Situation auch perfekt. Ich habe wirklich schlimme Flashbacks, danke auch.

Ich weiß, ich wiederhol' mich, aber Grim104 wiederholt sich auch: Erneut zementiert er, und das auf Albumlänge, seinen Staus als einer der besten, wenn nicht der beste Storyteller des Landes. Zu brummendem Bass erzählt er von radelnden Kleinkindern, verantwortungslosen Hundehaltern und unerfahrenen Polizisten. Am Ende, wenn der Beat von Industrial in Drum'n'Bass kippt, liegen ein totes Kind und ein toter Hund auf dem Asphalt, und ein Film hätte die Szenerie auch nicht plastischer einfangen können. Das nihilistische Fazit: "kein tieferer Sinn, keine hohe Moral, ob du lebst oder nicht, ist dem Leben egal."

Es geht aber locker noch deprimierender: Wenn Grim seinen Blick aufs Zeitgeschehen richtet und darüber sinniert, "welcher Vergewaltiger diese Woche auf dem Cover noch mehr Wohlstand anhäuft", etwa. Dass wir die Entscheidungsmechanismen alle kennen, "wer wird gecancelt werden, wem wird schnell verziehen - im Klammern: man kann mit ihm Geld verdienen" - macht die Sache ja nicht weniger schwer auszuhalten. Grims Konsequenz für seinen Status als Künstler: Er gibt den "MF DOOM", "tauche ab wie X, tauche auf wie DOOM", und befindet sich mit Kamp dabei in bester Gesellschaft.

Die Featuregäste passen überhaupt sämtlich großartig ins Bild: Mehnersmoos, so fürchterlich ich sie finde, sind die Gestalten, um die es in "Zum Griechen" geht. Katanna aus dem Patina Records-Kollektiv eignet sich wunderbar als Begleitung für "Unvernünftig"e Shopping- und Feier-Touren, und Josi Miller ist schlicht und ergreifend das angemessenste Gegenüber für den perfekten Moment, obwohl das Gewitter schon in der Luft hängt und rundherum alles zerbröselt.

Ästhetisch fällt, wie gesagt, "Zum Griechen" aus dem Rahmen, im Album-Kontext ergibt der Song jedoch Sinn. Da kippt eher "Break The Law" heraus. Das steckt zwar voller szene- und popkultureller Verweise, wirkt aber wie ein zusammenhanglos nachgeschobener Bonus-Track. Wie das eigentliche Outro hat sich bereits "Nie Allein" angefühlt, in dem Grim, vorsichtig zufrieden, hoffentlich ein bisschen stolz, aber auch hörbar verausgabt und mitgenommen, verheißt: "Mit Grimmi bist du nicht allein." Dieses Versprechen hält er inzwischen schon seit mindestens 13 Jahren, und er bricht es auch diesmal nicht.

Trackliste

  1. 1. No Country For Old Grim
  2. 2. Mantra
  3. 3. Haus In Lübars
  4. 4. Artist Dinner Mit Dem Crazy Frog
  5. 5. Schüsse Auf Den Listenhund
  6. 6. Nie So Cool
  7. 7. Hinter Der Tür feat. Crimson Bloom
  8. 8. Unvernünftig feat. Katanna
  9. 9. Zum Griechen feat. Mehnersmoos
  10. 10. Wiese & Weide feat. Josi Miller
  11. 11. Monstera
  12. 12. MF DOOM feat. Kamp
  13. 13. Nie Allein
  14. 14. Break The Law

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