laut.de-Kritik
Wohlklingender Mutmacher in schweren Zeiten.
Review von Alexander CordasMatthew C. Whitaker dürfte einigen als charismatischer Charakterkopf der Band Henge ein Begriff sein. Bei den Space-Proggern aus Manchester steht er am Mikro/Gitarre und veredelt deren durchgeknallten Sound stets im wallenden Kaftan gekleidet mit Plasma-Lampe auf der bemützten Rübe.
Als Solo-Künstler schlägt er weit ruhigere Töne an und agiert im weiten Feld zwischen Singer/Songwriter und 60er-Soundtracks. beim ersten Hören kommt einem am ehesten noch der Schotte C. Duncan in den Sinn, der ein ähnliches Feld beackert und genau so gekonnt und sicher mit Melodien und Arrangements hantiert. Beide eint ein tiefes Verständnis für schmeichelnde Melodien, die geradewegs aus der Feder von Brian Wilson, Van Dyke Parks oder Lennon/McCartney stammen könnten.
Das instrumentale Eröffnungsstück "Overture" erzeugt mit sanft jaulenden Streichern eine Stimmung wie aus einem thailändischen Reiseprospekt. Die sanft dahin schwebenden Klänge kann man durchaus als Referenz an den Albumtitel ansehen: "Lieder für die Erschöpften", Hektik ist hier fehl am Platze. "Mind How You Go" schließt sich dem Auftakt nahtlos an und führt auch die relaxte Atmosphäre fort, klingende Schönheit in Musik gegossen. "You be careful on the black ice, take your time, mind how you go, take all the Corners slow" ist als Vorsichtswarnung im Winter gar nicht so verkehrt, aber im diesem sommerlichen musikalischen Gewand tönt der Winter doch arg fern. Aber Vorsicht ist immer noch besser als Nachsorge.
Etwas engagierter sitzt Whitaker unter dem Kastanienbaum: Besen-Schlagzeug, sanft gezupfter Bass und darüber ein paar Akustikgitarren-Licks, während im Hintergrund zarte Streicher säuseln. In 2:14 Minuten liegt hier in der Kürze die Würze. Im Mittelteil klingt das Arrangement und Whitakers sanfte Stimme fast eins zu eins wie der olle Beatles-Paule.
Im folgenden "Lucid Dreamer" packt Matthew seine geliebte Twang-Gitarre aus, mit der er auch die Henge-Songs gerne untermalt. Nur schlurft hier das Tempo um einiges langsamer dahin. Statt Sequencer- und Synthie-Attacken regiert hier melodieselige Gemütlichkeit. Wenn man nicht wüsste, dass der Gute aus dem heutigen Manchester stammt, man könnte ihn auch problemlos ins American Songbook schmuggeln. Nur der typische Akzent verrät den Engländer. Aber so ganz ohne Weltall kommt der Henge-Frontmann doch nicht aus: "Lucid, lucid dreamer, wandering the astro plane".
Das Instrumental "For The Weary" klingt wie eine Abspann-Melodie eines Spaghetti-Western, nur das cool intonierte Saxophon lenkt etwas von der Ennio Morricone-Szenerie ab. Im Portrait des Künstlers verarbeitet Whitaker wohl seine eigene Spleenigkeit und untermalt das mit Theremin-Klängen. Zum Abschluss liefert "Stand Up To The Man" eine kaum verhohlene Watschn für diejenigen, die sich keinen Deut um Menschenrechte scheren. Whitakers Mutmacher führt auf wunderbare Weise aus dem Album heraus: "Lass dich von deiner Angst nicht entmutigen. Auch wenn sich vielleicht nichts ändert, protestiere trotzdem. Sag etwas, selbst wenn deine Stimme zittert."


Noch keine Kommentare