laut.de-Kritik
Wenn Beschleunigung in die Vollbremsung mündet.
Review von Philipp KauseObwohl bei "Sing meinen Song - Das Tauschkonzert" zumeist deutsche Acts zu hörenn sind, gehörte vor sechs Jahren Milow zum Aufgebot. Der belgische Sänger mit der unbeschwerten und nahbaren Stimme pflegt als Dreh- und Angelpunkt all seiner Releases eine Folktronic-affine Kreuzung aus Songwriter-Ästhetik und Urban-Rhythmen und Beats. Wie er diese Nische jeweils weiter entwickelt, erweist sich im Detail dann mit jedem Album als Überraschung. "Boy Made Out Of Stars" ist nun sein zehntes.
Längst ist der Musiker an die US-Westcoast ausgewandert - also wirklich weit weg vom "Tauschkonzert"-Raster. Südsee-House, braver R'n'B und ehrliches Acoustic-Storytelling wechselten bei ihm bisher ab, stets wandelte er so auf dem Pfad der braven Unterhaltung. Milow hielt dennoch eine gewisse Qualität, überschlug sich aber nie in der Suche nach einem Profil.
Einen kommerziellen, prägnanten Singlehit landete er gleichwohl länger nicht mehr. Der letzte datiert fast zehn Jahre zurück: "Howling At The Moon". Wirklich greifbar wird er mit den 15 neuen Songs nun immer noch nicht. In Summe wirken sie sie irgendwie unentschlossen, ähnlich zufälligen Recordings, manche davon relevanter, manche weniger. Charisma ist etwas anderes.
Die besseren Stücke haben etwas Anrührendes, das ohne Innehalten und Tristesse auskommt, der Gegenentwurf etwa zu James Blunts Gefühls-Pop. So sticht hier der , wenn auch gegen Ende sedierende, Opener "One By One" hervor. "I took my failures and put them into songs", das klingt immerhin sympathisch. "You took all my demons, you turned them into the dust and took them one by one".
In Sachen Tempo geht es ordentlich vorwärts. Mancher Track gerät sogar etwas hektisch. Wobei Milos Stimme dem Drive dann kaum standhält, wie in "Get Up And Go", oder wenn das Accelerando, die Beschleunigung mit großem Tam-Tam, in eine Vollbremsung mündet (das folky brave "Tell Me Twice"). Der Retro-Trip zum Ukulele-Folk setzt sich bei aller Offbeat-Affinität doch immer wieder durch, so auch im flockigen Titeltrack "Boy Made Out Of Stars", der einen slighten Simon & Garfunkel-Ansatz verfolgt. In "Batman Sign" und im lockeren Singalong "Lost In The '90s" gelingt diese Balance ganz gut.
Manches bleibt dagegen im Versuchs-Modus kleben, etwa "Clear And Simple" mit einem guten Intro und einem Zuviel an Streichern, Kitsch und Anstrengung in der Stimme. Ferner tauget es wenig, Western-Rock mit Handclap-Folktronica zu kombinieren. Im Duett "Castaways" an der Seite der Tirolerin Florence Arman misslingt dies jedenfalls Mit mehr Herzblut gemastert und gesungen, könnte das Lied an Kontur gewinnen. "Leave It Just Like This" im Gordon Lightfoot-Gestus könnte zeitlos wirken. In dem schrillen Umfeld wirkt das glasklar und rundum wohlige Lied eher ziemlich aus der Zeit gefallen.
Besagtes Umfeld ist eher durch Beliebigkeit charakterisiert. Das mag auch auf mangelnden Content in den Lyrics zurückzuführen sein. Ich kenne keinen, der so spricht wie Milows Ich-Figur: "A-a-a-i I think I lost my ma-mai-ma-mind (...) When you're by my side / I feel electrified and I wonder if I'm crazy - o-oh I'm just crazy for you". "My heart's skipping a beat", konstatiert der 43-Jährige in "Crazy For You".
Zwischen den mieseren und besseren Stücken tummelt sich zudem etliches Mittelmaß. So klingt der freundliche Groove-Pop "Mona Lisa" zwar okay, aber schon beim ersten Hören schon ausgelutscht. Midtempo-Töne stehen Milow besser, wie im eingängigen "Dancing To Sad Songs". Eine Hitsingle hört man trotzdem nicht. Das Werk bleibt unter Strich trotz angenehmer Momente eher dröge. Die ruhigste Performance, "I've Been Expecting You", ist die beste: elegant, zart, kammermusikalisch.
6 Kommentare mit 3 Antworten
Einer der langweiligsten Acts, die man im Radio hört.
Seine letzte Beschleunigung hat er von der Schwerkraft erhalten, als er aus seiner werten Frau Mutter plumpste.
Gähn/5.
Bis 2015 war es nur gepflegte Langeweile, aber "Howling At The Moon" war schon mehr als nur schlecht. Seither ungehört x♥/5.
X < 3 /5 sollte es heißen.
Es gibt so ein paar Lieder die mich physisch belasten und sehr unglücklich machen. Wahrscheinlich irgendwelche Frequenzen oder Arten sie zu produzieren.
Bisher gehörte jedes mir bekannte Milow Lied dazu. Vielleicht seine Stimme. Ich will ja niemanden was böses, aber ich wäre sehr erleichtert wenn ich nie wieder etwas von ihm hören müsste.
+1,
auch wenn es bei mir inzwischen fast ausschließlich beim Haussender des Lebensmitteldiscounters meines Vertrauens (oder eher: meiner Bequemlichkeit) gelegentlich zu ungewollten Begegnung mit seinem Schaffen kommen kann: Sind die ersten 2 instrumentalen Takte noch bestenfalls indifferent, unaufdringlich und generisch, so ist spätestens mit seinem Stimmeinsatz bei mir sofort die Fräse an der Großhirnrinde angeworfen, die sich mit jeder seiner Gesangszeilen tiefer ins graue Zellmaterial zu fressen und dabei einen physischen Schmerz zu verursachen scheint, der anhand der Rezeptorendichte an der Wirkungsstätte gar nicht existieren können sollte und von Milows Musik doch immer wieder aufs Neue vortrefflich in eine unvermeidlich spürbar werdende Existenz manifestiert wird...
Will ihm nix böses, aber muss mich allen Vorrednern anschließen.
Will ihm Böses, stimme meinen Vorredern aber nicht zu.
Will ihm Böses, will meinen Vorrednern Böses, stimme meinen Vorrednern aber zu, außer in dem, dass sie nicht Böse sind.
Also "Ayo Technology" kann man ja schon als Pionier-Leistung bezeichnen, weil heutzutage alle unkreativen Unken ohne eigenen Ideen auf Social Media dieses Ding von wegen "Wie würde 'Mein kleiner grüner Kaktus' klingen, wenn er von Farid Bang performt würde?' machen.
"You and me (In My Pocket)" war doch auch ein witziges Liedchen. Ansonsten wüsste ich bei Gott nicht, warum man die Musik von diesem Mann hören sollte.