laut.de-Kritik
Ein Streifzug durch den Blues.
Review von Emil DröllNur etwas mehr als ein halbes Jahr hat sich Van Morrison Zeit gelassen, um auf das überraschend starke "Remembering Now" nachzulegen. Und wer gehofft hatte, der Belfaster würde ein ähnliches Kapitel aufschlagen, bekommt stattdessen etwas anderes, aber keineswegs weniger Hörenswertes: "Somebody Tried To Sell Me A Bridge" knüpft konzeptionell eher an "Roll With The Punches" an. Morrison covert, was das Blues-Erbe hergibt, lädt prominente Gäste ein und wirkt dabei so gelöst wie schon beim Vorgänger.
Schon der Opener "Kidney Stew Blues" ist eine Hommage an Eddie Vinson. Der Song groovt leichtfüßig los, das Saxophon bleibt zunächst im Hintergrund, dafür sitzt das Arrangement von Beginn an auf einem warmen, lebendigen Fundament. Hier wurde niemand ins Studio gezwungen, das spürt man jede Sekunde.
Zum Glück bleibt es nicht bei einem Vinson-Stück: "King For A Day Blues" legt direkt nach und zeigt einmal mehr, wie unfassbar gut Morrison der erzählende Blues liegt. Er deutet früh an, dass dieses Album nicht bloß eine Sammlung von Standards sein will, sondern ein Streifzug durch das gesamte Feld: Boogie-Woogie, Swing, Rhythm'n'Blues bis hin zu jazzigen Schattierungen.
Auch "Snatch It Back And Hold It", ursprünglich von Junior Wells geprägt, bekommt eine neue Morrison-Färbung. Die Mundharmonika bleibt zwar etwas zurückhaltend, doch gerade diese Zurückgenommenheit lässt Raum für Morrisons Stimme, die sich hier mit rauer Selbstverständlichkeit durch die Zeilen zieht.
Mit "Deep Blue Sea" bekommt der Delta Blues neue Schuhe, während "Ain't That A Shame" schon an die melodische Leichtigkeit von "Remembering Now" erinnert. Gemeinsam mit Elvin Bishop gelingt ihm in ersterem eine wunderbar lockere Interpretation, die eher nach Live-Jam als nach Studio klingt. Ein Highlight sind im Folgetrack die Passagen mit Taj Mahal, der auf "Can't Help Myself" und "Betty And Dupree" nicht nur stimmlich, sondern auch atmosphärisch enorme Tiefe hineinbringt. Die Duette lockern die manchmal etwas gleichförmig werdenden Morrison-Erzählströme auf, bringen mehr Dialog, mehr Gefühl, mehr Wechselspiel.
Spätestens mit "Delia's Gone" wird es maximal nostalgisch, während "On A Monday" als countrybluesiges Leadbelly-Nicken die volle Duett-Ladung liefert. Hier klingt Morrison nicht wie ein alter Mann, der in Erinnerungen schwelgt, sondern wie jemand, der sich noch immer mitten in dieser Tradition zuhause fühlt.
Natürlich darf auch Langzeit-Kollege John Allair nicht fehlen, in "(Go To The) High Place In Your Mind" bekommt er seine Chance. Die beiden Tracks mit den typisch Morrison-esken Titeln "Social Climbing Scene" und "Somebody Tried To Sell Me A Bridge" wecken kurz die Befürchtung, er könnte 2026 wieder ins Schwurbeln abdriften. Glücklicherweise bleiben die Texte offen genug, eher bluesig-allgemein als konkret ideologisch. Musikalisch sind beide Stücke stärker call-and-response-orientiert, melodisch groovend, fast schon soul-jazzig.
Die wahren Höhepunkte aber liegen am Schluss: Hier wird es noch einmal lauter, chaotischer, elektrischer. "I'm Ready" ist ein bluesrockiges Statement, das die Platte mit Nachdruck Richtung Chicago schiebt. Und die finale B.B. King-Hommage "Rock Me Baby" bildet einen krönenden Abschluss: Buddy Guy mit dabei, der Gitarrensound erinnert an einen leicht übersteuerten Röhrenamp, und die fünfeinhalb Minuten verfliegen wie im Flug.
Mit "Somebody Tried To Sell Me A Bridge" führt Van Morrison sein Post-Pandemie-Comeback konsequent fort: ein Sammelsurium aus Blues-Klassikern, lohnenswerten Gästen und spürbarer Spielfreude. Nicht jede Minute ist zwingend, dafür ist die Laufzeit schlicht zu großzügig, aber wenn Morrison im Blues aufgeht, dann klingt selbst das Alterswerk noch unfassbar lebendig.


Noch keine Kommentare