laut.de-Kritik
Die Conscious Party groovt weiter.
Review von Philipp KauseZiggy war mit seinen Melody Makers nicht nur der erste der Marley-Brüder, der solo Platten veröffentlichte. Er blieb der fleißigste und stets rhythmisch entlang der "Brightside" wippend, wenngleich sie alle mit neuem Material einigermaßen geizen. 1985, im Alter von 16, erschien Ziggys Debüt-LP. 1988, sieben Jahre nach dem Tod seines bis heute erstaunlich (welt)berühmten Vaters, plädierte er für eine "Conscious Party", bis heute Motto all seiner Musik. In den 90ern flirtete er über Gebühr mit Dance, Synths und cheesy Pop, wandte sich aber im Verlauf vom Major-Business ab und als Solo-Selbständiger mit seiner eigenen Firma Tuff Gong wieder ordentlichen Resonanz-Bässen und typischem One Drop-Roots Reggae zu, mit teilweise politischen Texten wie auf seiner letzten regulären LP 2018, "Rebellion Rises".
Nach einer Kinderlieder-Platte, einem Kinder-Bilderbuch und mehreren vorzüglichen Live-EPs in den letzten Jahren liegt nun mit "Brightside" eine schöne Studioscheibe mit mehr als soliden Neuheiten bis sehr guten frisch geschliffenen Diamanten vor. Auf der politischen Seite arbeitet sich der Singer/Songwriter mit dem tollen Timbre an Korruption ab und daran, sich vorschnell mit etwas zufrieden zu geben. Er trat stets für Aufklärung und demokratischen Fortschritt ein, für eine Balance aus Gemeinschaftsgefühl und individueller Entfaltung ("don't let society control your mind"), beides immer und jetzt wieder besungen im Ziggy-Œuvre. In "Hey People Now" sagt er Einschüchterung und Illusionen den Kampf an und benutzt dafür eine saxophonverzierte Funkrock-Roots-Verschmelzung. Die bravouröse Ko-Sängerin heißt Nikka Costa.
Das andere Lebensthema bleibt der Anti-Rassismus, dem er mit der klaren Kante "Racism Is A Killa" eine neue Festival-Hymne beschert. Sie hat jenen Trance-Vibe, den man aus älteren oft live gespielten Nummern von ihm kennt, die dann never-ending minutenlang die gleichen Bausteine repetieren, und "Racism Is A Killa" wird ebenfalls nicht fad. Die Tradition antirassistischer Songs im Reggae reicht weit über Papa Bobs "Burnin' And Lootin'" hinaus, das Sebastian Sturm als Imitator Marley's Ghost stets covert, und diese Thematik und Haltung waren etwa bei Eddy Grant von megagroßem Einfluss. Je direkter solche Songs ins Ohr gehen, desto schneller verbreiten sie sich und sensibilisieren und supporten das weltoffenere Publikum, und man merkt schon, dass das Ziggys Anliegen ist. Es gibt Geschwister von ihm wie Julian oder Ky-Mani, die vergleichsweise allgemeiner upliftende Botschaften trällern - Ziggy setzt aber gerne den Stachel an einem Problempunkt an. Sicherlich, er bleibt auf einer Schlagwort-Ebene, aber das Plakative verbindet er wirkungsvoll mit hemmungslos guten Bass-Grooves, und so ergeben sich kraftvolle Hymnen.
Immense Kraft bezieht auch diese Platte wieder aus professionellem Näseln und melancholischen Zwischentönen. Beides ist Ziggys Stimme und Gesangsstil immanent. Man identifiziert ihn unter Zigtausenden sofort. Der Wiedererkennungswert macht den Einstieg leicht, wenn man Ziggy bereits kennt. Für Neueinsteiger:innen ist die Eingängigkeit hoch. Der Aspekt der Vocals gewinnt beispielsweise in "Why Let The World" neben Trombone Shorty als Posaunist und der illustren Sheila Escovedo als Percussionistin an Stellenwert: Der Wahl-Kalifornier klingt der Stimme nach eher wie ein introspektiver Folk-Barde (in den Strophen) und intensiver Soul-Poet (in Refrain und C-Teil), aber einer auf Reggae-Beats. Damit positioniert er sich als eine Art Bill Withers Jamaikas. Ein geschmackvoll abgestimmter Chor sorgt für Harmony Vocals der edlen Güteklasse, wie man sie von Bobs I-Three gewohnt ist.
Koproduziert hat der jüngere Bruder und Acoustic-Folk-Liebhaber Stephen die Scheibe. Insbesondere in der Ukulele-Nummer "Make It Paradise", mit Jake Shimabukuro aus Hawaii an den Saiten, und bei der bittersüßen Reminiszenz an den legendären Vater, "Many Mourn For Bob", merkt man das. Akustikgitarre und ein sehr weich getupftes E-Piano tragen das atmosphärische Stück voller ausgesprochen schöner Allegorien und Metaphern. Unter den Frauenchor im Mittelteil mischt Stephen Interview-Ausschnitte von Bob.
Auffällig ist die etwas verstimmt, mellow tönende Melodieführung, die fürs ganze Album gilt und bei "Sweet Divine" schließlich unausweichlich ins Ohr sticht. Ziggy, der als David in den Credits steht, wie David Bowie auch David heißt und sich nach dessen "Ziggy Stardust" benannte, komponierte alles ungefähr eine Sechstel-Note abweichend zu gängigen Tonleitern. Empirische Studien zeigen, dass die entsprechenden Ton-Frequenzen auf 432 Hertz beim Hören für Entspannung, eine niedrigere Atemfrequenz und einen ruhigeren Puls sorgen würden. "432 Hertz waren schon lange auf meinem Radar", erläutert der neunfache Grammy-Gewinner im US-Rolling Stone. "Was ich beobachte: Es hat tatsächlich eine Wirkung auf das Publikum, auf mich und auf die Band. Die Verbindung ist stärker." - Auch James Blake sei Fan der 432 statt sonst 440 Hertz geworden, zu hören auf dessen aktuellem Werk.
Man mag Ziggy Marley nicht zuletzt für seine kitschig verzerrende Produktion des "One Love"-Films und seinen teuren Lebensstil am Stadtrand von Los Angeles kritisch entgegnen, dass er eigentlich nicht so überzeugend das Image des problembewussten Protestsängers auslebt. Die Vorwürfe kennt er. Er greift sie im Text des Titellieds auf und beharrt auf seiner Entscheidung: "I'm living my lifestyle - I'm living on the brightside!" - Was er unbestreitbar liefert, sind großartige Kompositionen, warme Arrangements und saubere Produktionen mit hochkarätigen Musikern, die er live mitreißend in Szene setzt.


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