laut.de-Kritik
Elastisch, smart, poetisch - Psychedelic auf Türkisch.
Review von Philipp KauseAnatol-Rock ist ein schickes Schlagwort, sagt aber ungefähr so viel aus, wie wenn man Peter Maffay, Die Toten Hosen und Nina Hagen alle Deutsch-Rock nennt. In den letzten zehn Jahren haben sich verschiedene Ausprägungen einer Idee außerhalb der Türkei und teils auch dort gezeigt, für die Altın Gün mal eine Vorreiter-Band war. Die Trendsetter aus Amsterdam brachten westliche Psychedelic, Klangfarben von Wüsten-Rock, orientalische Harmonien, türkischen Kassetten-Pop der 1960er und 70er und traditionelles Liedgut zusammen. Auch Funk-Partikel sagt man ihnen nach. Als sich die Bandmitglieder 2020/21 im Lockdown nicht oder nur bedingt sehen konnten, verlagerten sie ihre spielerische Energie teils auf Synthie-Disco-Klänge. Aus ihnen entstand das Album "Yol". "Garip" ist jetzt das sechste. Übersetzt heißt es 'seltsam, befremdlich'.
Unterdessen hat sich das, was man Anatol-Rock nennen könnte, weiter entwickelt und diversifiziert. Altın Gün landen hier aktuell bei Klängen, die man einem Film, der in Frankreich in den Sixties spielt, als Soundtrack angedeihen lassen könnte. Diese orchestrale Ausrichtung bei "Suçum Nedir" hat mehr mit Jonathan Jeremiahs Retro-Anwandlungen gemeinsam als mit Rock oder dem türkisch-nahöstlichen Kulturraum. Wie uneinheitlich der ausschaut oder sich interpretieren lässt, zeigt die Bandbreite von der LGBTQ+-Aktivistin und Polit-Songwriterin Gaye Su Akyol über die multinationale Musikakademikerin Derya Yıldırim mit ihrer Grup Şimşek und alevitischen Gedichten, bis hin zu Sinem aus München, die bei New Wave und melodiearmen, basssatten Covers im Post-Punk-Gewand landen. Während auch Sinem teils bekannte türkischsprachige Leute des 20. Jahrhunderts covern und Derya Yıldırim sich gerne auf Mahzuni Şerif beruft, machen Altın Gün ein Tribute-Album an Neşet Ertaş.
Der Singer/Songwriter lebte phasenweise in Deutschland. Ein Plattenladen, den er 1980 in West-Berlin eröffnete, brachte ihm eine posthume Gedenktafel in der Hauptstadt ein. Insbesondere in den 1990ern nahm er eine unübersichtliche und stattliche Zahl an Alben auf. Sie erschienen oft bei verblichenen Kleinst-Labels, seltener bei größeren türkischen Firmen, aber alle in seiner Heimat (im Unterschied zu anderen wiederentdeckten Interpreten, die hierzulande besser vermarktet wurden). Ertaş kommt auf zirka 30 Longplayer im MC- oder CD-Format, und Altın Gün haben sich durch sein Werk durchgehört.
Mit ihrer Auswahl klingen sie nun durchweg wie Altın Gün und nicht wie die Cover-Truppe eines einzelnen Barden. Die Ästhetik seiner Texte und die Kraft seiner Poesie machten ihn hauptsächlich bekannt - davon hat man nun kaum etwas, wenn man nicht muttersprachlich Türkisch versteht. Dass der Sprachklang aber außerordentlich smart in die Ohren schlupft und einfach gut klingt, merkt man auch so. Wenn Altın Gün-Sänger Erdinç Eçevit beim Vortrag innehält und Fragen zu stellen scheint wie in "Neredesin Sen", oder die Silben mit dem Rhythmus hüpfen und Erdinç Wortwiederholungen malt wie in "Gönül Dağı", dann spürt man etwas von dieser Poesie. "Gönül Dağı" ist der Song, der auch das Titelwort "Garip" enthält.
Dabei geht ein großer Teil der Strahlkraft dieser Platte auf die Konten der elastischen und mitreißenden Drums und Percussion (Chris Bruining, Daniel Smienk) und der desertrockigen Lead-Guitar-Riffs (mit Thijs Elzinga an den Saiten). Die durchdringenden Bässe von Jasper Verhulst segnen das Album mit einer gehörigen Portion Schummrigkeit. Zwei Markenzeichen vereint der Frontmann, Erdinç Ecevit, in seiner Person, Keyboards bzw. E-Orgeln und die Bağlama, eine dank Derya Yıldırim mittlerweile recht bekannte Laute. Das Instrument gehört zu den erfolgreichsten Bands des Anatol-Rock dazu so wie die Querflöte zu Jethro Tull.
Der rhythmische Schwung der Performances beeindruckt. "Gel Yanıma Gel" schnalzt und springt, ergänzt um freche Geigen-Sechzehntel. Das 43-sekündige Galopp-Intro zu "Zülüf Dökülmüş Yüze" sorgt für weitere Sportlichkeit beim Geschichtenerzählen. "Wir wollten etwas anderes machen als bisher (...) weniger poppig", kommentiert Bassist Jasper. Das Album macht durchaus diesen Eindruck des 'Andersartigen'. Der Gefahr der Ethno-Exotik sitzt die Gruppe trotz eigener Einschätzung nicht auf. "Die traditionelle türkische Musik ist der Blues des türkischen Volkes", ordnet Erdinç Ecevit ein und klingt dabei schon ein wenig touri-romantisierend. "'Gönül Dağı' drückt aus, was das ländliche Anatolien schon immer empfunden hat - dass Liebe sowohl heilig als auch traurig ist, eine wahre Naturgewalt."
Dennoch wirkt diese Ballade universell und modern im Sounddesign. Sie gilt als eines der bekanntesten Lieder des gecoverten Neşet Ertaş, der schon immer auch von anderen aufgenommen wurde. Auch die andere Ballade der LP, "Bir Nazar Eyledim", erfährt einen zeitgemäßen Schliff mit pumpender, hallender, dröhnender und glitzernder Elektronik. Zwischendrin gibt es mit "Benim Yarim" auch ein psychedelisches Instrumental an der Orgel - ungewöhnlich fürs Tribut an einen Dichter. "Garip" ist ein aufgewecktes und interessantes Album in tonaler Premium-Produktion mit großartigen und kreativen Instrumentalisten und einem sehr gut ausgefeilten Spannungsbogen.


1 Kommentar mit einer Antwort
Gerade mal 30 Sekunden lang in "Neredesin Sen" reingehört und schon mal danke, das wirkt auf mich in dieser Kombination angenehm frisch. Ich hatte mit dieser Art Musik jedenfalls bisher noch keinen Kontakt, und hör mich nachher mal durch.
Sehr gute Band und Musik.
Viel Spaß bei der Erkundung.
Baba Zula empfehle ich dir, auch mal anzuhören.