laut.de-Kritik

Suffering from success.

Review von

Überraschung, OG Keemo droppt seine neue EP "Berserker +". Gerade jetzt, wo er in einer merkwürdigen Phase seiner Karriere steckt. Seit man ihm nachsagte, zusammen mit seinem Producer-Buddy Funkvater Frank mit "Mann Beisst Hund" eines der besten Deutschrap-Alben aller Zeiten aufgestellt zu haben, fühlte sich alles, das darauf folgte, wie Sidequests an. Gute Sidequests, keine Frage: Das Album "Fieber", Kollaborationen mit Gerda, Haftbefehl, ja sogar Conway The Machine und vielen mehr sowie zwei Singles mit Shindy und Ramzey, die in den Charts landeten.

Trotzdem beschleicht mich das Gefühl, dass nichts davon den Tiefgang von "Mann Beisst Hund" erreichte. Soll man jemand ständig nur an seinem besten Werk bemessen? Ich gönne es Karim ja trotzdem, dass er sich danach erstmal dazu entschied, einfach das zu tun, worauf er Bock hatte, wenn ich mich an die Zeilen des Outros seines letzten Albums erinnere: "Das ist wie ein Reboot, ich muss wieder lernen, wie man Musik liebt / Und obwohl ich nur von Tasche oder Sloppys prahl' / Werden sie sich in der Woche, wo ich droppe, trotzdem fragen, was es zu bedeuten hat / Ich hatte Fieber, neunundneunzig Grad, und wollt dasselbe fühl'n, als des noch Hobby war."

Da stelle ich mir Keemo wie Brian aus dem Monty Python-Klassiker vor, wie er vermutlich davon genervt war, plötzlich von allen als Messias des deutschen Rap-Games angesehen zu werden. Zumindest ich habe in den vier Jahren seit "Mann Beisst Hund" auch etwas Interesse an ihm verloren, bis er kürzlich "Blind" veröffentlichte. Gewohnter High Standard in Sachen Keemo & Franky, ein majestätisches, gleichzeitig horrorhaftes Sample auf einem Trap-Loop, und Keemo haut wieder fette Punchlines, Referenzen und Representer-Bars raus. Zumindest auf andere Rapper herabsehen und flexen kann vermutlich kaum jemand in Deutschland so gut wie er: "Die N***** sind Stadtwerke und bringen Abwasser raus und machen noch Mill'n damit / Die N***** sind Predators und ich rede nicht ma' von den'n aus dem Achtziger-Film", oder: "Ich erfüll' jedes Poser-Cliché / Ich will Patte, Klamotten und große Coupés / Und jegliche Edelmetalle aus dem Periodensystem."

Dennoch kamen wieder Zweifel auf: Geht die Sidequest jetzt einfach nur weiter? Flext er wieder in den lieben langen Tag hinein ("N***** hab'n sich gefragt: 'Ist das der Einser-Award oder macht ihm die Kohle bequem? / Vielleicht hat er ein Drogenproblem, ich hab' ihn's letzte Mal im Oktober geseh'n'")? Zumindest gab es auf dem Track letzten Endes doch Anzeichen, dass da mehr kommen könnte: "26 wird unangenehm." Nachdem das Musikvideo zu "Blind" erschien, folgte zur letzten Mitternacht der Rest der EP, und hier erweckt er den Eindruck, dass sich die Schattenseiten des Erfolgs zunehmend manifestieren.

Der Opener "Chaos" hält, was sein Titel verspricht. Funkvater Frank choppt das schaurige Streicher-Sample und ordnet es wirr um, während OG Keemo vergeblich nach einem Ziel auf dieser Welt sucht. Zwar bleibt weiterhin die Jagd nach etwas Barem eine Art Anker ("Bitch, ich jage um mich schlagend an grauen Tagen nach bunten Farben / Hunger haben, Hunger still'n, Hunger haben"), doch er erkennt, dass auch das wenig zielführend ist: "Ich folge meiner Stimme, doch wohin ich auch gehe / So, als ob ich mich nach hinten bewege." Auch lässt sich ein Motiv erkennen, das sich immer wieder auf der EP zeigt: "Und diese Welt noch immer am dreh'n, Hoe, das ist schwindelerregend."

Auf der Jagd nach "bunten Farben" bzw. Geldscheinen steigert er sich auf "Mehr" maximal in seine Habgier rein: "Der Planet ist dreißig Prozent Land, doch ich brauche mehr." Frankys Dirty South-Beat erinnert an eine psychotischere Version von "Civic", opulent und extrem bedrohlich, besonders in Kombination mit Keemos an den mythologischen Midas erinnernden Hunger nach mehr und immer mehr Gold: "Der ganze Bauch voll Klunker, doch nichts stillt diesen Hunger / Solang dreht sich diese Welt / Die Mio macht mich fett / Die Roli ist ein Snack, die goldene Kette schmeckt so / Ich fress' hundert Hoes auf und die Haut ist goldbedeckt." Die Todsünde der Habgier leitet in Ramzeys Hook regelrecht zur Gottesverhöhnung über: "Nicht Moses, im Süden wird nicht mehr geteilt."

Auch wenn "Mehr" mein Highlight auf der EP ist, beherbergt "Hass" eine von Funkvater Franks bislang interessantesten Produktionen. Jersey-Club-Drumpatterns treffen auf eine aggressive, Industrial-artige, wie Stromschläge klingende Atmosphäre, passend zum apokalyptischen Bild, das Keemo mit seinen Lyrics zeichnet: "Steh' auf dem hundertsten Stock, schmeiße Hunnis aus dem Fenster / Der Bundestag wurde geentert, vor der Bundesbank hängen die Bänker / Der ganze Planet steht in Flamm'n, die Asche lässt Juli ausseh'n wie Dezember."

"Auge" hingegen entspannt die überladene Situation mit einem lässigen Trap-Beat auf einem Gitarren-Loop. Gleichzeitig nimmt Keemos sinnlose Jagd nach Ruhm und Reichtum deprimierende Ausmaße an: "Kohleberg hoch wie der Kaukasus, Schädel dreht sich wie ein Schraubverschluss / Deine Freiheit kann ich mir nicht kaufen, deshalb schau' ich, dass ich alles andre kaufen muss." Es folgt ein Refrain mit der Sängerin Maïa: "Jeder Segen nicht echt, jedes Wort ist gestellt / Die Welt dreht ihre Runden und ich dreh' mich um mich selbst." Letzen Endes kümmert es die Welt nicht, wieviel Geld Keemo anhäuft. Und wenn ich daran denke, dass Rapper ihren Erfolg und ihre Reichtümer zu oft nach stupidem Prosperity-Gospel-Schema auf göttlichen Segen bzw. "Blessings" zurückführen, macht es diese Hook um so besser, da hier der Spieß umgedreht wird.

Nebenbei lässt sich Azad auf der EP immer wieder blicken: "2026, wir brauchen mehr, Junge! Die Welt brennt, Junge!" Seine Skits erinnern öfters an den Erzähler aus "Mann Beisst Hund", der immer wieder solche Dinge sagte wie: "Die Welt geht vor die Hunde." Könnte das ein Zeichen dafür sein, dass ein größeres Projekt auf uns wartet? Warum das Pluszeichen? Soll das ein Vorgeschmack auf ein größeres Album namens "Berserker" sein?

Auf der Website berserker26.de deutet ein Countdown an, dass in knapp einer Woche noch mehr auf uns zukommt. Die Website ist verziert mit Barockgemälden. Dabei fallen einem Leitmotive wie die Vergänglichkeit der Welt ein, die sich schon in der EP zeigten. In naher Zukunft wissen wir vielleicht mehr, was genau es damit auf sich hat. Solange präsentiert sich "Berserker +" als vielversprechend und vor allem ambitionierter als OG Keemos & Funkvater Franks letztes Album.

Trackliste

  1. 1. Chaos
  2. 2. Mehr
  3. 3. Hass
  4. 4. Auge
  5. 5. Blind

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