laut.de-Kritik

Eine kreuzbrave, handwerklich blitzsaubere Angelegenheit.

Review von

Nach über sieben Jahren rückt die Schwedin Robyn die Prioritäten zurecht: "Sexistential". Das Pressefoto der Dame, das ihr auch in unserem Portrait seht, ist aber deutlich naughtier als die Texte der Scheibe. Es geht mindestens so viel um Herzschmerz und persönliche Befreiung wie ums Schnackseln. Die Befreiungsgeste bleibt pathetisch nur wenig aufgeladen, bände die Sängerin es nicht jedem auf die Nase, es interessierten sich noch weniger Menschen dafür, ob sie ihr Kind IVF-befruchtet oder sonst wie bekam und ob sie parallel sexuelle Beziehungen pflegte oder nicht. Als reiche Schwedin bleibt der Gegenwind dem Cabrio vorbehalten und es fehlt an Reibungsfläche.

Die Platte entstand vor allem mit ihrem langjährigen Weggefährten Klas Åhlund, bekannt durch seine Zusammenarbeit mit einer ganzen Riege von etablierten Popsternchen. Neue Einflüsse waren auch wegen der zeitgleich zu den Arbeiten grassierenden Epidemie wenige, Joe Mounts Beteiligung hört man nicht heraus. Keine Zweifel: Live mit David Byrne bei der 50-Jahr-Feier von Saturday Night Live, mit Charli XCX und Gracie Abrams, ist die Schwedin eine Wucht. Das war schon als Live-Antreiberin von Lykke Li bei "I'm Good, I'm Gone" vor 18 Jahren so. Eben als kongeniale Partnerin bringt sie eine Verve und "Life" in Jamie XX oder in die Zusammenarbeit mit Yung Lean.

Solo nahm Robyn nach dem dominanten "Body Talk" mit "Honey" eine laszive, warme Ausfahrt, die hier revidiert wird; der Wille zur Rückkehr zu "Body Talk" ist spürbar, der damals soundmitgestaltende Max Martin wurde für zwei Co-Writes an Bord geholt. Für den angestrebten clubbigen, dynamisch-poppigen Sound braucht es Hooks, und von denen hat "Sexistential" bedeutend weniger als die Body Talk-Trilogie. Ein akzeptables Niveau halten alle Songs, das Schlusslicht bildet der Opener "Really Real". Dessen Grundbeat nervt schlicht und der Aufbau des Spannungsbogens gerät verhunzt und viel zu durchsichtig. Die Leadsingle und Albumhighlight "Dopamine", die Taio Cruz mitschrieb, feiert schon seit November zurecht Erfolge. Robyn steht für eine Verbindung aus Pop und Dance, die der flotte Track gut widerspiegelt. Kein Jahrhunderttrack, aber deutlich überdurchschnittlich.

Daneben gibt es viele vernünftige und okaye Tracks wie das nette, aber halbsteif harmlos bleibende "Light Up" sowie der Closer "Into The Sun" mit seinem guten Beat und schöner Melodiefigur, in dem die Sängerin aber keinen roten Faden findet. "Blow My Mind" unterlässt genau das, da die gute Bassfigur viel zu lange allein stehenbleibt. Die Schwedin haucht gekonnt, es hackelt und zirpt von links und rechts, aber nach dem japanischen Interlude zur Songmitte fällt den Beteiligten nichts ein, als wieder zur selben Bassfigur zurückzukehren. So ist die fehlende Entwicklung in den Songs der größte Makel derselben.

"Sucker For Love" beginnt großartig, man erwartet eine schwedische Rosalia mit Fuck-All-Attitüde um die eisige Ecke auf dem Motorrad schlittern. Aber von allen tollen Soundideen des Beginns übernimmt bei diesem gleichwohl zweitbesten, guten Track die langweiligste. Nie mehr gerät der Song so spannend wie zu Beginn. Robyn ist doch keine Sia, ihre Stimme entfaltet ihre Stärken nicht nackt stehend, sondern im bravourösen Einfügen und Anschmiegen an Beat und Synth. Manchmal kommt man sich vor, als wären den Produzenten die Spuren ausgegangen. "It Don't Mean A Thing" ist noch so ein ziemlich guter Song, dessen Beat fad und langsam klingt und dessen einspringende Synths und Bassattacken dagegen spannend einfallen. Sie dürfen aber nie wirkliche Akzente setzen, sondern sind nur Sprinkel, wo man Robyn wünscht, der Track würde Richtung Kakophonie gezogen oder wenigstens auf den Dancefloor. Das schafft "Talk To Me", der eigentlich deutlich konventioneller ausfällt, aber Robyns Dynamik deutlich mehr entgegenkommt.

Der sehr gute Titeltrack ist der experimentellste dieses an Experimenten so armen Albums. Die Sängerin spricht zu einem Pop-House-Beat, sie wäre die bessere Peaches, hätte sie es sich nur selbst zugetraut. Robyn war nie gefährlich, aber auch nie harmlos. Durchaus fordernd gab sie sich und in ihren besten Zeiten ziemlich losgelöst vom restlichen Popgame. "Sexistential" ist eine ganz kreuzbrave, handwerklich blitzsaubere Angelegenheit und Robyn klingt furchtbar zeitgenössisch.

Trackliste

  1. 1. Really Real
  2. 2. Dopamine
  3. 3. Blow My Mind
  4. 4. Sucker For Love
  5. 5. It Don't Mean A Thing
  6. 6. Talk To Me
  7. 7. Sexistential
  8. 8. Light Up
  9. 9. Into The Sun

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